Der Zeitpunkt ist allerdings kaum nebensächlich: Während Temu den Anschluss an das europäische E-Commerce-Ökosystem sucht, erhöht die EU den Druck auf genau jenes Geschäftsmodell, das den schnellen Aufstieg der Plattform ermöglicht hat.
CBCommerce bezeichnet sich als europäische Branchenorganisation für den grenzüberschreitenden Handel. Eine Mitgliedschaft steht laut dem Verband nur Einzelhandelsmarken und Marktplätzen offen, die in Europa tätig sind; Anbieter können sich hingegen als Partner oder Sponsoren beteiligen .
Mit dem Beitritt präsentiert sich Temu damit eher als etablierter Marktteilnehmer denn als Außenseiter, der bestehende Handelsstrukturen herausfordert. Der Schritt verschafft dem Unternehmen außerdem Zugang zu Branchendebatten, Praxisempfehlungen und Gesprächen darüber, wie neue EU-Vorgaben im Alltag umgesetzt werden sollen.
Das ist besonders relevant, weil die EU ihre Regeln für Warenimporte aus Drittstaaten grundlegend neu ordnet.
Für Temu ist Europa trotz der zunehmenden Kontrollen ein zu wichtiger Markt, um ihn aufzugeben:
Diese Größenordnung erklärt, warum Temu seine Präsenz in Europa institutionell absichern möchte – selbst wenn der regulatorische Preis dafür steigt.
Der Beitritt zu CBCommerce erfolgt vor dem Hintergrund mehrerer Verfahren und Auflagen auf EU-Ebene.
200 Millionen Euro Strafe nach dem Gesetz über digitale Dienste: Die Europäische Kommission verhängte im Mai 2026 eine Geldbuße von 200 Millionen Euro gegen Temu. Nach Ansicht der Kommission hatte die Plattform systemische Risiken im Zusammenhang mit illegalen Produkten nicht sorgfältig genug identifiziert, analysiert und bewertet . Temu muss bis zum 28. August 2026 einen Maßnahmenplan zur Abhilfe vorlegen . Bereits im September 2025 hatte die Kommission vorläufig einen Verstoß festgestellt .
Einstufung als sehr große Online-Plattform: Temu ist als „Very Large Online Platform“ (VLOP) im Sinne des Gesetzes über digitale Dienste eingestuft. Damit gelten für das Unternehmen besonders weitreichende Pflichten zur Bewertung und Eindämmung systemischer Risiken .
Verbraucherschutz: Im November 2024 informierte das Netzwerk der nationalen Verbraucherschutzbehörden (CPC-Netzwerk) Temu über Praktiken, die nach seiner Einschätzung gegen EU-Verbraucherrecht verstoßen. Die Plattform wurde aufgefordert, diese Praktiken mit den europäischen Vorgaben in Einklang zu bringen .
Prüfung nach der Verordnung über ausländische Subventionen: Nach einer Inspektion in Temus Räumlichkeiten in Dublin im Dezember 2025 legte die Kommission eine sogenannte Darlegung der Gründe nach der Verordnung über ausländische Subventionen vor. Temu weist die vorläufigen Feststellungen zurück und will dagegen Stellung nehmen .
Die im März 2026 erzielte Einigung zur Reform des Zollkodex der Union könnte Temus Geschäftsmodell besonders stark verändern. Plattformen, die Fernverkäufe von Waren aus Nicht-EU-Staaten an Verbraucherinnen und Verbraucher in der EU ermöglichen, sollen künftig als rechtlich verantwortliche Importeure behandelt werden .
Das bedeutet im Kern:
Die Europäische Kommission beschreibt den Wandel als grundlegende Abkehr vom bisherigen System: Online-Plattformen sollen zu zentralen Akteuren werden, die sicherstellen, dass online in die EU verkaufte Waren alle Zollpflichten erfüllen. Bislang lag die Verantwortung stärker bei einzelnen Verbrauchern und Transportdienstleistern .
Für Temu betrifft das nicht nur die Zollabwicklung. Die Plattform müsste auch ihre Produktdaten, Prüfprozesse, Lieferketten und Systeme zur Einhaltung von Sicherheitsvorgaben entsprechend ausrichten.
Die Mitgliedschaft in einem Brüsseler Branchenverband mit europäischen Einzelhandelsmarken und Marktplätzen kann Temu helfen, sich als konstruktiver Teil des europäischen Handelsumfelds zu positionieren. Das ist ein deutlich anderer Auftritt als der eines rein preisgetriebenen Direktvertriebsmodells, das vor allem durch schnelle Lieferungen und sehr günstige Angebote Aufmerksamkeit erlangt.
Der Austausch mit anderen Marktteilnehmern und Branchenvertretern kann Temu dabei helfen, die Umsetzung der neuen „Importeur-kraft-Gesetzes“-Pflichten besser einzuschätzen. Für die Anpassung von Logistik, Zollprozessen und Compliance-Systemen sind solche Informationen wertvoll.
Die Beteiligung an Verbandsaktivitäten und der Austausch mit Verkäufern senden zugleich ein Signal an Behörden und Geschäftspartner: Temu will seine Infrastruktur für die Einhaltung von Vorschriften ausbauen, statt ausschließlich auf juristische Auseinandersetzungen zu setzen. Ob das ausreicht, hängt von der konkreten Umsetzung ab. Bei Verstößen gegen das Gesetz über digitale Dienste können Geldbußen von bis zu 6 Prozent des weltweiten Jahresumsatzes drohen .
Temu erklärte, mit der Mitgliedschaft die Beziehungen zu Händlern, Online-Marktplätzen und Verkäufern in Europa stärken zu wollen . Das deutet auf den Versuch hin, die eigene Rolle innerhalb der europäischen Marktplatzlandschaft auszubauen – über das bisher stark auf Endkunden ausgerichtete Modell hinaus.
Temus Beitritt zu CBCommerce wirkt wie ein strategischer Schulterschluss. Die Plattform sucht die Nähe zu einer europäischen Branchenorganisation genau in dem Moment, in dem die EU ihr Geschäftsmodell stärker in die Pflicht nimmt.
Der Übergang von einem System mit vergleichsweise günstigen Kleinsendungen zu einem Regime, in dem Plattformen für Zölle, Einfuhrumsatzsteuer und Produktkonformität mitverantwortlich sind, wird erhebliche Anpassungen erfordern . Gleichzeitig soll der China-Europa-Markt für grenzüberschreitenden B2C-E-Commerce 2026 ein Volumen von 167,43 Milliarden US-Dollar erreichen .
Für Temu lautet die naheliegende Konsequenz daher nicht Rückzug, sondern Einbettung: Das Unternehmen versucht, in dem politischen und wirtschaftlichen Ökosystem präsenter zu werden, dessen Regeln künftig stärker über seinen Erfolg in Europa entscheiden.