Besonders bemerkenswert: Der Abstand hat sich sogar vergrößert, obwohl EM-Aktien den S&P 500 in absoluten Renditen geschlagen haben. Der MSCI EM legte 2025 um rund 34 Prozent zu und 2026 bisher um weitere 16 Prozent, während der S&P 500 in diesem Jahr nur rund 5 Prozent gewann . Die Schere geht dennoch weiter auf, weil die Multiplikatoren des S&P 500 – obwohl von ihren Höchstständen gefallen – immer noch auf historisch hohem Niveau liegen. Gleichzeitig wachsen die Gewinne der EM-Unternehmen so stark, dass die Forward-KGVs trotz steigender Kurse weiter sinken .
Der Anteil der „Magnificent Seven“ (Mag 7) im S&P 500 ist von rund 19 Prozent vor zehn Jahren auf über 41 Prozent gestiegen. Diese sieben Aktien waren bis Anfang 2026 für etwa 90 Prozent der Indexgewinne verantwortlich . Obwohl alle sieben Mag 7 in diesem Jahr hinter dem Gesamtindex zurückbleiben (das erste Mal seit 2022), hat ihr vorheriger Höhenflug das KGV des S&P 500 künstlich in die Höhe getrieben und verdeckt die Bewertung des restlichen Marktes . Der gleichgewichtete S&P 500 notiert deutlich niedriger – ein klarer Beleg dafür, dass die KI-Lastenkonzentration die Bewertung des kapitalgewichteten Index strukturell verzerrt .
China hat ein erhebliches Gewicht im MSCI EM. Doch die chinesischen Aktien leiden unter Deflationsdruck, einer anhaltenden Immobilienkrise und geopolitischer Unsicherheit. Das drückt die Gesamtbewertung des EM-Index. Auch Hongkong hinkt hinterher . Das Forward-KGV des MSCI China liegt unter seinem Fünfjahresdurchschnitt .
Die anhaltenden Konflikte, insbesondere im Nahen Osten, haben die Bewertungen in mehreren Märkten der Region zusammenschrumpfen lassen. Bahrain notiert beispielsweise bei einem Forward-KGV von nur etwa 4,5 . Die Risikoprämie für EM-Aktien bleibt insgesamt im Vergleich zu den entwickelten Märkten hoch, was die Multiple-Kompression verstärkt.
Nach Jahren der starken US-Überperformance sind viele institutionelle Anleger trotz des Rabatts in Schwellenländern untergewichtet. Die große Lücke spiegelt eine anhaltende Skepsis wider: Zweifel an der Nachhaltigkeit des EM-Gewinnwachstums, höheres Währungsrisiko und Bedenken bezüglich der Unternehmensführung .
Die spezifischen Länder-Multiplikatoren schwanken je nach Datenquelle und Zeitpunkt, zeigen aber ein klares Bild:
| Markt | Ungefähre Bewertung (Mitte 2026) | Quellenhinweise |
|---|---|---|
| Türkei | ~7,5x Forward-KGV (7,46x im April 2026) | Einer der günstigsten Märkte weltweit. Das Forward-KGV ist höher als das Trailing-KGV, aber immer noch extrem niedrig. |
| Brasilien | ~8–9x Forward-KGV | Der Ibovespa notiert nahe seinem Zehnjahrestief. |
| Argentinien | ~8–9x Forward-KGV | Tiefer Rabatt spiegelt makroökonomische Instabilität und die Folgen der Umschuldung wider. |
| Philippinen | ~9,35x Forward-KGV | Das Forward-KGV liegt im Bereich von 9–10. |
| Dubai / VAE | ~9–10x Forward-KGV | Einstellige Forward-KGVs. |
| Indonesien | ~9,3x CAPE (günstigster EM nach CAPE) | Liegt im 1. Perzentil der historischen Bewertungen. |
Indien bleibt eine der am schnellsten wachsenden großen Volkswirtschaften der Welt und gilt als struktureller Profiteur der Verlagerung von Lieferketten weg von China. Sein Gewicht im MSCI EM ist entsprechend gestiegen .
Sollte es der chinesischen Konjunkturpolitik gelingen, den Deflationszyklus zu durchbrechen und den Immobiliensektor zu stabilisieren, würde sich der tiefe Bewertungsabschlag des Landes wahrscheinlich schnell verringern. Der MSCI China bietet mit einem Forward-KGV unter dem Fünfjahresdurchschnitt ein erhebliches Potenzial für eine Neubewertung .
Brasilien und andere lateinamerikanische Märkte profitieren von geldpolitischen Lockerungen, Rohstoffexporten und – im Fall Brasiliens – einer Währung, die von vielen Analysten als unterbewertet angesehen wird . Lazard Asset Management stellt fest, dass die Erwartungen für das Gewinnwachstum pro Aktie (EPS) in EM für 2026–2027 höher sind als in den entwickelten Märkten .
Die PEG-Ratio (KGV geteilt durch erwartetes Gewinnwachstum) liegt für EM-Aktien bei rund 0,9, für den S&P 500 bei 1,5. Das bedeutet, dass EM ein überlegenes Gewinnwachstum pro Bewertungseinheit bieten . Diese fundamentale Lücke könnte eine Trendwende auslösen, wenn sich die Anlegerstimmung ändert.
Alle sieben Mag-7-Aktien haben den S&P 500 im Jahr 2026 unterboten, und Goldman Sachs erwartet, dass sich dieser Trend fortsetzt . Löst sich die KI-Konzentration auf, könnten Kapitalströme in Richtung internationaler und EM-Werte fließen.
Der KI-Handel verlagert sich die Wertschöpfungskette hinunter (hin zu Halbleitern und Infrastruktur), aber das schafft eigene Volatilität. Besonders betroffen sind technologielastige asiatische Märkte wie Taiwan und Südkorea . Der MSCI EM hat einen hohen Tech-Anteil, sodass KI-bedingte Kursrückschläge auch die Schwellenländer treffen.
In Südkorea gab es eine massive Welle von Privatanlegerkäufen, die teilweise durch Kredite finanziert wurden. Platzt diese spekulative Blase, könnte eine Welle von Zwangsverkäufen koreanischer Aktien ausgelöst werden, die ein erhebliches Gewicht im MSCI EM haben. Analysten sehen darin einen kurzfristigen Gegenwind für den asiatischen Tech-Komplex .
Wie viele Quellen betonen: „Günstig kann noch günstiger werden.“ Der EM-Rabatt ist seit Ende 2024 trotz starker absoluter Renditen auf oder nahe Rekordniveau . Der Abschlag weitete sich sogar aus, als EM in den Jahren 2025–2026 besser abschnitten als die entwickelten Märkte. Das bedeutet, dass die Bewertung allein ein schlechter Timing-Indikator ist – der Katalysator für eine Neubewertung (Geldpolitik, China-Erholung, geopolitische Entspannung) muss erst eintreten.
EM-Renditen in USD können durch Währungsabwertungen erheblich geschmälert werden . Während einige Währungen (z. B. der brasilianische Real) als unterbewertet gelten, könnten andere weiter unter Druck geraten.
Der Nahostkonflikt, die Spannungen zwischen den USA und China sowie mögliche Wahlüberraschungen in EM-Ländern tragen zur Risikoprämie bei, die die EM-Multiplikatoren niedrig hält. Eine Eskalation könnte eine Neubewertung weiter verzögern.
Der rekordhohe EM-Rabatt ist eine echte Anomalie – etwa doppelt so groß wie der langfristige Durchschnitt. Die Hauptgründe sind die KI-Konzentration im S&P 500, die anhaltenden Probleme Chinas, eine erhöhte geopolitische Risikoprämie und die Trägheit der Anleger. Das fundamentale Argument für EM (schnelleres Gewinnwachstum, günstigere Bewertungen, Verbreiterung des KI-Handels) ist überzeugend, aber die Risiken – insbesondere die Unsicherheit beim Timing, die Volatilität asiatischer Tech-Werte und die südkoreanische Privatanleger-Hebelwirkung – sind real. Die Lücke könnte bestehen bleiben, bis ein konkreter Katalysator (eine Erholung Chinas, eine Zinssenkung der Fed, eine geopolitische Lösung) eine nachhaltige Neubewertung auslöst.