Besonders auffällig ist das Tempo der Erwärmung im tropischen Pazifik. Der Niño-3.4-Index – der zentrale Messwert für die Stärke eines El Niño – stieg vom 11. Juni bis Ende Juli von +0,7 °C auf +1,4 °C .
Die wichtigsten aktuellen Wahrscheinlichkeiten:
Der Klimawissenschaftler Zeke Hausfather wertete im Juli 667 Ensemble-Prognosen aus 14 saisonalen Vorhersagemodellen aus. Sein Fazit: Es zeichne sich ein möglicherweise rekordbrechendes Ereignis ab, das den bisherigen Rekord „mit einem wirklich kaum vorstellbaren Abstand“ übertreffen könnte . Mehrere Forschende sagten dem Fachjournal Nature, der El Niño sei auf dem Weg, der stärkste seit mindestens 150 Jahren zu werden .
Der Wärmeschub durch El Niño trifft auf einen bereits sehr warmen Planeten. Die globale Oberflächentemperatur von Januar bis Juni 2026 lag 1,14 °C über dem Referenzwert – der dritthöchste Wert in einer 177-jährigen Messreihe, nur hinter den entsprechenden Zeiträumen von 2024 und 2025 .
Ob 2026 den bisherigen Jahresrekord von 2024 übertrifft, hängt vor allem vom zeitlichen Verlauf ab: Erreicht der El Niño seinen Höhepunkt früh genug, um den Jahresdurchschnitt 2026 deutlich anzuheben, oder wirkt sich die stärkste Erwärmung erst zu Beginn des Jahres 2027 vollständig aus?
Die vorliegenden Einschätzungen gehen deshalb auseinander:
Die Unterschiede ergeben sich nicht zwingend aus einem Widerspruch über die Existenz des El Niño. Entscheidend ist vielmehr, wann sein Höhepunkt eintritt und wie stark die einzelnen Temperaturdatensätze auf die spätere Erwärmung reagieren. Laut Hausfather reichen die geschätzten Chancen auf einen neuen Jahresrekord von etwa zwei zu drei bei NASA und Berkeley Earth bis zu ungefähr zwei zu zehn bei ERA5 und einer zu zehn bei der JRA-3Q-Reanalyse .
Das größte Risiko betrifft möglicherweise den Amazonas-Regenwald. Er geht geschwächt aus der Dürre von 2023 und 2024 hervor und muss sich nun auf einen weiteren, möglicherweise deutlich stärkeren El Niño einstellen.
Eine im April 2026 in den Proceedings of the National Academy of Sciences veröffentlichte Studie kommt zu dem Ergebnis, dass sich 53,7 Prozent der betroffenen intakten Regenwaldflächen selbst sieben Jahre nach der Dürre von 2023 und 2024 noch nicht vollständig erholt haben werden .
Verliert der Wald Biomasse, sinkt auch seine Fähigkeit, Wasser zu recyceln und sein eigenes Mikroklima zu stabilisieren. Forschungen unter Leitung des brasilianischen Nationalen Instituts für Weltraumforschung (INPE) zeigen zudem, dass im brasilianischen Amazonas bereits längere Trockenzeiten und veränderte Niederschlagsmuster auftreten, die ursprünglich erst für die 2030er- und 2040er-Jahre erwartet worden waren .
Während des El Niño 2023–2024 lagen die Temperaturen im Amazonasgebiet 2 bis 4 °C über dem historischen Mittel des Waldes . Ein neuer Super-El-Niño könnte die Trockenheit weiter verschärfen. Besonders gefährdet gelten der trockenere Nordosten des Amazonas, Teile Nordbrasiliens sowie Regionen in Kolumbien und Venezuela. Dort drohen ein stark erhöhtes Waldbrandrisiko und rasch sinkende Pegelstände der Flüsse .
Die Gefahr ist nicht nur ökologischer Natur. Niedrige Flussstände erschweren den Transport und beeinträchtigen die Versorgung der Menschen im Flussbecken. Trockene Vegetation wird leichter entzündlich, während wiederholte Brände die Widerstandskraft eines Regenwaldes schwächen, der sich evolutionär nicht an regelmäßige Feuer angepasst hat .
Brasilien hat angesichts der erwarteten Dürre die Mittel für die Waldbrandbekämpfung aufgestockt und eine Rekordzahl an Bundesfeuerwehrleuten eingestellt . Die Forschungsinitiative World Weather Attribution warnte zudem vor einem möglicherweise „beispiellosen Jahr der globalen Brände“, falls sich die bestehende Hitze und Trockenheit mit El Niño verbinden .
El Niño selbst ist ein natürliches, wiederkehrendes Klimaphänomen: Im tropischen Pazifik erwärmt sich die Meeresoberfläche, wodurch sich globale Luftströmungen, Niederschlagsmuster und Temperaturen verändern. Er ist jedoch nicht die Ursache der langfristigen globalen Erwärmung.
Das Problem liegt in der Kombination. Der aktuelle El Niño entwickelt sich auf einer durch menschliche Treibhausgasemissionen bereits um rund 1,3 °C erhöhten Temperaturbasis. Jeder zusätzliche Wärmeschub trifft dadurch auf einen deutlich heißeren Ausgangspunkt als bei vergleichbaren Ereignissen der Vergangenheit .
Auch die schnelle Rückkehr des Phänomens ist ungewöhnlich: Der letzte El Niño liegt nur etwa drei Jahre zurück. Das Team um Hansen vermutet, dass die starke Erwärmung im Hintergrund möglicherweise die Dynamik des ENSO-Zyklus beeinflusst – also jenes Klimasystems, zu dem El Niño und La Niña gehören .
Zudem werden die regionalen Folgen schwerer vorhersehbar. Fachleute des australischen Wetterdienstes erklärten im Juni, die Auswirkungen von El Niño würden durch den Klimawandel zunehmend unberechenbar. Traditionelle Zusammenhänge zwischen dem Pazifik und dem Wetter in anderen Teilen der Welt könnten sich verändern oder abschwächen .
Die WMO und UN-Organisationen betonen deshalb: El Niño liefert den vorübergehenden Wärmeschub, doch die jahrzehntelange menschengemachte Erwärmung hebt die gesamte Ausgangslage an. Dadurch können selbst weniger extreme El-Niño-Ereignisse gefährlicher werden .
Internationale Wetter-, Klima- und Hilfsorganisationen drängen auf Vorsorge, bevor der El Niño voraussichtlich gegen Jahresende seinen Höhepunkt erreicht:
UN-Generalsekretär António Guterres formulierte die Warnung besonders eindringlich: El-Niño-Bedingungen würden „das Feuer einer sich erwärmenden Welt weiter anfachen“. Die Auswirkungen würden härter treffen, sich weiter ausbreiten und mit zerstörerischer Geschwindigkeit Grenzen überschreiten .
Der El Niño 2026 verstärkt sich ungewöhnlich schnell. NOAA sieht eine Wahrscheinlichkeit von 81 Prozent, dass er zu den größten Ereignissen seit 1950 zählt. Mehrere Modelle rechnen außerdem mit einem Super-El-Niño, auch wenn Zeitpunkt und endgültige Stärke noch nicht feststehen.
Für die globale Temperatur bedeutet das: 2026 könnte 2024 als heißestes Jahr überholen, während 2027 wegen der verzögerten Wirkung des pazifischen Wärmeschubs sogar noch wahrscheinlicher als Rekordjahr gilt. Im Amazonas trifft die Entwicklung auf einen Regenwald, der sich von der Dürre 2023–2024 vielerorts noch nicht erholt hat. Dort drohen längere Trockenzeiten, sinkende Flusspegel und eine deutlich erhöhte Brandgefahr.
Die zentrale Botschaft der Forschung lautet daher nicht, dass El Niño allein die Klimakrise verursacht. Er wirkt vielmehr wie ein zusätzlicher Verstärker auf einem bereits überhitzten Planeten. Frühwarnsysteme, Katastrophenschutz und Anpassungsmaßnahmen müssen deshalb jetzt vorbereitet werden – bevor die stärksten Auswirkungen eintreten.