Bereits in früheren Berichten wurde eine mögliche KI-Blase als eines der großen Risikoszenarien für den Fonds neben geopolitischen Schocks genannt. In diesem Stressszenario könnte der Wert des Fonds um 35 Prozent sinken. Dabei handelt es sich um eine Modellannahme – nicht um eine Prognose, dass ein solcher Verlust tatsächlich eintreten wird.
Das praktische Problem: Die Kurse könnten bereits außergewöhnlich starkes Wachstum bei KI-Unternehmen einpreisen. Sollten künftige Gewinne, die Nachfrage oder die Renditen von Investitionen in die nötige Infrastruktur hinter den Erwartungen zurückbleiben, könnten hoch bewertete Aktien schnell an Wert verlieren. Das würde nicht nur private Anleger treffen, sondern auch große institutionelle Portfolios, die in den wichtigsten Unternehmen der KI-Rally investiert sind.
Das Ergebnis des ersten Halbjahres zeigt die Chancen des KI-getriebenen Aufschwungs. Die Anlagen des Fonds profitierten von Kursgewinnen globaler Technologieunternehmen. Norges Bank Investment Management, die Verwaltungsgesellschaft des Fonds, erklärte zudem bereits zuvor, dass sie mit den sieben größten US-Technologieunternehmen erhebliche Erträge erzielt habe.
Dieselbe Abhängigkeit eröffnet jedoch eine zweite Möglichkeit: Ein Rückgang bei großen Technologiewerten könnte den Gesamtwert des Fonds deutlich drücken. Eine Rekordrendite beschreibt, was in einem bestimmten Berichtszeitraum passiert ist. Sie beweist nicht, dass die aktuellen Bewertungen dauerhaft tragfähig sind.
Genau darin liegt der Kern von Tangens Warnung. KI kann die Wirtschaft grundlegend verändern, während KI-Aktien vorübergehend überteuert sind. Eine Korrektur würde nicht bedeuten, dass die Technologie wertlos ist. Sie würde bedeuten, dass die Erwartungen an den Märkten schneller gestiegen sind als die Gewinne und Cashflows, die diese Erwartungen rechtfertigen müssten.
Tangens Aussagen sollten nicht als Empfehlung verstanden werden, sämtliche KI-Anlagen zu verkaufen. Der Fonds profitiert weiterhin, wenn führende Technologie- und Halbleiterunternehmen zulegen. Sein Auftrag besteht darin, Norwegens Einnahmen aus dem Erdölgeschäft weltweit anzulegen – nicht darin, auf ein einzelnes Thema eine einfache Alles-oder-nichts-Wette abzuschließen.
Tangen sprach über Verwundbarkeit. Wenn Optimismus, eine starke Marktkonzentration und hohe Bewertungen einander verstärken, kann eine Veränderung der Erwartungen viele Positionen gleichzeitig treffen. Geopolitische Konflikte und Inflation könnten zusätzlichen Druck erzeugen. Deshalb nannte Tangen die KI-Bewertungen im Zusammenhang mit größeren makroökonomischen und politischen Risiken.
Die wichtigste Schlussfolgerung ist keine präzise Crash-Prognose, sondern eine nüchterne Trennung von drei Fragen:
Norwegens Ölfonds macht diese Spannung besonders anschaulich: Die KI-Rally trug zu einem außergewöhnlichen Ergebnis im ersten Halbjahr bei, während sein Chef gleichzeitig davor warnte, dass die Risiken des Marktes schwerer zu ignorieren seien.
Die Botschaft ist daher vorsichtig, nicht prophetisch: Außergewöhnliche Renditen können mit erheblichen Abwärtsrisiken einhergehen. Eine starke Wertentwicklung in der jüngsten Vergangenheit sollte deshalb Anlass sein, Bewertungen genauer zu prüfen – und nicht automatisch als Beleg dafür gelten, dass die Rally weitergeht.