Die Botschaft dieses Spreads ist klar: Käufer bewerten Kupfer, das sofort geliefert werden kann, deutlich höher als die Zusage einer späteren Lieferung. Händler mit Leerverkaufspositionen geraten dadurch unter Druck. Sie müssen entweder LME-konformes Metall beschaffen oder ihre Futures zurückkaufen – und konkurrieren dabei möglicherweise mit weiteren Short-Sellern um denselben knappen Bestand.
Die Kupferbestände in den von der LME zugelassenen Lagerhäusern fielen nach 42 aufeinanderfolgenden Rückgängen auf 204.975 Tonnen. Laut der vorliegenden Marktberichterstattung war dies der niedrigste Stand seit Februar. Fast die Hälfte des verbliebenen Metalls war bereits zur Auslagerung vorgemerkt. In der Woche vom 10. bis 14. August standen damit im LME-System nur rund 94.875 Tonnen tatsächlich zur Verfügung.
Diese Unterscheidung ist entscheidend. Die veröffentlichte Gesamtzahl der Lagerbestände umfasst auch Kupfer, dessen Auslagerung bereits zugesagt wurde. Solches Metall kann kurzfristig nicht ohne Weiteres zur Erfüllung fälliger Kontrakte eingesetzt werden. Jede weitere Auslagerung verkleinert den Puffer für die prompten LME-Kontrakte und erhöht das Risiko eines Wettlaufs um Lieferungen.
Der Abbau verlief zudem ungewöhnlich schnell. Seit Mai sind die LME-Bestände um mehr als 40 Prozent gefallen; regelmäßig verließen Chargen von mehreren Tausend Tonnen das Lagerhausnetz. Der schrumpfende Puffer erklärt, warum schon vergleichsweise kleine Veränderungen bei Kauf- oder Verkaufsaufträgen die kurzfristigen Spreads so stark bewegen.
Ein wesentlicher Treiber ist die geografische Verteilung des Metalls. Händler verschiffen raffiniertes Kupfer in die USA, bevor über mögliche Importzölle entschieden wird. Sie wollen von einem höheren US-Preis profitieren, falls Einfuhren künftig teurer werden. Im Juli überstiegen die US-Importe von raffiniertem Kupfer 200.000 Tonnen – laut der vorliegenden Berichterstattung der höchste Monatswert seit zwölf Jahren.
Diese Lieferungen erhöhen nicht automatisch den weltweiten Endverbrauch. Sie entziehen dem übrigen Markt jedoch Metall: Kupfer, das in US-Häfen oder US-Lagerhäuser gelangt, steht Käufern in Europa, China und anderen Handelszentren – einschließlich des LME-Systems – zunächst nicht zur Verfügung. So entsteht eine regionale Verschiebung: In den USA wachsen die Bestände, während die an der Börse verfügbaren Bestände außerhalb der USA sinken.
Daraus ergibt sich auch ein klares Risiko für eine Gegenbewegung. Sollten die Erwartungen an US-Zölle nachlassen, könnte ein Teil des in den Vereinigten Staaten angesammelten Metalls wieder dem internationalen Markt zur Verfügung stehen. Das würde den Aufschlag für promptes Kupfer verringern – wann und in welchem Umfang, ist jedoch offen.
China verstärkt den Druck auf der Nachfrageseite. Die chinesischen Importe von raffiniertem Kupfer erreichten im Juni ein Neunmonatshoch, während Wartungsarbeiten an Hütten die heimische Produktion beeinträchtigten. Die Yangshan-Prämie, ein wichtiger Indikator für Chinas Importinteresse, stieg auf ein Vierjahreshoch von 115 US-Dollar je Tonne. Die Bestände an der Shanghai Futures Exchange sanken von 433.458 Tonnen im März auf 69.610 Tonnen Ende Juli.
Gleichzeitig erhalten chinesische Hütten weniger Kupferkonzentrat, und der Schrottfluss ist gestört. Eine in der vorliegenden Berichterstattung zitierte Prognose veranschlagt die raffinierte Produktion im August bei etwa 1,05 Millionen Tonnen. Die erfassten Produzenten repräsentieren 81,97 Prozent der chinesischen Hüttenkapazität; gegenüber dem Vorjahr wäre das ein Rückgang von 2,83 Prozent.
Der Engpass wirkt somit in beide Richtungen: China zieht raffiniertes Kupfer vom internationalen Markt ab, während die eigene Raffinerieindustrie wegen knapper Vorprodukte eingeschränkt ist. Eine gemeldete Exportbeschränkung für Kupfer- und Kobalt-Konzentrate aus der Demokratischen Republik Kongo verschärft zusätzlich den Rohstoffmarkt. Nach der vorliegenden Reuters-Analyse würde die Maßnahme allein die globalen Kupferbilanzen zwar nicht wesentlich verändern. Sie könnte jedoch einen bereits angespannten Konzentratmarkt weiter verknappen.
Backwardation macht es teurer, eine Short-Position bis zum Verfall zu halten. Wer den fälligen LME-Kontrakt nicht mit dem erforderlichen börsenfähigen Kupfer bedienen kann, muss den Kontrakt möglicherweise zurückkaufen oder sich Bezugsrechte und physisches Metall von einem anderen Marktteilnehmer beschaffen. Müssen mehrere Händler gleichzeitig promptes Kupfer finden, kann dieser Kaufdruck den kurzfristigen Preis deutlich schneller nach oben treiben als die späteren Futures.
So kann ein physischer Engpass eine überproportionale Bewegung am vorderen Ende der Terminstruktur auslösen. Das Problem ist nicht bloß eine optimistische Marktstimmung, sondern der begrenzte Bestand an Metall, mit dem unmittelbare Lieferverpflichtungen erfüllt werden können. Die vorliegenden Marktberichte beschreiben den aktuellen Spread als den weitesten seit dem Squeeze von 2021, der damals Maßnahmen der Börse auslöste.
Die LME verfügt über Regeln, die ungeordnete Marktbewegungen verhindern sollen, wenn verfügbare Bestände und kurzfristige Positionen stark konzentriert sind. Dazu gehören Vorgaben zur Metallleihe, Begrenzungen der Backwardation bei Tom-next-Geschäften und ein Backwardation-Cap. Unter bestimmten Bedingungen kann die Börse außerdem Mechanismen für eine spätere Lieferung einsetzen.
Diese Maßnahmen können die Mechanik eines Squeeze abmildern, indem sie die Verleihung von Metall fördern oder extreme kurzfristige Spreads begrenzen. Sie schaffen jedoch kein neues Kupfer. Bereits in die USA verschiffte Mengen lassen sich dadurch nicht zurückholen; ausgelagerte Bestände werden nicht automatisch wieder eingelagert, und die chinesische Hüttenproduktion steigt dadurch ebenfalls nicht sofort.
Das ist wichtig, weil die aktuelle Anspannung sowohl mit Marktpositionen als auch mit der geografischen Verteilung des Metalls zu tun hat. Börsenregeln können das Risiko einer ungeordneten Verknappung oder einer Marktverengung durch einzelne Akteure reduzieren. Der Markt kann dennoch knapp bleiben, solange die lieferbaren Bestände niedrig sind.
Entscheidend sind nun neue Einlagerungen in LME-Lagerhäuser, eine mögliche Rücknahme stornierter Auslagerungsanweisungen und die Entwicklung des Kassa-Dreimonatsspreads beim Auslaufen der kurzfristigen Kontrakte. Ein kräftiger Zustrom neuen Metalls würde das Lieferrisiko senken. Fallen die Bestände dagegen weiter, während Short-Seller weiterhin Kupfer benötigen, könnte der Squeeze den LME-Preis über das Januar-Hoch treiben.
Das ist ein plausibles Szenario, aber keine Gewissheit. Am 17. August lag der Dreimonatskontrakt bei 14.396 US-Dollar je Tonne; der Januar-Rekord beträgt 14.527,50 US-Dollar. Verschärfen sich der physische Engpass und die Rückkäufe von Short-Positionen, kann die Marke fallen. Die Preise könnten jedoch auch schnell nachgeben, wenn die Erwartungen an US-Zölle schwinden, die chinesische Nachfrage nachlässt oder Metall in die Lagerhäuser zurückkehrt. Die verfügbaren Daten sprechen derzeit stärker für eine extreme kurzfristige Knappheit als für einen dauerhaften globalen Kupfermangel.