Die Angriffe auf Schiffe und die festgefahrene Diplomatie zwischen Washington und Teheran ließen eine schnelle Entspannung weniger wahrscheinlich erscheinen. Hinzu kamen die erneuten israelischen Angriffe auf den Libanon, das nahende Ende des Waffenstillstands, die Drohung einer unbegrenzten US-Blockade iranischer Häfen und die Warnung von US-Finanzminister Scott Bessent vor beispiellosen Maßnahmen zur wirtschaftlichen Isolation Irans. Zusammen deuteten diese Entwicklungen auf ein anhaltendes, nicht nur vorübergehendes Risiko für die Energieversorgung hin.
Auch außerhalb des Persischen Golfs weitete sich die Sorge aus. Ein ukrainischer Drohnenangriff beeinträchtigte russische Rohölexporte aus Noworossijsk. Dadurch rückte die Möglichkeit in den Fokus, dass regionale und russische Ausfälle gleichzeitig den Markt für seegängiges Rohöl verknappen könnten. Das ist insbesondere für Abnehmer relevant, deren Versorgung stärker an Brent-Preise gekoppelt ist.
Die Preissprünge wären vermutlich noch größer ausgefallen, wenn die Konjunktur- und Lagerdaten nicht in die Gegenrichtung gezeigt hätten. Die kommerziellen Rohölbestände in den USA stiegen überraschend um 17,4 Millionen Barrel – obwohl Marktteilnehmer mit einem Rückgang gerechnet hatten. Der kräftige Aufbau signalisierte, dass der US-Markt kurzfristig nicht unter einer akuten Knappheit litt.
Zudem senkte die OPEC ihre Prognose für das Wachstum der globalen Ölnachfrage 2026 zum vierten Mal in Folge auf 580.000 Barrel pro Tag. Die IEA rechnet sogar mit einem Rückgang des weltweiten Verbrauchs um 1,6 Millionen Barrel pro Tag. Hohe Kraftstoffpreise und die Belastung der Weltwirtschaft durch den Konflikt könnten somit einen Teil des Angebotsschocks durch geringeren Verbrauch ausgleichen.
Damit bewegte sich der Ölmarkt zwischen zwei gegenläufigen Kräften: Einer außergewöhnlich hohen geopolitischen Risikoprämie für gefährdete Transportwege und Exporte auf der einen Seite und Anzeichen einer schwächeren physischen Nachfrage auf der anderen. Das Ergebnis war ein kräftiger Wochenanstieg – aber keine ungebremste Preisexplosion.
Solange eine Wiederöffnung der Straße von Hormus und eine belastbare Einigung zwischen den USA und Iran ausbleiben, dürfte der Markt daher besonders empfindlich auf Nachrichten zu Schiffen, Sanktionen und Exportanlagen reagieren. Gleichzeitig setzen volle Lager und sinkende Nachfrageprognosen dem Aufwärtspotenzial Grenzen.