Auch Wang He, Gründer und Technologiechef des Robotikunternehmens Galbot, erwartet einen Durchbruch. Er nannte als möglichen Zeitpunkt das Ende des Jahres 2028 und verwies auf die fortschreitende Zusammenführung von Modellen und die wachsende Datenbasis.
Humanoide Roboter können inzwischen laufen, tanzen, springen oder in sorgfältig vorbereiteten Vorführungen Gegenstände bewegen. Das eigentliche Problem beginnt dort, wo die Umgebung unbekannt und die Aufgabe nicht exakt einprogrammiert ist.
Ein alltagstauglicher Roboter müsste erkennen, was sich in einem Raum befindet, Ursache und Wirkung einschätzen, einen Plan entwickeln, auf Fehler reagieren und dabei sicher handeln. Dafür braucht es leistungsfähige Weltmodelle – Systeme, die nicht nur Bilder klassifizieren, sondern die physische Umgebung und ihre Regeln möglichst zuverlässig abbilden.
Besonders schwierig bleibt die Generalisierung: Ein Roboter, der eine Aufgabe unter Laborbedingungen beherrscht, muss sie auch bei anderer Beleuchtung, unordentlichen Räumen, unbekannten Gegenständen und unerwartetem menschlichem Verhalten bewältigen. Hinzu kommt die wiederholbare Präzision bei den letzten Millimetern, etwa wenn eine Hand einen rutschigen oder empfindlichen Gegenstand greifen soll. Gehen, Tanzen oder spektakuläre Akrobatik allein lösen diese Probleme nicht.
Die World Robot Conference stand deshalb ausdrücklich unter dem Zeichen, Roboter von Ausstellungsstücken zu realen Anwendungen zu führen. Genau an diesem Übergang räumt auch Unitree Nachholbedarf ein: Die Technik wirkt in Demonstrationen bereits beeindruckend, ist im praktischen Einsatz aber noch nicht vielseitig und zuverlässig genug.
Ein strukturelles Problem unterscheidet Robotik von ChatGPT. Sprachmodelle konnten mit riesigen Mengen frei zugänglicher Texte trainiert werden – mit Datensätzen im Umfang von Billionen Tokens. Für physische Manipulation gibt es keinen ähnlich günstigen, standardisierten und skalierbaren Datenschatz.
Roboter benötigen nicht nur Bild- und Sprachdaten, sondern auch Informationen über Berührung, Kräfte, Bewegungsabläufe, gescheiterte Versuche und die Folgen einer Handlung. Simulationen und ferngesteuerte Roboter liefern zwar wichtige Trainingsdaten. Sie beweisen jedoch noch nicht, dass ein System in einer beliebigen Wohnung sicher und zuverlässig verallgemeinern kann.
Das macht jede Jahreszahl unsicher. Fortschritte bei Modellen, Sensorik und Hardware können sich gegenseitig verstärken – doch fehlende reale Manipulationsdaten, Sicherheitsanforderungen und die notwendige Zuverlässigkeit lassen sich nicht einfach durch mehr Rechenleistung ersetzen.
Wie groß die Erwartungen an die Branche sind, zeigte Unitrees Börsendebüt in Shanghai. Die Aktie schloss am ersten Handelstag 460 Prozent über dem Ausgabepreis und war damit mehr als fünfmal so viel wert wie zu Beginn.
Dieser Kurssprung spiegelt jedoch vor allem die Hoffnung auf einen künftig riesigen Robotikmarkt wider. Er ist kein Nachweis dafür, dass humanoide Roboter bereits selbstständig Hausarbeit erledigen können. Derzeit stammen viele Kunden weiterhin aus Universitäten, Forschungslaboren und anderen Forschungseinrichtungen. Das belegt frühe Nachfrage, aber noch keinen breiten Produkt-Markt-Fit.
Auch bei den Lieferzahlen ist Vorsicht angebracht. Berichte nennen für China im ersten Halbjahr 2026 mehr als 40.000 ausgelieferte humanoide Roboter und einen Anteil von 97 Prozent an den weltweiten Lieferungen. Eine andere Markterhebung kommt für denselben Zeitraum jedoch auf insgesamt 19.100 weltweit ausgelieferte Einheiten, bei ebenfalls 97 Prozent Anteil chinesischer Anbieter.
Die widersprüchlichen Angaben könnten auf unterschiedliche Definitionen, Produktkategorien oder die Abgrenzung zwischen „Versand“ und „Auslieferung“ zurückgehen. Die Richtung scheint klar: Chinesische Hersteller dominieren die frühen Stückzahlen. Die genaue Größenordnung ist durch die vorliegenden Daten aber nicht abschließend geklärt. Morgan Stanley soll für 2026 rund 50.000 chinesische Auslieferungen erwarten, nach 12.000 im Jahr 2025.
Zusätzliche Unsicherheit entsteht durch die US-Politik. Die Federal Communications Commission, kurz FCC, nahm ausländisch produzierte fortschrittliche mobile Roboter – darunter humanoide und vierbeinige Modelle – in ihre sogenannte „Covered List“ auf. Neue Modelle dürfen dadurch in den USA grundsätzlich keine erforderliche Zulassung für Import, Vermarktung oder Verkauf erhalten; als Begründung wurden nationale Sicherheits- und Lieferkettenrisiken genannt.
Die Regelung zielt vor allem auf neue Modelle und bedeutet nicht automatisch, dass bereits zugelassene oder bereits eingesetzte Roboter vom US-Markt verschwinden. Dennoch kann sie Unitrees Zugang zu einem wichtigen Markt begrenzen. Gleichzeitig wird der internationale Aufbau eines großen Daten- und Nutzungskreislaufs schwieriger – genau eines solchen Kreislaufs, auf den die optimistischen Zeitpläne angewiesen sind.
Für Optimismus gibt es durchaus eine technische Grundlage: Hardware wird günstiger, Chinas Fertigungskapazitäten sind groß, und mehrere Branchenvertreter erwarten einen Durchbruch ungefähr um 2028. Eine belastbare Ingenieursmehrheit, dass allgemeine Haushaltsroboter schon dann Wangs anspruchsvollen 80-Prozent-Test in unbekannten Wohnungen bestehen werden, ist daraus aber nicht abzuleiten.
Die angemessene Einordnung lautet daher: glaubwürdiger Fortschritt, spekulativer Zeitplan. Zwei bis drei Jahre sind ein optimistisches Szenario, keine gesicherte Vorhersage. Die Spanne von fünf bis zehn Jahren berücksichtigt besser die ungelösten Fragen bei Software, Daten, Sicherheit, Zuverlässigkeit, Kosten und Regulierung.
Unitrees IPO-Rally bewertet vor allem die Möglichkeit eines Plattformmarkts für Robotik. Sie zeigt noch nicht, dass autonome humanoide Roboter für den Haushalt bereit sind.