Ernteproduktion. Wiederholte Hitzewellen in Europa – mit Temperaturen im Juli 2026, die in vielen Ländern 5 bis 12 °C über den saisonalen Durchschnittswerten lagen – haben die Kornfüllungsphase der Winterkulturen verkürzt und die Reifung beschleunigt . Der JRC-MARS-Bulletin der EU senkte die Ertragsprognosen für Winterkulturen um 1 bis 4%; die gesamte EU-Getreideernte liegt nun 1% unter dem Fünfjahresdurchschnitt . Allein die rekordverdächtige Hitze im Juni zerstörte schätzungsweise neun Millionen Tonnen Getreide und verursachte bei den Landwirten Einnahmeverluste von rund zwei Milliarden Euro . Auch Sommerkulturen wie Körnermais und Sonnenblumen sind durch die sinkende Bodenfeuchtigkeit zunehmend bedroht .
Lebensmittelpreise. Der FAO-Lebensmittelpreisindex stieg im Juli 2026 leicht an, wobei die Zuckerpreise allein in einem Monat um 5,6% anzogen – unter anderem aufgrund der anhaltenden Hitze und Trockenheit, die die Ernteerträge in der Europäischen Union beeinträchtigten . Oxford Economics bewertete die extremen Hitzewellen inzwischen als eine größere Gefahr für die globale Nahrungsmittelinflation als geopolitische Konflikte .
Ausmaß und Wahrscheinlichkeit. Das Welternährungsprogramm (WFP) berichtete von einer 81-prozentigen Wahrscheinlichkeit eines sehr starken El-Niño-Ereignisses – möglicherweise eines der intensivsten seit mindestens 1950 . Die El-Niño-Bedingungen werden voraussichtlich zwischen September und Dezember 2026 ihren Höhepunkt erreichen, die Auswirkungen werden sich jedoch aufgrund von Störungen der folgenden Aussaat- und Erntezyklen bis ins Jahr 2027 erstrecken .
Regionale Auswirkungen auf die Ernten. El Niño bringt typischerweise unterdurchschnittliche Niederschläge nach Südostasien, Südasien (besonders während des Monsuns von Juni bis September) und in Teile der Pazifikinseln, während das südliche Afrika und Mittelamerika voraussichtlich am stärksten von Dürre betroffen sein werden . Der WMO Global Seasonal Climate Update zeigte eine rasche Entwicklung zu einem starken Ereignis zwischen Juli und September 2026, wobei die Anomalien der Meeresoberflächentemperatur in wichtigen Überwachungsregionen 2 °C überschreiten dürften .
Hungerzahlen. In 45 Ländern, die bereits als lebensmittelunsicher gelten, schätzt das WFP, dass allein aufgrund von El Niño bis Ende 2027 weitere 49 Millionen Menschen von akutem Hunger bedroht sein könnten – ein Anstieg um 22 Prozent gegenüber den derzeit 225 Millionen . Mehr als 18 Millionen Menschen in Ost- und Südafrika erleben eine sich verschlechternde Ernährungssicherheit . In West- und Zentralafrika prognostiziert das WFP, dass fast sechs Millionen zusätzliche Menschen in akute Ernährungsunsicherheit geraten könnten .
Ausmaß der Störung. Seit dem 2. März 2026 ist der Tankerverkehr durch die Meerenge um mehr als 95 Prozent zurückgegangen . Normalerweise werden 20 bis 30 Prozent aller international gehandelten Düngemittel – darunter wichtige Ammoniak- und Stickstofflieferungen – durch die Straße transportiert . Unter normalen Bedingungen passieren rund 35 Prozent der weltweiten Düngemittelexporte auf dem Seeweg diesen Engpass . Die Harnstoffpreise im Nahen Osten liegen weiterhin zwischen 75 und 108 Prozent über dem Vorkrisenniveau .
Auswirkungen auf die Landwirtschaft. Die FAO schätzt, dass Getreideproduzenten im Jahr 2026 mit Einkommenseinbußen von bis zu 5 Prozent rechnen müssen, da die Düngemittelkosten in die Höhe schießen und die Verfügbarkeit sinkt . Die Störung hat zu starken Anstiegen der Energiepreise geführt und das globale Angebot vor allem für die großen asiatischen Importeure (China, Indien, Japan, Republik Korea) verknappt . Rund die Hälfte der weltweiten Nahrungsmittelproduktion ist auf synthetischen Stickstoff angewiesen, was bedeutet, dass Ernteausfälle ohne die Rückkehr der Düngemittellieferungen nahezu sicher sind .
Gefahr für die Lebensmittelpreise. Die FAO warnte bereits im Mai 2026, dass eine anhaltende Schließung innerhalb von sechs bis zwölf Monaten einen „Agrar- und Lebensmittelschock“ und eine schwere globale Nahrungsmittelpreiskrise auslösen könnte . Die FAO stellte explizit fest, dass die steigenden Treibstoff- und Düngemittelpreise im Zusammenhang mit der Straße von Hormus die Bedrohung durch El Niño für die Nahrungsmittelproduzenten noch verstärken .
Handelsstörung. Eine Zunahme von Angriffen auf Schiffe, Häfen und Exportterminals im Schwarzen Meer stört erneut die globalen Getreidehandelsströme . Die Ukraine ist ein wichtiger Exporteur von Weizen, Mais und Sonnenblumenöl – erneute Unterbrechungen verringern die globale Verfügbarkeit.
Preis- und Hungerfolgen. Neben dem Iran-Konflikt nannte FAO-Chefökonom Torero den Ukraine-Krieg ausdrücklich als einen der Haupttreiber des perfekten Sturms aus höheren Kosten und geringeren Erträgen . Im Juli 2026 stiegen die weltweiten Weizenpreise aufgrund der anhaltenden Störungen der Schwarzmeerexporte um 5,8 Prozent . Der gemeinsame Frühwarnbericht von WFP und FAO stellt fest, dass der Konflikt im Nahen Osten und die Ukraine-Situation gemeinsam „erhebliche Störungen für die globalen Agrar- und Lebensmittelmärkte“ verursachen und das Risiko einer weiteren Verschlechterung der akuten Ernährungsunsicherheit in den Hunger-Hotspots erhöhen .
Die FAO warnte, dass die Rohstoffpreise in den kommenden Monaten steigen dürften, da sich diese vier Belastungsfaktoren gegenseitig verstärken . Das WFP prognostiziert, dass die Zahl der akut von Ernährungsunsicherheit betroffenen Menschen bis Ende 2027 auf 274 Millionen in 45 Ländern ansteigen könnte, wenn sich die Krisen wie vorhergesagt zuspitzen . Der El Niño von 2015–2016 hatte die Ernährungssicherheit von 60 bis 100 Millionen Menschen beeinträchtigt; das aktuelle Ereignis soll mindestens 49 Millionen zusätzliche Menschen in akuten Hunger treiben – und das auf einer ohnehin schon rekordhohen Basis von 225 Millionen .
Die Lage ist weiterhin dynamisch, aber die Warnung des FAO-Chefökonomen ist deutlich: Die Welt steht am Rande einer weiteren Welle der Nahrungsmittelinflation, und das Zeitfenster für vorbeugende Maßnahmen schließt sich rapide.