Die genaue Größe bleibt unklar. US-Energieminister Chris Wright sprach von fast 9 Millionen Barrel, die täglich die Region verließen. Unternehmen, die Schiffsbewegungen verfolgen, kamen dagegen auf höchstens etwa die Hälfte. Abgeschaltete AIS-Signale und Umladungen auf offener See erschweren es, sowohl die Herkunft der Ladungen als auch die tatsächlich transportierte Menge zuverlässig zu bestimmen.
Der Irak ist der wichtigste zusätzliche Lieferant. Höhere irakische Ausfuhren glichen im Juli teilweise den Rückgang der Lieferungen aus den Vereinigten Arabischen Emiraten aus. Die Öl- und Kondensatexporte der Golfstaaten erreichten insgesamt 10,7 Millionen Barrel pro Tag – lagen damit aber noch rund 40 Prozent unter dem Vorkriegsniveau.
Auch der Handel mit irakischem Öl passt sich an. Totsa, die Handelssparte von TotalEnergies, bot Basrah-Medium-Ladungen zur Verladung außerhalb der Straße von Hormus an. Das deutet darauf hin, dass Händler die Übergabe auf See zunehmend organisieren, statt allein auf direkte Fahrten von den irakischen Terminals zu setzen.
Saudi Aramco und ADNOC haben einigen asiatischen Raffinerien Rohöl zur Lieferung außerhalb von Hormus angeboten. Bei solchen Vereinbarungen müssen die Abnehmer keinen großen Tanker durch das besonders gefährdete Seegebiet schicken. Das höhere Transportrisiko tragen die kleineren Shuttle-Schiffe, die das Öl zunächst aus dem Golf bringen.
China bleibt ein zentraler Abnehmer, verändert aber die Logistik. Die staatlichen Reedereien COSCO Shipping Energy Transportation und China Merchants Energy Shipping sollen ihre eigenen Tanker seit Ende Juli nicht mehr durch Hormus und das Rote Meer schicken. Stattdessen übernehmen sie Ladungen außerhalb des Golfs. China kauft damit weiterhin Öl, verlagert die gefährlichste Strecke aber auf kleinere Shuttle-Tanker und nicht-chinesische Schiffe.
Der verdeckte Transport verhindert einen vollständigen physischen Lieferstopp. Dazu kommen höhere irakische Ausfuhren, alternative Lieferangebote von Saudi-Arabien und den VAE sowie eine Anpassung der chinesischen Nachfrage. Zusammen haben diese Faktoren die unmittelbare Knappheit abgeschwächt. Bloomberg zufolge trugen die geheimen Lieferungen dazu bei, Brent im August grob zwischen 80 und 90 US-Dollar je Barrel zu halten, statt den zu Kriegsbeginn befürchteten Preis von 150 US-Dollar zu erreichen.
Eine ebenso wichtige Rolle spielt die Nachfrage. Chinas Rohölimporte lagen im Juli bei 8,41 Millionen Barrel pro Tag. Nach Einschätzung von Reuters übernahm China einen großen Teil der Anpassung auf der Nachfrageseite, die nötig war, um die geringeren Lieferungen aus dem Nahen Osten auszugleichen.
Das ist allerdings eher eine Preisbremse als eine Rückkehr zur Normalität. Die Exporte der Golfregion lagen im Juli weiterhin rund 40 Prozent unter dem Vorkriegsstand. Die Internationale Energieagentur (IEA) prognostizierte für das Quartal zudem ein weltweites Defizit von 1,8 Millionen Barrel pro Tag.
Die Umladungen im Golf von Oman haben sich nach iranischen Angriffen auf Schiffe bereits verlangsamt. Die Behörden der VAE erklärten, Iran habe zwei ADNOC-Schiffe in Hormus angegriffen. Ein erneuter Angriff auf Shuttle-Tanker, Umladeplätze, Lotsen oder Begleitschiffe könnte das System schnell zum Stillstand bringen.
Nachtfahrten, enge Manöver zwischen Tankern, abgeschaltete Transponder und unter Zeitdruck organisierte Übergaben erhöhen das Risiko von Kollisionen, Havarien und Ölunfällen. Wenn Schiffe nicht verlässlich verfolgt werden können, erschwert das außerdem Rettungseinsätze und die Reaktion auf mögliche Verschmutzungen. Eine belastbare aktuelle Gesamtzahl zu Todesopfern oder ausgelaufenem Öl lässt sich aus den vorliegenden Quellen nicht ableiten.
Die Umgehungsroute ist besonders schiffsintensiv: Für eine einzige Exportladung kann zunächst ein Shuttle-Tanker im Golf und anschließend ein großer Seetanker nötig sein. Reuters berichtete bereits von Engpässen bei Tankern für andere regionale Verladungen. Das Netzwerk konkurriert somit um knappen Schiffsraum und kann Fracht-, Versicherungs- und Kriegsrisikokosten weiter nach oben treiben.
Saudi-arabische Lieferungen über Terminals am Roten Meer sind nicht automatisch sicher. Vor Yanbu wurde ein Angriff auf einen saudischen Tanker von den Huthi beansprucht. Auch ein Übergabepunkt vor Oman oder bei Fujairah beseitigt die regionale Kriegsgefahr nicht.
Pipelines, die Hormus umgehen, können nur begrenzt helfen. Die Leitungen Saudi-Arabiens und der VAE haben eine endliche Kapazität und sind als feste Anlagen sichtbar und angreifbar. Die vorliegenden Berichte belegen nicht, dass sie die ausgefallenen normalen Seetransporte vollständig ersetzen können. Fiele eine dieser Leitungen aus, würde die Bedeutung der Offshore-Umladungen noch steigen.
Für eine konkrete, aktuelle Force-Majeure-Erklärung bei LNG-Ladungen – also die Berufung auf höhere Gewalt zur Aussetzung vertraglicher Lieferpflichten – liefern die vorliegenden Quellen keinen belastbaren Nachweis. Unterbrechungen bei katarischem Flüssigerdgas oder bei der verfügbaren Schifffahrtskapazität könnten den Ölpreisschock jedoch verschärfen. Sie würden um Tanker konkurrieren und den Druck auf die Energieversorgung in Asien erhöhen.
China kann seine Käufe drosseln oder auf Lagerbestände zurückgreifen. Wie groß diese Bestände sind und in welchem Umfang sie tatsächlich am Markt verfügbar wären, ist jedoch nicht transparent. Wenn chinesische Raffinerien wieder aggressiver einkaufen, die Vorräte kleiner ausfallen als angenommen oder Peking sichere Direktlieferungen statt Offshore-Übergaben verlangt, könnte der scheinbare Puffer rasch verschwinden. Dass chinesische Staatsreedereien Hormus selbst meiden, zeigt, wie empfindlich dieses Gleichgewicht ist.
Der Kern der Entwicklung: Das verdeckte Shuttle-Netzwerk hat die Wahrscheinlichkeit eines unmittelbaren Ölpreissprungs auf 150 US-Dollar reduziert. Es hat das Risiko aber nicht beseitigt, sondern in ein konzentriertes und schwer versicherbares System aus kleinen Tankern, Umladungen auf See und undurchsichtigen Lagerbeständen verlagert. Einige erfolgreiche Angriffe, ein größerer Ölunfall oder ein Mangel an Begleit- und Tankerkapazität könnten aus einer kontrollierten Verknappung sehr schnell eine heftige Störung von Lieferungen und Preisen machen.