Am 3. August besuchte Putin die Stadt. Einen Tag später, nach seiner Abreise, war der kurze „Wundersprit“ wieder verschwunden: AI-95 kostete erneut 91 Rubel pro Liter .
Die Behörden bezeichneten die Preissenkung als „Werbeaktion“ und verwiesen auf eine „vorübergehende Verbesserung der Logistik“ . Nach Angaben des Unternehmens waren zusätzliche Lieferungen aus umliegenden Regionen eingetroffen. Diese Erklärung beschreibt zwar den möglichen logistischen Auslöser, erklärt aber nicht das auffällige Muster: Die Preise sanken unmittelbar vor dem Präsidentenbesuch und kehrten direkt danach auf ihr altes Niveau zurück.
Damit wirkte die Aktion weniger wie eine dauerhafte Entspannung des Marktes als wie eine kurzfristige Inszenierung von Normalität. Während des Besuchs sollten niedrige Preise, volle Zapfsäulen und kürzere Schlangen ein anderes Bild vermitteln als jenes, das viele russische Autofahrer zuvor erlebt hatten.
Krasnojarsk war dabei kein Einzelfall. Während Putins Besuch in Irkutsk am 24. Juli 2025 sanken die Preise an Tankstellen der regionalen Kette Kraisneft beziehungsweise BRK um etwa 12 bis 13 Rubel pro Liter . Auch dort wurden Verkaufslimits aufgehoben .
In beiden Städten war der Ablauf ähnlich: Eine einzelne regionale Tankstellenkette senkte die Preise nur vorübergehend, während der Besuch des Präsidenten stattfand. Kurz danach wurden die alten Preise und Beschränkungen wiederhergestellt. Kritiker sprechen deshalb von einem „Potemkinschen Tankstellenpreis“ – einer modernen Variante eines Potemkinschen Dorfes: Für den hohen Besuch wird eine freundliche Fassade aufgebaut, während die Probleme dahinter bestehen bleiben.
Der kurze Preissturz in Krasnojarsk ist vor allem deshalb bemerkenswert, weil Russland als großer Ölproduzent gleichzeitig Schwierigkeiten hat, seine eigenen Tankstellen ausreichend zu versorgen.
Drohnenangriffe auf Raffinerien: Seit Mitte 2025 haben wiederholte ukrainische Drohnenangriffe russische Ölraffinerien getroffen und deren Betrieb beeinträchtigt. Im August 2025 erreichte die stillgelegte Raffineriekapazität laut Reuters einen Rekordstand . In der zweiten Angriffswelle von August bis Oktober reduzierten Angriffe und geplante Wartungsarbeiten die verfügbare Raffineriekapazität zeitweise um rund 20 Prozent . Die Raffinerie in Omsk, die als letzte große, bis dahin nicht angegriffene Anlage galt, wurde am 6. Juli 2026 ebenfalls getroffen .
Weniger Benzin aus den Raffinerien: Im Juni 2026 sank Russlands Raffinerieverarbeitung im Jahresvergleich um etwa 25 Prozent auf 3,91 Millionen Barrel pro Tag – den niedrigsten Stand seit mehr als 20 Jahren . Die Benzinproduktion deckte nach Angaben aus der Branche nur noch ungefähr 65 Prozent der saisonalen Nachfrage . Moskau verhängte daraufhin ein Exportverbot für Benzin, Kerosin und Diesel .
Limits und Rationierung: Bis Mitte 2026 galten Einschränkungen beim Treibstoffverkauf in 56 der 83 russischen Regionen. In 18 Regionen waren die Limits von den Behörden verbindlich angeordnet worden . Selbst in Moskau und Sankt Petersburg wurden Autofahrer bei großen Tankstellenketten begrenzt: Bei Tatneft galten unter anderem Obergrenzen von 20 Litern Benzin pro Fahrzeug, bei Gazpromneft waren je nach Standort 30 bis 50 Liter möglich . In der Region Orjol wurde sogar vorgeschlagen, den Verkauf nach der letzten Ziffer des Nummernschilds zu staffeln .
Die Vorgänge in Krasnojarsk und Irkutsk beweisen für sich genommen nicht, dass der Kreml die Preise direkt angeordnet hat. Sie zeigen jedoch ein auffälliges politisches Muster: Sobald der Präsident in eine von Versorgungsproblemen betroffene Region kommt, verschwinden Beschränkungen und die Preise sinken – wenn auch nur für kurze Zeit.
Die anschließende Rückkehr zu den alten Preisen macht deutlich, wie wenig sich an der Versorgungslage selbst geändert hatte. Der billige Sprit war kein Zeichen einer gelösten Krise, sondern eine kurzlebige Kulisse für einen Präsidentenbesuch. Dahinter bleibt das strukturelle Problem bestehen: Ein Ölproduzent mit beschädigten Raffinerien, sinkender Benzinproduktion und Rationierungsmaßnahmen versucht, den Eindruck von Kontrolle aufrechtzuerhalten.