Der Rückzug ist für BYD nicht folgenlos: Die Türkei setzte die Importsteuervergünstigungen des Unternehmens aus, woraufhin die Verkäufe im Land nahezu zusammenbrachen.
BYD bündelt Kapital und logistische Ressourcen derzeit auf seine Produktionsbasis innerhalb der Europäischen Union. Stella Li bezeichnete Ungarn als „oberste Priorität“; als nächsten Schritt wolle BYD nach einem zweiten Produktionsstandort in Europa suchen .
Der strategische Unterschied zwischen Manisa und Ungarn ist entscheidend. Die Türkei ist zwar über eine Zollunion mit der EU verbunden, bietet bei Industrieprodukten aber nicht denselben direkten Marktzugang wie ein Produktionsstandort in einem EU-Mitgliedstaat. Für BYD ist deshalb der Aufbau einer physischen Präsenz innerhalb der EU dringlicher als das ursprünglich geplante Werk in der Türkei .
Das türkische Ministerium für Industrie und Technologie setzte die BYD gewährten Importsteuerbefreiungen Anfang 2026 aus. Betroffen ist insbesondere der zusätzliche Zoll von 40 Prozent, von dem BYD beim Import seiner Fahrzeuge bislang ausgenommen war . Ein Ministeriumsvertreter begründete den Schritt damit, dass das Investitionsprojekt ins Stocken geraten sei .
Für BYD könnte die Angelegenheit noch teurer werden. Industrieminister Mehmet Fatih Kacir erklärte gegenüber Abgeordneten, dass bei einer formellen Absage des Projekts rechtliche Schritte eingeleitet werden sollen, um die gewährten Investitionsanreize einschließlich Zinsen zurückzufordern . Auch das für das Werk vorgesehene 1,6 Millionen Quadratmeter große Grundstück in einem türkischen Organisierten Industriegebiet soll zurückgenommen werden .
Zusätzliche Spannung entstand Ende Juli 2026 durch ein Urteil eines Streitpanels der Welthandelsorganisation (WTO). Das Panel kam zu dem Schluss, dass Teile des türkischen 40-Prozent-Zuschlags auf chinesische Elektrofahrzeuge gegen internationale Handelsregeln verstoßen . Das Urteil erschwert Ankaras Position bei der Ausgestaltung seiner Zölle auf chinesische Fahrzeuge, ändert aber zunächst nichts an der Auseinandersetzung mit BYD über die Investitionsauflagen.
Mit dem Wegfall der Zollbefreiung wurden BYDs Fahrzeuge auf dem türkischen Markt deutlich teurer. Die Folge war nach Angaben aus dem Umfeld des Unternehmens ein „deutlicher Rückgang der lokalen Verkäufe“ .
Die Entwicklung lässt sich an den Monatszahlen ablesen:
Damit sanken die monatlichen Verkäufe innerhalb weniger Monate um rund 96 Prozent. Zum Vergleich: Im gesamten Jahr 2025 hatte BYD in der Türkei 45.537 Fahrzeuge verkauft .
Der Fall zeigt, wie stark die Wettbewerbsfähigkeit eines Importeurs von Zollpolitik und staatlichen Vergünstigungen abhängen kann. Solange die 40-prozentige Zusatzbelastung entfiel, konnte BYD seine Preise im türkischen Markt deutlich attraktiver gestalten. Nach dem Ende der Befreiung verschwand dieser Vorteil weitgehend.
BYDs erstes europäisches Werk im ungarischen Szeged soll im vierten Quartal 2026 mit der Produktion beginnen – etwa ein Jahr später als ursprünglich geplant .
Die Fertigung innerhalb Ungarns soll BYD einen besseren Zugang zum EU-Binnenmarkt verschaffen und zusätzliche EU-Zölle auf in China hergestellte Elektroautos vermeiden . Für einen Hersteller, der seine internationale Expansion bislang stark auf in China gefertigte Fahrzeuge stützte, ist das ein zentraler strategischer Schritt.
BYD prüft zudem die Übernahme eines bereits bestehenden Werks in Südeuropa. Damit könnte der Konzern schneller eine zweite europäische Produktionsstätte aufbauen, statt bei null anzufangen .
Die Priorisierung Ungarns bedeutet nicht zwangsläufig, dass das Türkei-Projekt endgültig beendet ist. BYD hat bislang lediglich erklärt, dass es auf unbestimmte Zeit pausiert. Ohne Zeitplan und ohne Baubeginn ist die politische und wirtschaftliche Zukunft des Vorhabens jedoch ungewiss.
Die Unsicherheit betrifft nicht nur die Türkei. In Malaysia steckt BYDs geplantes Montagewerk in Tanjung Malim ebenfalls fest. Das Projekt soll rund 1,3 Milliarden malaysische Ringgit kosten – ungefähr 280 Millionen US-Dollar. BYD erhielt dafür im September 2025 eine vorläufige Herstellungslizenz .
Im Mittelpunkt des Streits mit dem malaysischen Ministerium für Investitionen, Handel und Industrie (MITI) stehen zwei Bedingungen:
Selbst die niedrigere Schwelle könnte es BYD erschweren, günstigere Modelle wie den Atto 3 oder den Dolphin aus dem Werk heraus zu wettbewerbsfähigen Preisen in Malaysia anzubieten .
MITI-Minister Johari Abdul Ghani betont, dass die Regeln nicht speziell gegen BYD gerichtet seien. Sie gälten seit September 2025 für alle neuen CKD-Projekte mit hohen Produktionsvolumina. CKD steht für „completely knocked down“ und bezeichnet die Montage von Fahrzeugen aus angelieferten Einzelteilen .
BYD soll seine Pläne deshalb erneut prüfen und den Bedingungen bislang nicht zustimmen können . Das Schicksal des malaysischen Werks bleibt damit offen.
Die Entwicklungen in der Türkei und Malaysia sind mehr als zwei isolierte Verzögerungen. Sie zeigen, wie schwierig es für BYD wird, sein auf chinesischer Produktion basierendes Geschäftsmodell weltweit auszubauen.
In Europa erhöhen zusätzliche Zölle auf chinesische Elektroautos den Druck, vor Ort zu produzieren. In Malaysia verlangen die Behörden eine stark exportorientierte Fertigung und begrenzen zugleich den Spielraum im heimischen Markt. In der Türkei wurden Vergünstigungen, die an eine konkrete Investition geknüpft waren, nach dem Ausbleiben sichtbarer Fortschritte ausgesetzt.
BYD muss daher nicht nur Fabriken bauen. Der Konzern muss gleichzeitig lokale Inhaltsvorgaben, Exportquoten, Preisregeln und geopolitisch umkämpfte Zollsysteme miteinander vereinbaren. Genau diese politischen und regulatorischen Rahmenbedingungen werden bestimmen, wie schnell der chinesische Elektroautohersteller seine nächste Wachstumsphase vorantreiben kann.
Für die in der Ausgangsfrage erwähnten Berichte über gezielte chinesische Medienplatzierungen oder eine vollständig finanzierte Journalistenreise nach Xinjiang liefern die vorliegenden Quellen hingegen keine ausreichenden Belege. Der belastbare Teil des diplomatischen Konflikts beschränkt sich hier auf die angespannten Beziehungen im Zusammenhang mit dem geplatzten beziehungsweise pausierten Investitionsprojekt.