Diese Zahlen geben russische Angaben zu abgefangenen Drohnen wieder. Sie sind nicht mit einer unabhängig bestätigten Zahl der von der Ukraine gestarteten Drohnen gleichzusetzen. Eine unabhängige Überprüfung des gesamten Ausmaßes und der Erfolgsquote lag in den vorliegenden Berichten nicht vor.
Gemeldet wurden Aktivitäten unter anderem in den Regionen Moskau, Belgorod, Brjansk, Wladimir, Wolgograd, Woronesch, Kaluga, Kursk, Lipezk, Nischni Nowgorod, Orjol, Rostow, Rjasan, Tambow und Tula sowie in der Region Krasnodar und auf der Krim.
Die Region Moskau gehörte zu den am stärksten betroffenen Gebieten. Gouverneur Andrei Worobjow erklärte, ein 83-jähriger Mann sei in Podolsk getötet worden, nachdem eine Drohne ein Privathaus getroffen habe. Außerdem sei ein Lager des Onlinehändlers Wildberries getroffen worden und in Brand geraten. Reuters berichtete von mindestens einem Toten in der Region Moskau; andere Medien nannten mindestens sechs Tote in ganz Russland, darunter Opfer in den Regionen Rostow und Belgorod.
Die unterschiedlichen Angaben dürften darauf zurückgehen, dass sie verschiedene Regionen und unterschiedliche Zeitpunkte der behördlichen Aktualisierungen erfassen. Am konsistentesten ist die Darstellung, dass mindestens ein Mensch in der Region Moskau starb und mehrere Medien die Gesamtzahl der Todesopfer in Russland mit mindestens sechs angaben.
Die gemeldeten Ziele beschränkten sich nicht auf militärische Stellungen. Genannt wurden Logistiklager, Industrieanlagen, Raffinerien und weitere Infrastruktur, die mit der russischen Kriegswirtschaft verbunden ist. Besonders sichtbar war der Treffer auf ein Verteilzentrum von Wildberries nahe Moskau.
Nach Angaben des Institute for the Study of War haben ukrainische Streitkräfte seit Juli sieben der zehn größten Logistikzentren von Wildberries getroffen. Grundlage dafür waren Angaben des ukrainischen Verteidigungsministeriums. Kiew beschreibt die Angriffe als Versuch, sogenannte Dual-Use-Logistik – also zivil und militärisch nutzbare Infrastruktur – sowie die russische Rüstungsindustrie zu beeinträchtigen. Der Kreml bestreitet hingegen, dass die Lager von Wildberries für militärische Logistik genutzt würden.
Die Ukraine erklärte außerdem, eine Anlage zur Herstellung von Raketentreibstoff in der Region Rostow getroffen zu haben. Diese Darstellung wurde von France 24 berichtet, konnte in den vorliegenden Quellen jedoch nicht unabhängig bestätigt werden.
Moskau stellte den Angriff vor allem anhand der Zahlen seiner Luftabwehr dar und sprach von Hunderten abgefangenen Drohnen in einem weitläufigen Gebiet. Die Angaben zeigen, welchem Ausmaß Russland nach eigener Darstellung ausgesetzt war. Sie belegen jedoch nicht automatisch, wie viele Drohnen ihre Ziele erreichten oder wie viele insgesamt gestartet wurden.
Zeitgleich lief ein weiterer großer russischer Luftangriff auf die Ukraine. Reuters berichtete, russische Angriffe hätten in einem Stahlwerk zwei Menschen getötet. Ukrainische Angaben beschrieben zudem eine nächtliche Attacke mit 152 Kampfdrohnen, darunter Shahed-Drohnen und Täuschsysteme.
Der Schlagabtausch verdeutlicht den zunehmend wechselseitigen Charakter des Luftkriegs: Russland greift ukrainische Städte und Infrastruktur weiterhin mit großen Drohnen- und Raketenwellen an. Die Ukraine versucht im Gegenzug, Russlands Logistik, Treibstoffproduktion, Industrie und Luftabwehr weit hinter der Front unter Druck zu setzen.
Nach BBC-Berichten wurden Drohnen zweier britischer Unternehmen erstmals für Angriffe auf militärische und industrielle Ziele im russischen Kernland eingesetzt. Zu den genannten Zielen gehörten Raffinerien und Wildberries-Lager. Ukrainische Medien identifizierten eines der Systeme als die düsengetriebene Nyan von BAE Systems; der zweite Drohnentyp wurde öffentlich nicht benannt.
Diese Unterscheidung ist entscheidend: Die verfügbaren Hinweise stützen die Aussage, dass ukrainische Streitkräfte Technik britischer Herkunft eingesetzt haben. Sie belegen jedoch nicht, dass britische Soldaten oder Behörden die Ziele auswählten, die Drohnen starteten oder unmittelbar an der Operation beteiligt waren.
Ebenso zeigen die Berichte nicht, dass die britischen Systeme für jeden einzelnen Angriff der großen Drohnenwelle vom 15. und 16. August verantwortlich waren. Einige Meldungen beziehen sich auf ihren Einsatz während der vorangegangenen sechs Monate, während die nächtliche Offensive eine deutlich umfassendere ukrainische Drohnenkampagne war.
Großbritanniens materielle Unterstützung für die Ukraine ist öffentlich dokumentiert. London kündigte die Finanzierung von 150.000 in der Ukraine produzierten Drohnen sowie von mehr als 350 Flugabwehrraketen bis Ende 2026 an. Außerdem beschleunigte das Vereinigte Königreich die Entwicklung eigener weitreichender Schlagsysteme.
Damit ist die britische Unterstützung der ukrainischen Verteidigungsfähigkeit klar belegt. Die vorliegenden Informationen beweisen jedoch keine direkte operative Kontrolle Londons über die Angriffe vom 15. und 16. August. Russischen Vorwürfen, Großbritannien sei dadurch zu einem aktiven Kriegsteilnehmer geworden, gehen die zitierten Berichte daher voraus.
Dasselbe gilt für die NATO. Die britische und NATO-Unterstützung verschärft den politischen Streit Moskaus mit westlichen Regierungen. Die vorliegenden Quellen berichten jedoch nicht, dass die NATO als erklärte Kriegspartei in den Krieg eingetreten wäre.
Nachdem Berichte über den Einsatz britischer Drohnen in Russland bekannt geworden waren, drohten russische Vertreter und staatsnahe Medien Großbritannien mit Konsequenzen. Ein prominenter russischer Fernsehkommentator forderte Angriffe auf britische Rüstungsfabriken und Schiffe und brachte dabei Poseidon ins Spiel – Russlands nuklear angetriebenes Unterwasserwaffensystem.
Diese Äußerungen sind als eskalierende Rhetorik und Signal der Abschreckung einzuordnen. Sie sind kein Beleg dafür, dass der Kreml einen Nuklearangriff angeordnet, einen Poseidon-Einsatz vorbereitet oder den Einsatz von Atomwaffen als unmittelbar bevorstehend bewertet hätte. Die vorliegenden Berichte stützen keine Aussage über einen unmittelbar drohenden Einsatz von Nuklearwaffen.
Der Angriff vom 15. und 16. August ist aus drei Gründen bedeutsam.
Erstens zeigt er die geografische Reichweite der ukrainischen Langstrecken-Drohnenkampagne. Russische Behörden meldeten Aktivitäten in mindestens 17 Regionen; Moskau stand dabei besonders im Fokus.
Zweitens deutet die Auswahl der Ziele auf den anhaltenden Versuch hin, die Systeme hinter Russlands Kriegsführung zu schwächen. Im Visier stehen nicht nur militärische Einrichtungen an der Front, sondern auch Logistik, Treibstoff und industrielle Infrastruktur. Die Angriffe auf Wildberries sind dabei besonders relevant: Die Ukraine betrachtet die Lager als Teil eines zivil-militärisch nutzbaren Logistiknetzes, Russland weist diese Darstellung zurück.
Drittens sind britische Systeme zu einem politischen Brennpunkt geworden. Ihr gemeldeter Einsatz liefert Moskau neue Argumente für Drohungen gegen London. Er beweist jedoch nicht automatisch eine direkte britische Kontrolle über ukrainische Operationen. Der Vorfall verbindet somit eine reale Ausweitung der ukrainischen Angriffsfähigkeiten mit einer möglicherweise überhöhten Darstellung, Großbritannien oder die NATO seien unmittelbare Kriegsparteien.
Die sicherste Schlussfolgerung ist zugleich die nüchternste: Die Ukraine führte einen sehr großen Drohnenangriff tief im russischen Staatsgebiet durch. Russland meldete umfangreiche Abfänge, und es gab Tote. Gleichzeitig setzten beide Seiten ihre Luftangriffe fort. Wie viele Drohnen tatsächlich gestartet wurden, welche Schäden an den einzelnen gemeldeten Zielen entstanden und welche konkrete Rolle britische Technik spielte, bleibt weniger eindeutig, als es die großen Schlagzeilenzahlen vermuten lassen.