Der Konflikt mit Iran und die Unterbrechungen rund um die Straße von Hormus lösen einen zweiten Schock aus. Raffinerien im Nahen Osten sind gleichzeitig mit physischen Schäden, einem erschwerten Zugang zu Rohöl und Problemen beim Abtransport fertiger Produkte konfrontiert.
Die Internationale Energieagentur (IEA) schätzte, dass die Raffinerieverarbeitung im Nahen Osten im zweiten Quartal 2,9 Millionen Barrel pro Tag unter dem Vorkriegsniveau lag. Im dritten Quartal dürfte die Verarbeitung demnach noch 2,2 Millionen Barrel pro Tag niedriger ausfallen.
Frühere Berichte bezifferten die durch die Konflikte in Iran und der Ukraine betroffenen Raffineriekapazitäten auf knapp 9 % der weltweiten Kapazität. Allein der Iran-Konflikt soll bis zum 7. Mai bis zu 3,52 Millionen Barrel pro Tag außer Betrieb gesetzt haben. Eine separate Branchenschätzung kam für die beiden Kriege zusammen auf rund 5 Millionen Barrel pro Tag betroffene Kapazität.
Diese Werte beschreiben zunächst Kapazität und nicht automatisch einen gleich großen Ausfall fertiger Treibstoffe. Sie zeigen aber, weshalb Störungen in Raffinerien schwerer wiegen können als eine vorübergehende Veränderung der Rohölproduktion: Rohöl muss erst zu genau den Produkten verarbeitet werden, die Haushalte, Unternehmen und Verkehr benötigen.
Benzin, Diesel und Kerosin entstehen in gemeinsamen Raffinerieprozessen. Die Betreiber können das Produktionsverhältnis innerhalb bestimmter Grenzen verändern. Sie können die Dieselproduktion jedoch nicht unbegrenzt maximieren, ohne Benzin- und Kerosinmengen, Rohölkosten oder die Wirtschaftlichkeit des Betriebs zu beeinflussen.
Dadurch entsteht ein Wettbewerb zwischen den Produkten. Steigt etwa die Nachfrage nach Kerosin oder werden die Margen für Benzin attraktiver, kann der Markt nicht davon ausgehen, dass jedes zusätzliche Barrel Rohöl automatisch zu Diesel wird.
Laut IEA schnellten die Margen für Diesel, Kerosin und Benzin im Juli nach oben, weil saisonal höhere Nachfrage auf Angebotsausfälle und geschrumpfte Lagerbestände traf. Die Raffineriemargen im Atlantikbecken erreichten dabei ein Rekordniveau.
Rekordmargen sind deshalb ein Warnsignal und kein Beleg für eine komfortable Versorgung. Sie zeigen, dass Abnehmer mehr zahlen, um Produkte aus knapper Verarbeitungskapazität zu sichern.
US-Raffinerien arbeiten nahe an ihrer praktischen Belastungsgrenze. Die wöchentlichen Daten der US-Energieinformationsbehörde EIA, die Energy News Beat zitierte, wiesen für die Woche zum 17. Juli eine Auslastung von 96,1 % aus. In der Vorwoche waren es 96,2 %. Die Rohölverarbeitung lag bei 17,1 Millionen Barrel pro Tag.
Eine derart hohe Auslastung stützt zwar das Angebot, lässt aber wenig Spielraum für einen weiteren Ausfall, ein Wartungsproblem oder eine Unterbrechung von Importen. Außerdem garantiert eine hohe Auslastung nicht, dass der Produktmix den Bedarf trifft. Auch eine Raffinerie, die auf Hochtouren läuft, muss eine Kombination aus Benzin, Diesel und weiteren Produkten herstellen.
Die USA können auf ihre eigene Raffinerieproduktion und auf Importe zurückgreifen. Die globalen Preise wirken jedoch auch auf den US-Markt. Wenn Käufer im Ausland bereit sind, für knappe Diesel-Ladungen mehr zu zahlen, steigt für US-Anbieter der Anreiz zum Export. Dadurch werden internationale Störungen direkt mit den Preisen an US-Tankstellen verknüpft.
Die EIA hob in ihrer August-Prognose den durchschnittlichen US-Großhandelspreis für Diesel im Jahr 2026 auf 3,37 US-Dollar je Gallone an – 8,5 % über der vorherigen Prognose. Zugleich rechnet sie damit, dass der Rohölbedarf der US-Raffinerien bis August bei rund 17 Millionen Barrel pro Tag bleibt.
Ein weiterer Bericht unter Berufung auf die EIA nannte für 2026 einen durchschnittlichen US-Einzelhandelspreis von 4,85 US-Dollar je Gallone, nach zuvor prognostizierten 4,61 US-Dollar. Dabei handelt es sich um eine Prognose und nicht um eine Preisobergrenze. Entscheidend sind unter anderem der Zustand der Raffinerien, die Zugänglichkeit der Seewege, die Lagerbestände sowie eine mögliche Entspannung oder Verschärfung der Konflikte.
Diesel betrifft weit mehr als Autofahrer. Der Kraftstoff wird im Fernverkehr, auf Baustellen, in der Landwirtschaft und in der Industrie eingesetzt. Höhere Großhandelspreise können daher die Frachtkosten und letztlich die Preise gelieferter Waren erhöhen. Auch landwirtschaftliche Maschinen und andere dieselabhängige Geräte werden teurer im Betrieb.
Der Zeitpunkt ist für die Destillatmärkte besonders kritisch. Diesel und Heizöl greifen auf verwandte Mitteldestillat-Kapazitäten zurück. Niedrige Lagerbestände bieten daher weniger Schutz, wenn die Nachfrage nach Heizöl im Winter stark steigt.
Auch Erntearbeiten und der Einsatz von Landmaschinen können den Dieselbedarf vor der kältesten Jahreszeit erhöhen. Damit konkurrieren Landwirtschaft, Speditionen und Heizkunden um denselben Produktpool.
Die EIA prognostiziert, dass die US-Bestände an Destillatkraftstoffen unter dem Durchschnitt der Jahre 2021 bis 2025 bleiben. Im Juli wurden die Benzin- und Dieselbestände zudem nahe mehrjähriger Tiefstände gemeldet.
Niedrige Lagerbestände bedeuten nicht zwangsläufig, dass es zu einer tatsächlichen Rationierung kommt. Sie verringern aber die Fähigkeit des Systems, eine weitere Störung ohne schnellen Preissprung abzufedern.
Kurzfristige Entlastung hängt von mehr ab als davon, ob Rohöl den Markt erreicht. Beschädigte Raffinerien müssen repariert, Ersatzladungen beschafft und Transportwege möglicherweise umgeleitet werden. Wenn mehrere Exportregionen gleichzeitig betroffen sind, brauchen diese Anpassungen Zeit.
Deshalb dürfte auch die hohe US-Auslastung den Engpass nicht schnell beseitigen. Die heimischen Raffinerien verarbeiten bereits große Mengen, während Benzin- und Dieselbestände begrenzt bleiben und internationale Wettbewerber ebenfalls nach Ersatzlieferungen suchen.
Das größte Risiko ist ein sich verstärkender Schock: Weitere ukrainische Angriffe auf russische Raffinerien, neue Störungen rund um Hormus oder ein Scheitern einer Waffenruhe zwischen Iran und den USA könnten Produktion verringern, Transporte behindern und gleichzeitig Käufer dazu bringen, vorsorglich Lagerbestände aufzubauen. In diesem Szenario bliebe Diesel wahrscheinlich das anfälligste Raffinerieprodukt – mit weiteren Folgen für Frachtverkehr, Landwirtschaft und Winterheizungen.