Besonders hart trifft das energieintensive Unternehmen. Sie stehen im globalen Wettbewerb und können höhere Produktionskosten nicht immer an ihre Kunden weitergeben.
Weniger importierte Energie und ein schnellerer Übergang zu sauberer Energie sind daher nicht nur klimapolitische Ziele. Sie sind auch entscheidend für Europas Energiesicherheit und industrielle Wettbewerbsfähigkeit.
Der Euroraum zeigt weiterhin Widerstandskraft. Das Bruttoinlandsprodukt wuchs 2025 um 1,5 Prozent, wobei die Binnennachfrage die wichtigste Stütze war. Im zweiten Quartal 2026 legte die Wirtschaft gegenüber dem Vorquartal um 0,4 Prozent zu.
Diese Entwicklung verschafft Europa Zeit. Nach Lagardes Einschätzung muss die Binnennachfrage jedoch zu einem dauerhaften Wachstumsmotor werden – und darf nicht nur vorübergehend die nachlassende internationale Wettbewerbsfähigkeit ausgleichen.
Eine kräftigere Nachfrage von Haushalten und Unternehmen kann dauerhaft hohe strukturelle Kosten, schwaches Produktivitätswachstum und den Verlust von Marktanteilen im Ausland nicht vollständig kompensieren.
Der europäische Binnenmarkt ist groß, doch Unternehmen stoßen beim Verkauf von Dienstleistungen, bei der Kapitalbeschaffung und bei der Expansion über Grenzen hinweg weiterhin auf Hindernisse.
Die Zersplitterung von Waren-, Dienstleistungs- und Finanzmärkten erschwert es vor allem kleineren Unternehmen, auf eine Größenordnung zu wachsen, die umfangreiche Forschungs-, Investitions- und Technologieprogramme ermöglicht.
Ein stärker integrierter Kapitalmarkt könnte private Ersparnisse gezielter in Innovation und produktive Investitionen lenken. Lagarde plädiert außerdem dafür, grenzüberschreitende Barrieren abzubauen und den Binnenmarkt zu stärken. Erfolgreiche Unternehmen sollen europaweit wachsen können, statt in nationalen Märkten stecken zu bleiben.
Europas Wettbewerbsproblem ist auch ein Technologieproblem. Werden fortgeschrittene digitale Werkzeuge und künstliche Intelligenz nur langsam eingesetzt, kann dies das Produktivitätswachstum bremsen und europäische Unternehmen gegenüber Firmen aus den USA und China zurückfallen lassen.
Auch die Europäische Kommission nennt es eine Priorität für langfristiges Wachstum und steigende Lebensstandards, die Innovationslücke bei fortgeschrittenen Technologien zu schließen.
Entscheidend ist dabei nicht nur, ob Europa mehr KI-Forschung hervorbringt. Unternehmen müssen diese Technologien auch finanzieren, einsetzen und in einem fragmentierten Markt- und Regulierungssystem skalieren können.
Ihre Agenda verbindet strukturelle Reformen mit mehr Investitionen im Inland:
Lagardes zentrale Botschaft ist damit eine Warnung vor Europas Entwicklungspfad – keine Erklärung eines unmittelbar bevorstehenden wirtschaftlichen Zusammenbruchs. Das positive Wachstum zeigt, dass der Euroraum weiterhin widerstandsfähig ist.
Ohne niedrigere Energiekosten, weniger Marktfragmentierung, größere Unternehmen und eine schnellere Einführung neuer Technologien könnte ein moderates, von der Binnennachfrage getragenes Wachstum jedoch langfristig nicht ausreichen, um Europas Wettbewerbsfähigkeit und Lebensstandard zu sichern.