Der Begriff „hybrider Krieg“ beschreibt dabei gerade die Mischung aus militärischen, geheimdienstlichen, digitalen und politischen Mitteln. Sie soll Druck erzeugen, ohne zwangsläufig die eindeutige Schwelle zu einem offenen bewaffneten Angriff zu überschreiten.
Solche Operationen können Logistik und Versorgung stören, kritische Anlagen beschädigen, Kosten verursachen und die Bevölkerung verunsichern. Gleichzeitig bleibt für den Angreifer Spielraum, die Verantwortung abzustreiten oder über Stellvertreter und schwer nachvollziehbare Netzwerke zu handeln.
Drohnen sind dabei nicht nur ein mögliches Angriffsmittel. Europäische Militärs sehen in ihrer Nutzung auch eine Möglichkeit, Luftverteidigung und Überwachung systematisch auf Schwachstellen zu testen. Der deutsche General Carsten Breuer erklärte, Russland setze Drohnen ein, um europäische Luftverteidigungssysteme zu sondieren. Das lenkt den Blick auf praktische Lücken bei der Erfassung tieffliegender Ziele, bei der Abwehr kleiner Drohnen und beim Schutz weitläufiger Infrastruktur.
Öffentlich zugängliche Informationen reichen allerdings nicht aus, um die konkrete Behauptung zu belegen, Russland werde „ukrainische Drohnen“ gegen europäische Infrastruktur einsetzen. Belastbarer ist die allgemeinere Schlussfolgerung: Günstige und anpassungsfähige Drohnen stellen eine nachgewiesene Verwundbarkeit dar und werden deshalb zu einer zentralen Planungs- und Abwehrfrage.
Die öffentliche Quellenlage stützt die Sorge vor einer Eskalation hybrider Aktivitäten – nicht die Behauptung, Russland habe bereits einen Entschluss zu einem großen Einmarsch in die baltischen Staaten gefasst oder verfüge aktuell über eine nachgewiesene Fähigkeit dazu.
Auch Rinkēvičs unterscheidet zwischen beiden Szenarien: Russland könne derzeit möglicherweise nicht die Fähigkeiten für eine umfassende Invasion besitzen und dennoch feindselige hybride Operationen durchführen. Diese Unterscheidung ist entscheidend. Sie spricht für mehr Widerstandsfähigkeit und Abschreckung, aber nicht automatisch für die Aussage, ein konventioneller Krieg stehe unmittelbar bevor.
Ein weiterer Teil der Debatte betrifft den Transit russischer Staatsbürger durch Litauen in Richtung Kaliningrad. Die erleichterten Transitregelungen gehen auf EU-Beschlüsse aus dem Jahr 2003 zurück. Für den Landtransit gilt dabei grundsätzlich eine maximale Dauer von 24 Stunden; für bestimmte Bahntransit-Dokumente gelten eigene Vorgaben.
Der litauische Seimas-Abgeordnete und frühere Verteidigungsminister Arvydas Anušauskas hat vorgeschlagen, das litauische Grenzrecht zu ändern und die erlaubte Aufenthaltsdauer im Transit auf sechs Stunden zu begrenzen. Nach seiner Darstellung würde dies EU-Recht nicht einseitig verändern, sondern die nationale Umsetzung verschärfen.
Für eine strengere Kontrolle werden unter anderem folgende Zahlen angeführt: Die registrierten Verstöße gegen Transitregeln sollen von 360 im Jahr 2024 auf 1.493 im Jahr 2025 gestiegen sein. Im selben Zeitraum nutzten dem Bericht zufolge fast 13.000 Fahrzeuge mit russischen Kennzeichen vereinfachte Transitdokumente.
Diese Entwicklung kann das Argument für engmaschigere Kontrollen stützen. Sie beweist für sich genommen jedoch weder Spionage noch Sabotage durch Transitnutzer. Die politischen Streitfragen liegen deshalb auch darin, wie sich Sicherheitskontrollen, EU-Recht und der praktische Grenzverkehr miteinander vereinbaren lassen.
Aktuelle US-Geheimdienstbewertungen, über die mehrere Medien berichten, sollen Szenarien enthalten, in denen Wladimir Putin die Entschlossenheit der NATO in den kommenden Jahren testet. Die Bandbreite reicht demnach von einem Cyberangriff bis zu einem begrenzten Einmarsch in einen NATO-Staat.
Als möglicher Zeitraum wird in der Berichterstattung der Herbst 2026 bis 2029 genannt. Die baltischen Staaten und Polen gelten dabei als besonders plausibler Schauplatz, weil eine begrenzte Provokation die Bündnissolidarität und die Bereitschaft zur Anwendung von Artikel 5 testen könnte, ohne sofort einen offenen Großkrieg auszulösen.
Das sind jedoch Lage- und Risikoabschätzungen auf Grundlage klassifizierter Informationen, keine Vorhersagen, dass ein Angriff stattfinden wird. Auch die oft zugespitzte Formulierung, Russland könne „innerhalb von Wochen“ angreifen, darf nicht mit einer bestätigten militärischen Entscheidung gleichgesetzt werden. Die öffentlich zugängliche Beweislage erlaubt eine solche Gewissheit nicht.
Für Lettland, Litauen, Estland und Polen ergibt sich daraus vor allem eine Aufgabe der gemeinsamen Risikoreduzierung:
Das Ziel wäre, Russland einen einfachen und schwer zuordenbaren Test der NATO zu verwehren. Rinkēvičs’ Warnung bedeutet damit vor allem: Europa soll den Druck unterhalb der Kriegsschwelle ernst nehmen – ohne daraus unbelegte Gewissheiten über eine unmittelbar bevorstehende Invasion abzuleiten.