Das Angebot lässt sich zudem nicht kurzfristig ausweiten. Neue Fabriken, fortschrittliche Verpackungstechnologien und die Qualifizierung von HBM-Fertigung benötigen Jahre statt nur einiger Quartale. Selbst angekündigte Investitionen können die aktuelle Versorgungslücke daher nicht sofort schließen.
Samsung, SK Hynix und Micron profitieren derzeit von höheren Preisen, steigenden Margen, langfristigen Lieferverträgen und dem Interesse der Anleger. Für die Unternehmen birgt der Boom jedoch ein bekanntes Risiko des zyklischen Speichergeschäfts.
Wer jetzt besonders aggressiv in neue Kapazitäten investiert, könnte bei einer Abkühlung der KI-Nachfrage auf Überkapazitäten sitzen bleiben. Wer vorsichtiger plant, verlängert dagegen die Knappheit und riskiert, dass Kunden ihre Produkte umgestalten oder zusätzliche Lieferanten suchen. Die Hersteller müssen also zwischen kurzfristig hohen Gewinnen und langfristiger Versorgungssicherheit abwägen.
Moderne Fahrzeuge benötigen Speicher unter anderem für Infotainment, Fahrerassistenz, Vernetzung und elektronische Steuergeräte. Steigende Speicherpreise erhöhen die Materialkosten. Gleichzeitig kann die unsichere Zuteilung von Chips Produktionspläne aus dem Takt bringen.
Weniger profitable Fahrzeugprogramme oder kleinere Hersteller mit geringerer Einkaufsmacht wären davon tendenziell stärker betroffen als die größten Autokonzerne. Branchenverbände warnten bereits vor Störungen in den Lieferketten und höheren Preisen für Konsumgüter.
Hersteller von PCs, Smartphones, Spielekonsolen sowie günstigen und mittelpreisigen Geräten können die Mehrkosten oft weniger leicht auffangen als große Anbieter von Rechenzentren. Ihnen bleiben im Wesentlichen vier Möglichkeiten: höhere Verkaufspreise, geringere Gewinnspannen, weniger Arbeitsspeicher in den Geräten oder eine Begrenzung der Auslieferungen.
Apple hat bereits erklärt, dass steigende Speicherkosten den Gewinn unter Druck setzen. Prognosen deuten außerdem darauf hin, dass höhere Preise die Nachfrage nach Smartphones, PCs und Spielekonsolen abschwächen könnten.
Für Verbraucher bedeutet das nicht zwingend, dass jedes Gerät sofort teurer wird. Hersteller können die Kosten zunächst teilweise selbst tragen oder die Ausstattung anpassen. Auf Dauer dürfte der Preisdruck jedoch besonders bei Geräten mit kleinen Margen sichtbar werden.
Der unmittelbare Effekt wird als „Chipflation“ bezeichnet: Elektronik kann teurer werden, ebenso möglicherweise Cloud- und KI-Dienste. Unternehmen, die die Mehrkosten nicht weitergeben können, müssen stattdessen niedrigere Margen akzeptieren.
Die Knappheit kann damit die Inflation bei Waren zusätzlich antreiben. Allein dürfte sie jedoch kaum über die gesamte Volkswirtschaft hinweg die entscheidende Inflationsursache sein. Ausschlaggebend sind die Dauer des Engpasses, der Anteil der Kosten, den Unternehmen an Kunden weiterreichen, und mögliche Folgewirkungen der KI-Investitionen – etwa auf Strom, Bauleistungen und andere Vorprodukte.
Ein genaues Enddatum gibt es nicht. TrendForce erwartet, dass die KI-getriebene Zuteilung von HBM-Kapazitäten und die anhaltende Nachfrage nach Servern den DRAM-Markt auch 2027 knapp halten und die Preise weiter stützen werden.
Eine frühere Entspannung wäre vor allem dann möglich, wenn die Nachfrage deutlich nachlässt, neue Produktionskapazitäten schneller hochgefahren werden und sich die Fertigungsausbeute verbessert – oder wenn mehrere dieser Faktoren gleichzeitig eintreten.
Ein zusätzlicher Unsicherheitsfaktor ist das Verhalten der Abnehmer. Unternehmen könnten mehr Chips bestellen, als sie tatsächlich benötigen, um sich Liefermengen zu sichern. Solches „Double Booking“ oder ein vorsorglicher Lageraufbau lässt die gemeldete Nachfrage stärker erscheinen, verschärft kurzfristig die Knappheit und ermutigt Hersteller zum Ausbau ihrer Kapazitäten.
Wenn die Kunden später ihre Lagerbestände abbauen, können die Bestellungen jedoch ebenso abrupt einbrechen. Dann drohen ein deutlicher Preisrückgang und unausgelastete Chipfabriken. Der heutige Mangel könnte sich somit mit Verzögerung in ein Überangebot verwandeln.
Viele neue Rechenzentren beruhen auf optimistischen Annahmen über KI-Umsätze, Auslastung und die spätere Monetarisierung der Dienste. Erweisen sich diese Erwartungen als zu hoch, könnten Unternehmen Speicherbestellungen stornieren oder verschieben.
Treffen eine solche Nachfrageschwäche und gleichzeitig neu geschaffene Produktionskapazitäten aufeinander, wäre ein klassischer Umschwung des Halbleitermarktes möglich: Aus der Knappheit würde ein Überangebot. Das würde Speicherpreise, Gewinne der Hersteller, Investitionsbudgets und möglicherweise auch die Bewertungen von KI-nahen Aktien unter Druck setzen.
Im Kern geht es um eine Frage: Ist die KI-Nachfrage dauerhaft stark genug, um sowohl die bereits vertraglich gebundene Versorgung als auch die geplanten neuen Kapazitäten aufzunehmen?
Wenn ja, könnten hohe Speicherpreise noch längere Zeit bestehen bleiben. Wenn nein, könnte der Wettlauf um Chips und Fabriken den Boden für einen späteren, plötzlichen Abschwung bereiten. „RAMageddon“ ist damit nicht nur eine Geschichte über teureren Arbeitsspeicher, sondern auch über die Risiken eines KI-Booms, dessen tatsächliche Größenordnung noch nicht endgültig feststeht.