Die Juli-Zahlen stehen nicht allein. Zwischen April und Juni wuchs Chinas Wirtschaft im Jahresvergleich um 4,3 Prozent – deutlich weniger als im ersten Quartal mit 5,0 Prozent und unter der Marktprognose von 4,5 Prozent. Damit lag das Quartalsergebnis sogar unter dem unteren Rand von Pekings offiziellem Jahresziel von 4,5 bis 5,0 Prozent.
Der Befund ist deshalb besonders relevant: Der Juli war kein einzelner schwacher Monat nach einer sich beschleunigenden Erholung. Vielmehr verdichten sich die Hinweise, dass die Abkühlung in der zweiten Jahreshälfte anhält.
Haushalte und Unternehmen scheinen weiterhin zurückhaltend zu sein, wenn es um Konsum, Investitionen und neue Kredite geht. Der Schub staatlicher Programme zum Austausch älterer Konsumgüter verliert offenbar an Wirkung. Hinzu kamen extreme Wetterereignisse, die die wirtschaftliche Aktivität im Juli teilweise beeinträchtigten.
Diese Faktoren können die monatliche Schwäche erklären, reichen aber kaum als vollständige Erklärung aus. Grundsätzlicher ist die geringe Bereitschaft, sich zu verschulden oder langfristige Ausgaben zu planen.
Die neuen Yuan-Kredite gingen im Juli um 340 Milliarden Yuan zurück – der stärkste Rückgang seit Beginn der Aufzeichnungen. Gleichzeitig sank das Wachstum der ausstehenden Kredite auf ein Rekordtief. Sowohl private Haushalte als auch Unternehmen nahmen weniger Schulden auf. Das spricht für ein Nachfrage- und Vertrauensproblem, nicht lediglich für einen Mangel an verfügbaren Bankkrediten.
Die anhaltende Schwäche des Immobilienmarkts verstärkt diese Vorsicht. Sinkende Immobilienaktivität belastet das Vermögen der Haushalte, die Finanzen lokaler Regierungen und die privaten Investitionen. So kann ein Kreislauf entstehen: Weniger Vertrauen führt zu weniger Konsum und Kreditaufnahme – und die schwächere Nachfrage drückt wiederum das Vertrauen.
Der offizielle Einkaufsmanagerindex für das verarbeitende Gewerbe fiel im Juli von 50,3 auf 49,2 Punkte. Ein Wert unter 50 signalisiert, dass sich die Geschäftstätigkeit gegenüber dem Vormonat verringert. Auch der Einkaufsmanagerindex für den nicht verarbeitenden Sektor sank auf 49 Punkte. Die Schwäche beschränkt sich damit nicht auf die Industrie, sondern reicht bis in Dienstleistungen und das Bauumfeld.
Besonders aufschlussreich ist, dass die starke Auslandsnachfrage offenbar nicht zu einer gleichmäßigen Verbesserung der Lage heimischer Unternehmen führt. Neue Aufträge gingen zurück, während Wetterstörungen und hohe Produktionskosten zusätzlichen Druck erzeugten.
Der große Lichtblick waren die Ausfuhren. Chinas Exporte stiegen im Juli in US-Dollar gerechnet um 23,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr und übertrafen damit die Erwartungen. Die Nachfrage nach Hightech-Produkten, darunter Waren im Zusammenhang mit dem weltweiten Ausbau der KI-Infrastruktur, stützte den Exportsektor. Die Importe legten um 27,5 Prozent zu, wuchsen damit aber langsamer als im Juni.
Das verschafft Peking kurzfristig Luft. Exportwachstum kann die Produktion und Beschäftigung in der Industrie stützen, wenn chinesische Verbraucher vorsichtig bleiben. Es ist jedoch kein vollwertiger Ersatz für eine Erholung, die von der Binnennachfrage getragen wird.
Der starke Außenhandelsüberschuss verschärft zudem die politischen Risiken. Für die ersten sieben Monate summierte er sich auf 687,4 Milliarden US-Dollar und könnte bei anhaltendem Tempo im Gesamtjahr die Marke von einer Billion US-Dollar überschreiten. Das würde den Vorwurf ausländischer Handelspartner verstärken, China exportiere Überkapazitäten, und könnte zusätzliche Zölle oder andere Handelsbarrieren wahrscheinlicher machen.
Auch die KI-getriebene Nachfrage ist nicht völlig unabhängig von äußeren Umständen. Sie hängt von der weltweiten Investitionsbereitschaft und von politischen Entscheidungen außerhalb Pekings ab. Exporte kaufen China daher zwar Zeit, lösen aber nicht die strukturelle Schwäche der heimischen Nachfrage.
Die chinesische Führung muss gleichzeitig auf zwei Arten von Problemen reagieren. Einerseits gibt es vorübergehende Belastungen: extremes Wetter und der nachlassende Effekt der Konsumsubventionen könnten die Aktivität im Juli zusätzlich gedrückt haben. Andererseits sind mehrere Schwächen hartnäckiger: Haushalte bleiben vorsichtig, private Kreditnehmer bauen Schulden ab, der Immobilienmarkt steckt weiter in der Krise und die Beschäftigungslage bremst den Konsum.
Unter diesen Bedingungen ist eine reine Lockerung der Kreditpolitik weniger wirksam. Die chinesische Zentralbank hat zusätzliche Unterstützung angekündigt. Der historische Rückgang der Kreditvergabe zeigt jedoch, dass nicht nur Liquidität fehlt. Potenzielle Kreditnehmer wollen oder können derzeit offenbar keine neuen Schulden aufnehmen.
Viele Ökonomen plädieren deshalb für einen stärkeren fiskalischen Kurs – also für direkte staatliche Ausgaben und Hilfen. Im Gespräch sind unter anderem eine größere Unterstützung privater Haushalte, ein besserer sozialer Schutz, Maßnahmen zur Stabilisierung des Immobilienmarkts und eine stärkere Kreditaufnahme durch die Zentralregierung. Ziel wäre, Konsum und Vertrauen unmittelbar zu stärken, statt sich vor allem auf günstigere Kredite oder Exporte zu verlassen.
Die Juli-Daten wurden veröffentlicht, nachdem der chinesische Aktienmarkt bereits geschlossen hatte. Einige Marktbeobachter werteten den Zeitpunkt als Versuch, eine unmittelbare Reaktion auf den schwachen Bericht zu begrenzen. Das ist für sich genommen kein Beleg für eine Manipulation der Zahlen. Es zeigt aber, wie sensibel die Daten für Politik und Märkte geworden sind.
Am wirtschaftlichen Befund ändert der Zeitpunkt nichts: China startete mit schwacher Binnennachfrage, rückläufigen Investitionen und einem Einkaufsmanagerindex unterhalb der Wachstumsschwelle in die zweite Jahreshälfte. Die kräftigen Exporte verschaffen der Regierung kurzfristig Spielraum, erhöhen zugleich aber die Abhängigkeit von globaler Nachfrage und die Gefahr neuer Handelskonflikte.
Chinas Juli-Daten zeichnen das Bild einer Wirtschaft, die von ihren Exporten gestützt wird, während ihre heimischen Grundlagen fragil bleiben. Einzelhandelsumsätze mit einem Plus von nur 0,6 Prozent, ein Produktionswachstum von 4,5 Prozent, ein Rückgang der Anlageinvestitionen um 6,7 Prozent und eine städtische Arbeitslosenquote von 5,2 Prozent sprechen für ein schwieriges zweites Halbjahr.
Die entscheidende Frage ist nun, ob Peking politische Unterstützung in tatsächlichen Konsum, höhere Kreditaufnahme der Unternehmen und eine Stabilisierung des Immobilienmarkts übersetzen kann. Gelingt das nicht, können starke Exporte das Wachstum zwar abfedern. Eine dauerhafte Alternative zu einer gesunden Binnennachfrage sind sie jedoch nicht.