Für die Türkei ist das ein empfindlicher Rückschlag. Das Land hatte die Vereinbarung als wichtigen Schritt auf dem Weg zu einem Zentrum für die Produktion von Elektrofahrzeugen präsentiert. Nun reagiert Ankara mit dem Entzug von Vergünstigungen und der Aussicht auf Rückforderungen. Peking versucht derweil, den politischen und reputativen Schaden zu begrenzen.
Der wichtigste Grund liegt in der Zollpolitik der Europäischen Union. Auf in China gefertigte Elektroautos erhebt die EU einen zusätzlichen Zoll von 27 Prozent. Fahrzeuge aus der Türkei würden beim Export in die EU weiterhin unter die entsprechenden Handelsregeln fallen. Eine Produktion direkt in Ungarn – einem EU-Mitgliedstaat – ist für BYD deshalb strategisch attraktiver .
Li zufolge sucht BYD nach dem ungarischen Werk außerdem einen zweiten europäischen Montageort. Dafür kommt möglicherweise die Übernahme einer bereits bestehenden Fabrik in Südeuropa infrage; Spanien steht demnach auf der Auswahlliste .
Der Zeitplan für Szeged hat sich mehrfach verschoben:
Als erstes Modell soll der kompakte BYD Seagull in Ungarn vom Band laufen . Frühere Berichte deuteten zudem darauf hin, dass das Werk in den ersten beiden Jahren deutlich unter seiner geplanten Kapazität arbeiten könnte. Für 2026 war zunächst nur eine Produktion von einigen Zehntausend Fahrzeugen erwartet worden – weit unter der vorgesehenen Jahreskapazität von 300.000 Autos .
Das türkische Industrie- und Technologieministerium setzte BYDs Einfuhrsteuerbefreiungen Anfang 2026 aus. Als Begründung wurde angeführt, dass das Manisa-Projekt längere Zeit keine ausreichenden Fortschritte gezeigt habe .
Der Investitionsvertrag selbst ist nach Angaben des Ministeriums weiterhin gültig. Das gilt auch für die darin festgehaltenen Bedingungen, Verpflichtungen und staatlichen Garantien. Sollte BYD die Investition nicht umsetzen, könnten bereits erhaltene Vergünstigungen nach türkischem Recht und gemäß dem Vertrag samt Zinsen zurückgefordert werden .
Industrieminister Mehmet Fatih Kacır erklärte im Juli 2026 gegenüber Abgeordneten, die Türkei werde rechtliche Schritte zur Rückholung der Förderungen einleiten, falls BYD das Projekt offiziell absagt . Türkische Medien berichteten, dass Ankara sämtliche Steuervergünstigungen zuzüglich Zinsen zurückverlangen wolle .
Der Wegfall der Zollbefreiung traf BYD offenbar unmittelbar im türkischen Absatz. Im Mai 2026 verkaufte das Unternehmen dort nur 152 Fahrzeuge – nach 3.866 im Januar desselben Jahres .
Der geplatzte beziehungsweise pausierte BYD-Deal beschädigt Chinas Image in der Türkei, die für Peking ein wichtiger strategischer und wirtschaftlicher Partner ist. Nach einer Recherche von Middle East Eye vom 3. August 2026 hat die chinesische Regierung ihre Öffentlichkeitsarbeit im Land deutlich verstärkt .
Ein türkischer Regierungsberater bezeichnete die Aktivitäten als „Propaganda-Blitz“ . Dazu gehören laut dem Bericht:
Auch die staatlichen chinesischen Medien setzten entsprechende Signale. CGTN veröffentlichte am 4. August einen Beitrag zum 55. Jahrestag der Beziehungen zwischen China und der Türkei und betonte darin eine „gemeinsame Zukunft“ . China Daily veröffentlichte am selben Tag den Beitrag „From Bosporus to Yangtze: Turkiye-China ties at 55“ .
Der Vorgang zeigt, dass es Peking nicht nur um ein einzelnes Autowerk geht. Die chinesische Seite versucht offenbar, zu verhindern, dass der Streit um BYD zu einem Symbol für unzuverlässige Investitionszusagen oder eine grundsätzliche Verschlechterung der Beziehungen wird.
Zum Status eines geplanten BYD-Montagewerks in Malaysia enthalten die verfügbaren Quellen keine belastbare aktuelle Information. Ein konkreter Zeitplan oder eine bestätigte Entscheidung lässt sich daraus daher nicht ableiten.
Auch für BYDs weltweite Verkaufszahlen im Juli 2026 und den europäischen Marktanteil des Unternehmens im Jahr 2026 liefern die vorliegenden Suchergebnisse keine verifizierten Angaben. Gleiches gilt für ein WTO-Urteil zu den türkischen Zöllen auf chinesische Elektroautos.
China hatte die Türkei im Oktober 2024 bei der Welthandelsorganisation wegen eines zusätzlichen Zolls von 40 Prozent auf importierte chinesische Elektrofahrzeuge beschwert. Ein abschließendes WTO-Urteil ist in den verfügbaren Quellen jedoch nicht dokumentiert .
Der BYD-Fall steht beispielhaft für ein strategisches Dilemma chinesischer Elektroautohersteller: Sie müssen ihre Produktion möglichst innerhalb der EU-Zollgrenzen lokalisieren, wollen aber gleichzeitig Investitionszusagen in wichtigen Partnerländern einhalten.
Für Ankara sieht es nun so aus, als sei ein mit großem politischen Nachdruck angekündigtes Projekt zugunsten Ungarns zurückgestellt worden. Das schwächt den Anspruch der Türkei, ein attraktiver Produktionsstandort für die europäische Autoindustrie zu sein .
Peking setzt deshalb auf Medienarbeit und Diplomatie, während die türkische Regierung ihre rechtlichen und finanziellen Ansprüche vorbereitet. Ob das Manisa-Projekt tatsächlich endgültig beendet wird, bleibt offen. Politisch hat die Pause aber bereits Folgen: Aus einer Industrieinvestition ist ein Belastungstest für die Beziehungen zwischen China und der Türkei geworden.