The Line ist das weltweit bekannteste Symbol von NEOM: eine geplante, 170 Kilometer lange Stadt mit verspiegelten Gebäudefassaden. Weitere Arbeiten an dem Projekt wurden Berichten zufolge mindestens bis nach 2030 verschoben.
Das bedeutet nicht, dass jedes Fundament, jeder Tunnel oder jedes vorbereitende Bauprojekt offiziell aus den Plänen gestrichen wurde. Es bedeutet aber, dass der ursprüngliche Zeitplan und die Erzählung von einer vollständig errichteten Megastadt in absehbarer Zeit nicht mehr glaubwürdig erscheinen. Auf der Prioritätenliste stehen nun Projekte mit wirtschaftlich besser begründbaren oder schneller erwarteten Erträgen.
Die Probleme von The Line waren dabei nicht bloß eine vorübergehende Finanzierungslücke. Recherchen und Berichte nennen Kostenüberschreitungen, Verzögerungen, extravagante Ausgaben und eine Führungskultur, in der ehrgeizige Vorgaben nur schwer infrage gestellt werden konnten.
NEOM bündelte in einer abgelegenen Wüstenregion mehrere außergewöhnlich schwierige Aufgaben: gewaltige Erdarbeiten, Fundamente, Tunnel, Verkehrsverbindungen, Versorgungsnetze, Logistik und große Gebäudestrukturen – noch bevor eine herkömmliche Stadt oder eine gesicherte Nachfrage existierte.
Die sichtbaren Spuren dieses Ansatzes sind umfangreich, aber unvollständig. Die Financial Times beschrieb eine Landschaft mit Pfahlgründungen und tiefen Gräben, nachdem mindestens 50 Milliarden Dollar ausgegeben worden waren. Spätere Berichte stellten die teilweise errichteten Strukturen als unvollendetes Erbe des Rückzugs dar.
Auch das Finanzierungsproblem war grundsätzlicher Natur. Verzögerungen lassen sich auffangen, wenn das erwartete Geschäftsmodell langfristig überzeugend bleibt. NEOM sah sich dagegen mit steigenden Kostenschätzungen, zu geringen ausländischen Investitionen und einem wachsenden Druck auf die gesamten saudischen Staatsausgaben konfrontiert. Dass nun Milliarden für die Beendigung von Verträgen eingeplant werden, zeigt: Auch ein Kurswechsel ist teuer.
Trojena, das geplante Bergresort von NEOM, war ursprünglich als Austragungsort der Asiatischen Winterspiele 2029 ausgewählt worden. Das Saudi Olympic and Paralympic Committee und der Olympic Council of Asia vereinbarten später, die Ausgabe von 2029 auf einen späteren, bislang nicht genannten Termin zu verschieben.
In den aktuellen Übersichten des Olympic Council of Asia ist Almaty in Kasachstan als Gastgeber der Asiatischen Winterspiele 2029 aufgeführt.
Die Verschiebung ist bedeutsam, weil die Spiele für Trojena einen festen öffentlichen Fertigstellungstermin dargestellt hatten. Mit ihrem Wegfall entfällt einer der stärksten kurzfristigen Anreize, das Resort nach dem ursprünglichen Zeitplan fertigzustellen. Zugleich zeigt der Vorgang den Unterschied zwischen der offiziellen Formulierung einer „Neugewichtung“ und der praktischen Entfernung eines wichtigen Projekts aus dem angekündigten Zeitplan.
Beide Beschreibungen erfassen einen Teil der Entwicklung – keine reicht allein aus.
Abgesagt oder beendet: Einzelne Verträge und Projektbestandteile wurden beendet; außerdem wurden die Winterspiele verschoben. Berichte nennen auch Kündigungen von Infrastrukturverträgen im Zusammenhang mit Trojena und The Line.
Pausiert oder verzögert: The Line und andere große NEOM-Ziele wurden auf die Zeit nach 2030 verschoben, nicht öffentlich als dauerhaft unmöglich erklärt.
Nicht offiziell aufgegeben: In der öffentlichen Darstellung ist weiterhin von Neugewichtung, einer Aufteilung in Bauphasen und einer Umplanung die Rede. Eine zitierte Ankündigung, die gesamte NEOM-Region dauerhaft abzusagen, liegt nicht vor.
Die präziseste Zusammenfassung lautet daher: NEOMs ursprüngliche Vision wurde erheblich verkleinert und einem kostspieligen strategischen Neustart unterzogen. Zu sagen, „NEOM ist tot“, geht über das offiziell Belegte hinaus. Zu behaupten, es sei nichts gestrichen worden, würde die beendeten Verträge und die verschobenen Winterspiele ignorieren.
In den verfügbaren Berichten findet sich kein bestätigter öffentlicher Plan, sämtliche teilweise fertiggestellten Anlagen abzureißen oder sie im ursprünglichen Maßstab zu vollenden. Die verbleibenden Gräben, Pfahlgründungen, Tunnel, Straßen, Erdarbeiten und Baustelleneinrichtungen könnten erhalten, stillgelegt, umgenutzt oder in eine kleinere künftige Entwicklung integriert werden.
Diese Ungewissheit gehört selbst zum Erbe von NEOM. Das Projekt hat reale Infrastruktur hervorgebracht – aber weder die funktionsfähige lineare Stadt noch das Bergresort oder die integrierte Megaregion, die der Welt ursprünglich präsentiert wurden. Ob die unfertigen Anlagen zur Grundlage eines enger gefassten kommerziellen Projekts werden oder ungenutzt in der Wüste liegen bleiben, hängt von künftigen saudischen Investitionsentscheidungen ab.
NEOM hat sich von einer expansiven Bauoffensive zu einer defensiven und selektiveren Strategie bewegt. Mehr als 50 Milliarden Dollar wurden Berichten zufolge bereits ausgegeben. Rund 16 Milliarden Dollar sind für die Beendigung oder Abwicklung von Verträgen bis 2030 vorgesehen. The Line wird frühestens nach 2030 weitergebaut, und die Asiatischen Winterspiele 2029 in Trojena wurden verschoben.
Das Projekt könnte in reduzierter oder neu gestalteter Form fortbestehen. Die ursprüngliche Zusage, eine komplette futuristische Region in angekündigtem Umfang und Tempo zu errichten, hat den Kontakt mit den Kosten, der technischen Komplexität und den finanziellen Grenzen jedoch nicht überstanden.