Analysten werteten den Rückgang daher zunächst eher als „Korrektur nach einer überhitzten Erholung“ denn als Reaktion auf einen neuen fundamentalen Schock .
Der Kursrutsch ist allerdings nicht isoliert zu betrachten. Speicherchip- und KI-Aktien stehen bereits seit mehreren Wochen unter Druck. Hinter der hohen Volatilität stehen mehrere Sorgen:
Zweifel an der Nachhaltigkeit der KI-Ausgaben: Anleger fragen sich zunehmend, ob die gigantischen Investitionen in Rechenzentren und KI-Infrastruktur tatsächlich entsprechende Erträge abwerfen. Die Sorge wächst, dass der bisherige „Feuerwehrschlauch“ an KI-Ausgaben nicht dauerhaft aufgedreht bleiben kann .
Wachsende Konkurrenz aus China: Berichte, wonach ein chinesisches, staatlich unterstütztes Unternehmen Anlagen für die Immersionslithografie mit tiefem Ultraviolettlicht (DUV) in Serie produziert, schürten die Angst vor schnelleren Fortschritten Chinas bei der Herstellung moderner Chips .
Eine Kaskade von Nachschussforderungen: Nach Daten von Goldman Sachs erhielten mehr als 1,2 Millionen südkoreanische Kleinanleger, die Aktien auf Kredit gekauft hatten, sogenannte Margin Calls. Sie mussten also zusätzliches Geld bereitstellen oder Positionen verkaufen. Diese Zwangsverkäufe verstärkten den Abwärtsdruck .
Weniger Dynamik bei den Speicherpreisen: Kiwoom Securities senkte im Juli sein Kursziel für Samsung und verwies auf langsamere Preiszuwächse bei Speicherchips in der zweiten Jahreshälfte . Gleichzeitig verlor der Philadelphia Semiconductor Index (SOX) innerhalb von zwei Wochen mehr als 11 Prozent; speicherorientierte ETFs wie DRAM lagen rund 25 Prozent unter ihren Juni-Hochs .
Ansteckungseffekte an den westlichen Märkten: Der Ausverkauf blieb nicht auf Seoul beschränkt. Der SOX gab in einer Julisitzung zeitweise bis zu 6 Prozent nach, der Nasdaq 100 fiel 9,7 Prozent unter sein Rekordhoch. US-Speicherwerte wie Micron, Seagate, SanDisk und Western Digital wurden ebenfalls stark abverkauft .
Ein Teil der Analysten warnt, dass der Ausverkauf noch nicht vorbei sein könnte. In einer Analyse vom 17. Juli hieß es, es gebe noch immer „zu viele Bullen“ im Halbleitersektor. Sollte der Verkaufsdruck anhalten, könnten weitere Anleger kapitulieren und dadurch eine zweite, noch stärkere Verkaufswelle auslösen .
Aus dieser Perspektive handelt es sich um eine strukturelle Umschichtung aus den bisherigen Gewinnern des KI-Booms. Kapital könnte demnach von den „Schaufelverkäufern“ – also den Chipproduzenten – zu den „Goldgräbern“ fließen, etwa zu Unternehmen, die KI-Anwendungen und -Dienste entwickeln . Der entscheidende Verdacht: Der Investitionszyklus für KI-Infrastruktur könnte seinen Höhepunkt bereits überschritten haben.
Die Gegenseite sieht dagegen vor allem eine überdehnte Marktbewegung. Analysten der Bank of America bezeichneten den Rücksetzer als „Sommer-Reset, keine fundamentale Trendwende“. Der Halbleitersektor entwickle sich im dritten Quartal historisch häufig schwächer, während der langfristige KI-Superzyklus weiterhin intakt sei .
Auch internationale Investoren scheinen nicht geschlossen aus Südkorea zu fliehen. Reuters berichtete am 3. August, dass globale Anleger den Ausverkauf bei den großen KOSPI-Komponenten eher als technische Bereinigung denn als fundamentale Verschlechterung bewerteten . Das Leerverkaufsinteresse an südkoreanischen Aktien ging leicht zurück, während ausländische Anleger am Freitag so stark wie nie zuvor kauften. Das deutet darauf hin, dass einige institutionelle Investoren den Rücksetzer als Einstiegschance betrachten .
Im Kern geht es um die Frage, ob der KI-Investitionszyklus tatsächlich ausläuft oder lediglich in eine neue Phase übergeht. Die pessimistische Interpretation sieht sinkende Renditen, überfüllte Positionen und eine bevorstehende Kapitulation. Die optimistische Sicht erwartet dagegen eine Rotation innerhalb eines mehrjährigen Wachstumszyklus.
Der starke Tagesverlust vom Montag liefert deshalb noch keine eindeutige Antwort. Trotz der heftigen Schwankungen liegt der KOSPI im Jahresverlauf weiterhin deutlich im Plus . Sicher ist vorerst nur: Nach dem Rekordsprung vom Freitag war der Markt anfällig für Gewinnmitnahmen – und die anhaltenden Zweifel am KI-Boom machen jede weitere Bewegung besonders abrupt.