Der amtierende Gouverneur Denis Pasler erklärte, die Luftabwehr habe acht Drohnen abgeschossen. Trümmer von drei Drohnen seien auf das Dach des Lagerkomplexes gestürzt und hätten Brände ausgelöst . Auf Videoaufnahmen waren mehrere Feuer unter dem Dach zu sehen . Wildberries bestätigte den Angriff und teilte mit, die Feuerwehr habe den Brand unter Kontrolle gebracht .
Es war bereits der zweite Vorfall an diesem Standort: Am 25. Juli hatte eine Drohnenwarnung eine Evakuierung ausgelöst. Zudem war in einem nahe gelegenen Parkplatz ein Feuer ausgebrochen .
Die Kampagne begann am 18. Juli. Seitdem wurden nach Reuters-Recherchen rund 20 Wildberries-Standorte in Russland von ukrainischen Drohnen getroffen – innerhalb von weniger als drei Wochen . Eine Auswertung von Satellitenbildern durch Reuters kommt zu dem Ergebnis, dass mindestens 1,18 Millionen Quadratmeter Lagerfläche beschädigt oder zerstört wurden. Das entspricht mehr als einem Fünftel der gesamten Lagerkapazität des Unternehmens .
Eine Schätzung des Analysehauses Data Insight, die Forbes Russia zitierte, lag am 2. August sogar bei 1,21 bis 1,47 Millionen Quadratmetern betroffener Logistikfläche. Das wären 17,2 bis 22,2 Prozent der insgesamt 5,2 Millionen Quadratmeter . Russische Analysten bezifferten den wirtschaftlichen Schaden der ersten Angriffe auf bis zu 100 Milliarden Rubel – umgerechnet etwa 1,3 Milliarden US-Dollar .
Bei den Angriffen wurden nach Angaben russischer Behörden mindestens 15 Menschen getötet, darunter Lagerarbeiter und ein Kind .
Die ukrainische Führung bezeichnet die Logistikzentren als legitime militärische Ziele. Ihre Begründung: Wildberries unterstütze die russischen Kriegsanstrengungen und liefere unter anderem Uniformen, Elektronik und weitere Waren an das Militär .
Präsident Wolodymyr Selenskyj sagte, die Angriffe zielten auf die wirtschaftliche Basis der russischen Invasion. Die betroffenen Logistikzentren seien unter anderem an der Versorgung der russischen Armee mit Drohnenkomponenten, Navigationsausrüstung und anderer Militärtechnik beteiligt, erklärte er . Zugleich stellte Selenskyj die Angriffe als Reaktion auf russische Attacken gegen zivile Infrastruktur in der Ukraine dar .
Die unmittelbaren Folgen treffen nicht nur Wildberries. In den Lagern befanden sich die Bestände tausender Händler, die ihre Waren dort vor dem Versand an Kunden einlagerten.
Zusätzliche Brisanz hat eine Änderung der Händlervereinbarung: Wildberries stufte Drohnenangriffe, Beschuss und Explosionen bereits am 7. Juli – elf Tage vor Beginn der Angriffe – als „höhere Gewalt“ ein. Damit will sich der Marktplatz von der Haftung für verlorene Waren freistellen .
Am 7. August führte Wildberries eine erweiterte freiwillige Versicherung für Händler ein. Sie umfasst nun auch Terroranschläge, Sabotage und Drohnenangriffe sowie daraus entstehende Schäden, etwa Brände durch herabfallende Drohnentrümmer .
Die wichtigsten Bedingungen:
Für die betroffenen Händler ist das Angebot deshalb nur ein begrenzter Schutz. Die Obergrenze von 100.000 Rubel liegt bei vielen Bestellungen deutlich unter dem tatsächlichen Wert der zerstörten Ware. Vor allem bleibt das größte Risiko – die Lagerung im zentralen Wildberries-Netz – ausdrücklich unversichert .
Die Dimension der Schäden geht über einzelne Brände hinaus. Die Open-Source-Intelligence-Gruppe DroneBomber meldete, dass bis zum 2. August 16 der 26 größten Lagerkomplexe von Wildberries außer Betrieb gesetzt worden seien. Das entspräche nahezu zwei Dritteln der wichtigsten Logistikstandorte .
Wildberries erklärte im Juni, über 209 Logistikstandorte mit einer Gesamtfläche von 5,2 Millionen Quadratmetern zu verfügen . Nach Einschätzung der Moscow Times war bis Anfang August mehr als ein Viertel dieser Kapazität ausgefallen . Das Unternehmen versucht, Warenströme auf andere Standorte umzuleiten und den Betrieb aufrechtzuerhalten.
Wildberries ist für Russland weit mehr als ein gewöhnlicher Onlinehändler. Das Unternehmen wird häufig als russisches Gegenstück zu Amazon beschrieben und bildet eine zentrale Schnittstelle für Händler, Lagerung, Versand und Abholung. Die Angriffe treffen damit nicht nur militärisch relevante Infrastruktur, sondern auch die zivile Konsumwirtschaft und die Existenz kleiner Unternehmen .
Der jüngste Angriff auf Jekaterinburg zeigt, wie weit die Kampagne inzwischen ins russische Hinterland reicht. Für Wildberries und seine Händler stellt sich damit eine grundsätzliche Frage: Wie lange kann ein landesweites Liefernetz funktionieren, wenn seine wichtigsten Lager zu militärischen Zielen werden?