Nicht jede Position, jede Finanzierungsvereinbarung und jede Schwelle für Nachschussforderungen ist öffentlich dokumentiert. Die berichtete Abfolge ist jedoch klar: Konzentrierte Technologiepositionen fielen stark, Prime Broker verlangten zusätzliche Sicherheiten, und Situational Awareness begann sein Aktienportfolio zu reduzieren, statt eine unkontrollierte Liquidation abzuwarten.
Laut einem später von CNBC zitierten Anlegerbrief nahm Citadel am 29. Juli Gespräche mit Situational Awareness auf. Die Transaktion war weniger als 24 Stunden später abgeschlossen. Citadel übernahm dabei den Großteil der börsennotierten Positionen des Fonds.
Berichte beschrieben den Vorgang als Notverkauf mit einem Abschlag von mehr als 10 Prozent. Für Citadel war dieser Abschlag die Vergütung dafür, in einem volatilen Markt ein großes und komplexes Portfolio zu übernehmen. Für Situational Awareness bot der gebündelte Verkauf einen schnelleren Weg zu Liquidität, als jede einzelne Position in einem fallenden Markt zu veräußern.
Wie profitabel der Deal für Citadel genau war, lässt sich aus den öffentlich verfügbaren Informationen nicht abschließend ableiten. Weder der Abschlag noch spätere Kursbewegungen erlauben eine verlässliche Berechnung des Transaktionsgewinns. Der Flaggschiff-Fonds Wellington von Citadel stieg im Juli zwar um 5,9 Prozent. Diese Rendite umfasst jedoch auch andere Geschäfte und isoliert nicht den Gewinn aus dem Kauf von Situational Awareness.
Bei einem Notverkauf ist ein wichtiger Unterschied zu beachten: Vermögenswerte zu kaufen bedeutet nicht zwangsläufig, deren ursprüngliches Marktrisiko dauerhaft zu behalten.
Bis zum 21. August habe Citadel mehr als 80 Prozent des aggregierten Risikos aus dem übernommenen Portfolio abgebaut, erklärte Griffin. Dafür arbeitete das Unternehmen mit Handelspartnern zusammen und führte fast 100 Blockgeschäfte mit einem Marktwert von mehr als 4 Milliarden US-Dollar aus.
Blockgeschäfte ermöglichen es, große Positionen an institutionelle Gegenparteien zu übertragen oder zu reduzieren, ohne sämtliche Aktien sofort über gewöhnliche Börsenorders auf den Markt zu werfen. Welche Käufer, Absicherungsgeschäfte oder Ergebnisse auf Ebene einzelner Positionen beteiligt waren, ist nicht öffentlich bekannt. Die übergeordnete Strategie ist dennoch erkennbar: Citadel übernahm das Portfolio schnell, bewertete die Risiken und verteilte oder hedgte anschließend einen großen Teil des Engagements.
Bank of America, Goldman Sachs und JPMorgan Chase gehörten zu den Prime Brokern von Situational Awareness. Diese Banken waren in die Finanzierung und die Abwicklung von Sicherheiten eingebunden, als die Positionen des Fonds an Wert verloren. Berichten zufolge halfen Goldman Sachs und JPMorgan außerdem, den späteren Verkauf des Portfolios zu organisieren.
Prime Broker stellen Hedgefonds unter anderem Finanzierung, Verwahrung und Handelsabwicklung bereit. Verschlechtert sich die Lage eines gehebelten Kunden, steigt zugleich das Risiko für diese Banken. In diesem Fall beschleunigten die Forderungen nach zusätzlichen Sicherheiten den Übergang zu einem geordneten Verkauf. Brian Moynihan, der Vorstandschef von Bank of America, bezeichnete den Beinahe-Zusammenbruch später als Warnsignal für die Bedeutung von Hebelwirkung an den Finanzmärkten.
Der Citadel-Deal wurde vielfach als Möglichkeit bewertet, einen großen Zwangsverkäufer aus einem ohnehin angeschlagenen Markt zu entfernen. Indem Citadel große Teile des Aktienportfolios in einer Transaktion übernahm, sank das Risiko, dass sämtliche Positionen einzeln während des Ausverkaufs bei KI-Aktien auf den Markt geworfen würden.
Der Vorgang zeigte außerdem, wie eng gehebelte Technologiewetten miteinander verbunden waren. Reuters berichtete, dass Jane Street im Juli einen Verlust von 15 Milliarden US-Dollar erlitt, der mit Engagements bei Situational Awareness und anderen unter Druck geratenen Technologiewerten zusammenhing. Daraus folgt nicht, dass der gesamte Verlust aus dieser einen Transaktion oder von diesem einen Fonds stammte. Er zeigt vielmehr, dass sich der Stress über mehrere Handelspartner und verwandte KI-Positionen ausbreitete.
Der gemeldete Verlust von Situational Awareness in Höhe von 35 Milliarden US-Dollar wurde von einigen Medien als Rekord oder als extremster Einzelfall des Ausverkaufs bezeichnet. Solche Einordnungen sind mit Vorsicht zu lesen, weil sie unterschiedliche Größen meinen können – etwa einen Dollarbetrag, einen prozentualen Verlust oder eine bestimmte Hedgefonds-Kategorie. Nach von CNBC zitierten JPMorgan-Daten verloren technologieorientierte Hedgefonds ohne Situational Awareness im Juli 10,2 Prozent.
Berichten zufolge suchte Leopold Aschenbrenner nach neuem Kapital und wollte sein Geschäft nach der Liquidation des Aktienportfolios wiederaufbauen. Zudem soll der Fonds private Beteiligungen behalten haben.
Ebenso wichtig ist, was bislang nicht bestätigt ist: Die verfügbaren Quellen nennen keine endgültigen Zusagen von Investoren, keine Zielgröße für einen neuen Fonds und keine eindeutig veränderte Leverage-Strategie. Der Zusammenbruch belegt daher, was mit dem ursprünglichen Aktienportfolio geschah – nicht, wie eine künftige Strategie tatsächlich geführt werden wird.
Der Umgang von Citadel mit dem Portfolio zeigt, welchen Wert Liquidität und schnelle Ausführung bei einer gehebelten Abwicklung haben können. Situational Awareness musste verkaufen, weil fallende, konzentrierte Positionen mit den Forderungen seiner Finanzierer kollidierten. Citadel konnte als Käufer auftreten, einen Notverkaufspreis sichern und das übernommene Risiko anschließend über institutionelle Blockgeschäfte reduzieren.
Die entscheidende Lehre lautet nicht, dass jedes Portfolio in einer Notlage automatisch ein Schnäppchen ist. Sie lautet vielmehr: Hebel kann aus einer vorübergehenden Marktkorrektur einen erzwungenen Kontrollverlust machen. Der gemeldete Erfolg von Citadel beruhte auf dem Management der Transaktion und des Risikos nach dem Kauf – nicht einfach auf einer großen, ungesicherten Wette auf KI-Aktien.