Der Zeitpunkt war bemerkenswert: Wladimir Putin traf am 3. August zu einem Arbeitsbesuch in Krasnojarsk ein. Die Preissenkung begann in der Nacht zuvor und hielt genau einen Tag. Am 4. August, nachdem der Präsident die Stadt wieder verlassen hatte, lagen die Preise erneut auf dem alten Niveau. Nach einem Bericht sprang AI-95 an einer KNP-Tankstelle innerhalb kürzester Zeit von 67 auf 91 Rubel je Liter .
KNP und regionale Behörden erklärten den Preisrückgang mit einer „vorübergehenden Verbesserung der Logistik“ und zusätzlichen Treibstofflieferungen . Berichten zufolge sollen verschiedene Benzinsorten aus benachbarten Regionen gekommen sein. Auch eine zeitlich begrenzte Werbeaktion wurde als Erklärung genannt.
Diese Darstellung ist jedoch nicht abschließend belegt. Unabhängige Medien und internationale Berichte werten vor allem die Kombination aus drei Umständen als auffällig: den abrupten Preissturz, die gleichzeitige Aufhebung der Rationierung und die unmittelbare Rückkehr zu den vorherigen Preisen nach Putins Abreise .
Hinzu kommt ein ähnlicher Vorgang in Irkutsk. Dort waren die Benzinpreise Ende Juli ebenfalls kurz vor einem Putin-Besuch gefallen und anschließend wieder gestiegen . Das legt zumindest den Verdacht nahe, dass lokale Behörden oder Betreiber bei einzelnen Präsidentenbesuchen vorübergehend ein Bild von Versorgungssicherheit und Normalität schaffen wollten. Einen öffentlich belegten Nachweis für eine zentral angeordnete Kampagne gibt es allerdings nicht.
Der Preissturz wirkt besonders ungewöhnlich, weil Russland gleichzeitig mit erheblichen Versorgungsproblemen kämpft. Seit August 2025 haben ukrainische Drohnenangriffe zahlreiche russische Erdölraffinerien beschädigt. Dadurch ging die heimische Verarbeitungskapazität zurück, während die Preise für Benzin und Diesel auf dem Spotmarkt stark anstiegen .
Im Juni 2026 galten in mindestens 56 Regionen Einschränkungen beim Verkauf von Kraftstoff . Im Juli waren es nach verschiedenen Erhebungen 60 von 89 Regionen. Unabhängige Tankstellen verlangten erstmals mehr als 100 Rubel pro Liter . Zu den Maßnahmen gehörten Mengenlimits, Verbote des Verkaufs in Kanister und zeitweise geschlossene Tankstellen.
Auch Krasnojarsk war unmittelbar betroffen. Mitte Juli hatte KNP wegen akuten Treibstoffmangels Benzin nur noch gegen körperliche Bezugsscheine ausgegeben . Autofahrer berichteten von Warteschlangen und begrenzten Abgabemengen. Dass die Engpässe kurz vor dem Präsidentenbesuch scheinbar verschwanden, stand daher in deutlichem Kontrast zur Situation der vorangegangenen Wochen.
Die russische Föderale Antimonopolbehörde FAS leitete unterdessen Verfahren wegen des Verdachts koordinierter Preisabsprachen gegen Tankstellenketten ein. Zudem wurden Benzinexporte eingeschränkt beziehungsweise verboten. Die Maßnahmen konnten die regionalen Engpässe jedoch nicht dauerhaft beseitigen .
Putins Inlandsreisen finden vor einem zunehmend streng abgeschirmten Sicherheitsumfeld statt. Ein im Mai 2026 von CNN eingesehener europäischer Geheimdienstbericht beschrieb eine deutliche Verschärfung der Schutzmaßnahmen nach der Ermordung hochrangiger russischer Militärs und wegen Befürchtungen über mögliche Umsturzpläne . Genannt wurden unter anderem Überwachungssysteme in den Wohnungen enger Mitarbeiter, strengere Kontrollen von Besuchern, Einschränkungen bei der Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel sowie Vorgaben für Mobiltelefone in Putins Umfeld .
Auch in Krasnojarsk wurden am 3. August zentrale Straßen gesperrt. Auf Abschnitten der Straßen Dubrovinski, Pogranitschnikow und Partisana Schelesnjaka waren Verkehr und Parken unter Verweis auf Reinigungsarbeiten untersagt . Solche Maßnahmen entsprechen dem üblichen Vorgehen des Föderalen Schutzdienstes FSO, öffentliche Bereiche vor einem Besuch des Präsidenten zu kontrollieren und abzusichern.
Für einen Präsidentenbesuch sind sichtbare Krisensymptome ein Reputationsrisiko. Lange Warteschlangen, Bezugsscheine und Benzinpreise von mehr als 100 Rubel hätten in den Bereichen entlang der Besuchsroute ein deutlich anderes Bild vermittelt als eine scheinbar reibungslose Versorgung.
Die eintägige Preissenkung und die Aufhebung der Mengenlimits konnten genau diese sichtbaren Zeichen der Krise vorübergehend beseitigen. Ob dies tatsächlich gezielt für Putins Besuch organisiert wurde, lässt sich anhand der vorliegenden Berichte nicht beweisen. Das Muster in Krasnojarsk und Irkutsk – Preisrückgang unmittelbar vor dem Besuch, Rückkehr zum alten Niveau kurz danach – macht die offizielle Erklärung einer bloßen logistischen Verbesserung jedoch erklärungsbedürftig.
Der Vorgang zeigt damit weniger, dass die russische Treibstoffkrise gelöst war. Er zeigt vielmehr, wie schnell das Bild an der Oberfläche verändert werden konnte: Für einen Tag wirkte die Versorgung normal, bevor die Engpässe und hohen Preise wieder sichtbar wurden.