Das Neom-Budget für den Zeitraum 2026 bis 2030 soll rund 60 Milliarden Saudi-Riyal vorsehen – umgerechnet etwa 16 Milliarden Dollar – um Verträge zu beenden und Vereinbarungen mit Auftragnehmern aufzulösen. Die Zahl stammt aus Berichten, die sich auf mit dem Projekt vertraute Personen berufen.
Das bedeutet nicht automatisch, dass Neom offiziell vollständig eingestellt wurde. Es zeigt jedoch, dass das Zurückfahren oder Neuverhandeln großer Projektteile finanziell erhebliche Folgen hat. Langfristige Bauverträge können Strafzahlungen und weitere Verpflichtungen enthalten. Ein Baustopp beendet die Ausgaben daher nicht einfach.
Saudi-Arabien befindet sich damit in einer ungewöhnlichen Lage: Das Land zahlt hohe Summen, um Verpflichtungen abzubauen, muss aber zugleich für bereits fertiggestellte oder unvollendete Arbeiten aufkommen.
Die Schwierigkeiten waren nicht ausschließlich eine Frage des Managements. The Line sollte die Herausforderungen einer ganzen Stadtregion in einem einzigen, extrem langen Bauwerk bündeln.
Ein solches Projekt müsste auf schwierigem Wüstengelände gleichzeitig gewaltige Aushubarbeiten, Fundamente, Bewegungen der Gebäudestruktur, Versorgungssysteme, Verkehr, Wasser, Kühlung, Baustellenlogistik und langfristige Wartung koordinieren. Die verspiegelte Außenhaut und die extreme Länge erhöhten die konstruktiven Anforderungen zusätzlich.
Diese Probleme sind nicht voneinander unabhängig. Tiefere oder größere Fundamente beeinflussen die Aushubarbeiten. Eine längere Struktur macht Versorgungs- und Verkehrssysteme komplizierter. Und Systeme, die eine weitgehend abgeschlossene, kontrollierte Umgebung in einem heißen Klima angenehm machen sollen, erhöhen den Energiebedarf und die Wartungskosten.
So führte der physische Ehrgeiz des Entwurfs zu wachsender Komplexität und steigenden Kosten. Das Wall Street Journal beschreibt, wie außergewöhnliche Kosten auf die finanziellen Realitäten des Königreichs trafen.
Neom konkurrierte mit anderen saudischen Prioritäten um Kapital – zu einem Zeitpunkt, an dem Kosten und Ausführungsrisiken immer schwerer zu kontrollieren waren. Das ursprüngliche Budget von 500 Milliarden Dollar konnte nicht garantieren, dass die ambitioniertesten Bestandteile auch dann wirtschaftlich tragfähig blieben, wenn sich Entwürfe, Verträge und Zeitpläne weiter veränderten.
Die Berichte deuten deshalb auf einen grundsätzlichen Strategiewechsel hin: Saudi-Arabien prüft, welche Anlagen und Teilprojekte weitere Investitionen rechtfertigen, statt jedes Element in der ursprünglich angekündigten Größe und Geschwindigkeit weiterzuverfolgen. Der Fokus verschiebt sich von einer einzigen, umfassenden Vision hin zu einer kleineren oder selektiveren Auswahl von Entwicklungen.
Der Unterschied zwischen einer Verzögerung und diesem Vorgang ist entscheidend. Eine Verzögerung würde bedeuten, dass das Projekt im Kern unverändert bleibt, aber hinter dem Zeitplan liegt. Die Kombination aus pausierten Bauarbeiten, gekündigten oder überarbeiteten Verträgen, verschobenen Meilensteinen und einem eigenen Budget für Vertragsausstiege spricht dagegen für eine deutlich umfassendere Neuplanung.
Das Schicksal der unvollendeten Strukturen ist derzeit offen. Die verfügbare Berichterstattung beschreibt Verträge, die gekündigt, pausiert oder neu gefasst wurden. Offizielle Stellungnahmen bezeichneten diese Veränderungen jedoch nicht immer als vollständige Absagen. Neom, die saudische Regierung und der PIF gaben laut der zusammengefassten Recherche zudem keine substanziellen Antworten auf Fragen zum Gesamtstatus des Projekts.
Für die bereits begonnenen Bauwerke sind daher mehrere Szenarien denkbar:
Ein umfassender, öffentlich zugänglicher Zeitplan legt bisher nicht fest, welcher Weg für welche größere Struktur gilt. Es wäre daher verfrüht, jeden Teil von Neom als endgültig aufgegeben zu bezeichnen. Ebenso irreführend wäre es jedoch, den ursprünglichen Plan einer futuristischen Megastadt als normal fortschreitendes Projekt darzustellen.
„Neom“ könnte weiterhin als Dach für regionale Investitionen und Entwicklungsprojekte bestehen bleiben, selbst wenn die ursprüngliche Vision einer einzigen, integrierten Megastadt nicht mehr verfolgt wird. Kurzfristig kommt es darauf an, ob einzelne Bestandteile wirtschaftlich eigenständig funktionieren können – also ohne die Fertigstellung von The Line in ihrer ursprünglich vorgesehenen Form.
Die bisherige Faktenlage erlaubt eine vorsichtige Schlussfolgerung: Neom ist nicht einfach nur verspätet. Größe, Reihenfolge und Zeitplan des ursprünglichen Vorhabens wurden grundlegend zurückgestellt, während Saudi-Arabien hohe Kosten übernimmt, um Verpflichtungen zu reduzieren und Mittel umzulenken.
Das Beispiel Neom zeigt damit ein bekanntes Muster bei Megaprojekten: Visionen können Investitionen und weltweite Aufmerksamkeit anziehen. Am Ende entscheiden jedoch physische Grenzen, Vertragsverpflichtungen, laufende Betriebskosten und die Konkurrenz um Kapital darüber, was tatsächlich gebaut werden kann.