Für Anleger ist vor allem die bessere Planbarkeit relevant. Eine Gebühr pro Installation konnte bei sehr großen Apps zu schwer kalkulierbaren Belastungen führen. Die neue prozentuale Beteiligung macht Apples Einnahmenmodell transparenter und könnte zugleich die Gefahr weiterer Sanktionen oder weitreichender struktureller Auflagen nach dem europäischen Digital Markets Act – kurz DMA – verringern. Bloomberg wertete die Änderungen als Versuch, den Wettbewerbskonflikt mit der EU beizulegen.
Apple gibt damit zwar einen Teil seiner bisherigen Kontrolle und Gebührenstruktur auf, behält aber auch bei alternativen Vertriebswegen eine Beteiligung an digitalen Umsätzen. Aus Sicht des Marktes war das ein möglicher Kompromiss: mehr Wahlmöglichkeiten für Entwickler, ohne Apples Plattformökonomie vollständig auszuhöhlen.
Ein weiterer Kurstreiber war die optimistischere Einschätzung von Apples langfristiger Produktstrategie. Rothschild & Co. Redburn stufte die Aktie auf „Buy“ hoch und nannte ein Kursziel von 400 US-Dollar. Im Mittelpunkt der positiven Investmentthese stehen Apples riesige installierte Gerätebasis und sein eng verzahntes Ökosystem, die KI-Dienste schnell zu vielen Nutzern bringen könnten.
Besonders viel Fantasie steckt in einer möglichen stärker personalisierten Siri. Sollte Apple seine Sprachassistentin zu einem tatsächlich nützlichen, kontextbezogenen KI-Produkt weiterentwickeln, könnte der Konzern laut den optimistischen Szenarien von einer Neubewertung im KI-Bereich profitieren. Der Vorteil wäre, dass Apple dafür möglicherweise nicht dieselben enormen Investitionen in Rechenzentren und Modelle tätigen müsste wie große Cloud-Anbieter.
Auch ein faltbares iPhone wird an der Börse als mögliche neue Premium-Produktwelle gehandelt. Ein solcher Formfaktor könnte Apples durchschnittlichen Verkaufspreis und die Aufmerksamkeit für die Marke steigern. Wichtig ist jedoch: Das Foldable ist eine Option für die Zukunft, keine bestätigte Absatzprognose.
Die jüngsten Geschäftszahlen halfen den Anlegern, die Wachstumsstory trotz aller Fragezeichen weiterzutragen. Apple meldete für das dritte Geschäftsquartal einen Umsatz von 109,4 Milliarden US-Dollar – 16 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Der verwässerte Gewinn je Aktie stieg um 29 Prozent auf 2,02 US-Dollar. Darin enthalten war ein positiver Effekt von 0,11 US-Dollar je Aktie aus Rückerstattungen von Zöllen.
Der iPhone-Umsatz wuchs um 22 Prozent auf 54,3 Milliarden US-Dollar. Apples Services-Sparte legte um 12 Prozent auf 30,7 Milliarden US-Dollar zu. Damit zeigte das Kerngeschäft vorerst weiterhin Stärke – noch bevor mögliche zusätzliche Umsätze durch KI-Dienste oder ein faltbares iPhone eingerechnet werden.
Die Bewegung war auffällig eigenständig: Berichte beschrieben einen Anstieg von fast 3 Prozent, obwohl die Stimmung im Technologiesektor gedämpft war.
Für den 20. August selbst lässt sich ein solcher Tagesgewinn anhand der verfügbaren Intraday-Daten jedoch nicht belegen. Die Aktie lag am Morgen praktisch auf dem Vortagsniveau.
Auch ein vollständiger Vergleich mit dem S&P 500, dem Nasdaq und allen anderen Mitgliedern der sogenannten „Magnificent Seven“ ist für genau diesen Handelstag anhand der vorliegenden Daten nicht belastbar. Ein aussagekräftiger Vergleich betrifft den 18. August: Damals war Apple Berichten zufolge die einzige Aktie aus der Gruppe der Magnificent Seven, die den Handelstag im Plus beendete, während der Nasdaq-100 um 2 Prozent fiel. Das war zwar eine andere Sitzung, unterstreicht aber den unternehmensspezifischen Charakter der Apple-Stärke.
Bei etwa dem 36-Fachen der nachlaufenden Gewinne ist Apple bereits anspruchsvoll bewertet. Damit die Bewertung Bestand hat, müssen das iPhone-Geschäft weiter wachsen, KI-Dienste glaubhaft monetarisiert werden – oder idealerweise beides eintreten. Ein schwächerer iPhone-Zyklus oder eine verspätete beziehungsweise wenig überzeugende KI-Offensive könnte das Bewertungsniveau schnell unter Druck setzen.
Die pessimistische Analystensicht ist keineswegs verschwunden. Jefferies stufte Apple auf „Underperform“ herab und senkte das Kursziel auf 263,66 US-Dollar. Die Investmentbank sorgt sich um den iPhone-Ausblick und um Apples Fähigkeit, die durchschnittlichen Verkaufspreise weiter zu erhöhen.
Die von Jefferies angeführte mögliche Absage eines geplanten iPhones mit vollständig gläsernem Gehäuse beruht auf Lieferketteninformationen und ist keine von Apple bestätigte Produktentscheidung. Sollte sich der Bericht bewahrheiten, wäre das dennoch ein Rückschlag für die Hoffnung auf besonders margenstarke neue iPhone-Modelle.
Ein faltbares Gerät müsste Herausforderungen bei Produktionsausbeute, Scharnier, Falz, Haltbarkeit, Reparierbarkeit, Kosten und Lieferkette bewältigen. Auch die Nachfrage nach Foldables ist bislang uneinheitlich. Deshalb kann nicht vorausgesetzt werden, dass ein faltbares iPhone genügend Stückzahlen oder Preismacht erzeugen würde, um eine Abschwächung des klassischen iPhone-Geschäfts auszugleichen.
Die vergleichsweise geringere KI-Kapitalintensität könnte Apples Margen schützen. Gleichzeitig kann die Abhängigkeit von Drittanbietern für grundlegende KI-Modelle die Differenzierung schwächen und Fragen zu Abhängigkeiten, Datenschutz und der Verteilung der wirtschaftlichen Erträge aufwerfen.
Eine Neubewertung wegen Siri setzt voraus, dass Apple personalisierte Funktionen in großem Maßstab wirklich nützlich umsetzt. Die bloße Einbindung von Partner-Modellen dürfte dafür nicht ausreichen.
Die neue Regelung beseitigt zwar die umstrittene Gebühr pro Installation, verlangt außerhalb des App Stores aber weiterhin eine fünfprozentige Beteiligung an digitalen Transaktionen. Offen ist, ob Entwickler diese Konditionen akzeptieren und ob die Europäische Kommission sie tatsächlich als DMA-konform bewertet.
Kritiker wie Epic Games und Verbraucherschützer argumentieren, dass Gebühren und Vertragsbedingungen Apples Kontrolle trotz formal größerer Auswahlmöglichkeiten aufrechterhalten könnten.
Ähnliche Gebührenmodelle in Japan und Brasilien könnten zwar als Vorlage dienen, zugleich aber weitere regulatorische Auseinandersetzungen auslösen. In den USA bleibt Apple zudem mit Klagen und regulatorischer Prüfung rund um externe Zahlungslinks und damit verbundene Gebühren konfrontiert.
Die Apple-Rally preiste vor allem ein überschaubareres EU-Risiko und beträchtliche Fantasie bei KI und faltbaren iPhones ein. Sie beantwortete jedoch nicht die zentrale Anlagefrage: Kann Apple seinen Ökosystemvorteil in genügend neues Wachstum verwandeln, um die hohe Bewertung zu rechtfertigen – während gleichzeitig das App-Store-Geschäftsmodell und die Innovationskraft der wichtigsten iPhone-Produktlinie unter Druck stehen?