Der Kurssprung folgte auf die Zahlen zum vierten Quartal des Geschäftsjahres 2026. Sie beantworteten gleich drei Fragen, die Anleger zuletzt umgetrieben hatten: Funktionieren die hohen KI-Investitionen? Kann Microsoft trotz des Ausbaus von Rechenzentren weiterhin viel Geld erwirtschaften? Und ist die Nachfrage breit genug, um die Abhängigkeit von einzelnen KI-Partnern zu begrenzen?
Zum einen übertraf Microsoft die Erwartungen bei Umsatz und Gewinn deutlich. Der Quartalsumsatz erreichte 90 Milliarden US-Dollar – 18 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Der GAAP-Gewinn je Aktie lag bei 4,81 Dollar, verglichen mit einem Analystenkonsens von etwa 4,24 Dollar. Das Betriebsergebnis stieg auf 40,6 Milliarden Dollar, der Nettogewinn legte um 31 Prozent zu .
Zum anderen überzeugte Microsoft die Börse davon, dass sich die Ausgaben für künstliche Intelligenz nicht zwangsläufig in eine Belastung für den Cashflow verwandeln. Anleger hatten befürchtet, dass der massive Ausbau von Rechenzentren, Chips und anderer Infrastruktur die Fähigkeit des Konzerns zur Geldgenerierung überfordern könnte. Die Ergebnisse, der optimistische Ausblick für Azure und die weiterhin erwarteten hohen Mittelzuflüsse nahmen diesen Sorgen den Druck .
Vor der Veröffentlichung der Zahlen war die Aktie seit ihrem Hoch vom Oktober 2025 bei 555 Dollar zeitweise um fast 30 Prozent gefallen. Bis zum Ende der folgenden Woche kletterte sie wieder auf 464,72 Dollar .
Die wohl auffälligste Kennzahl war Microsofts sogenanntes „Commercial Remaining Performance Obligation“ (RPO). Gemeint ist damit Umsatz, den Microsoft bereits vertraglich zugesagt bekommen hat, aber erst später verbuchen darf – etwa sobald Cloud-Kapazitäten bereitgestellt oder Softwareleistungen erbracht werden.
Der Wert stieg im Jahresvergleich um 84 Prozent auf 678 Milliarden US-Dollar. Damit entspricht der noch nicht verbuchte, vertraglich gesicherte Umsatz ungefähr dem Doppelten des jährlichen Konzernumsatzes . Rund 203 Milliarden Dollar beziehungsweise etwa 30 Prozent davon sollen voraussichtlich innerhalb der nächsten zwölf Monate als Umsatz verbucht werden .
Eine wichtige Nuance betrifft Microsofts enge Verbindung zu OpenAI. Finanzchefin Amy Hood erklärte, dass der kommerzielle RPO ohne OpenAI um 25 Prozent gewachsen sei. Daraus lässt sich ableiten, dass OpenAI ungefähr 32 Prozent des gesamten Auftragsbestands ausmachen könnte .
Gleichzeitig wuchs der RPO im Vergleich zum Vorquartal um mehr als 50 Milliarden Dollar. Nach Angaben des Managements stammte dieses zusätzliche Wachstum vor allem von Kunden außerhalb der großen Entwickler von KI-Modellen . Das ist für Anleger relevant: Die Nachfrage scheint sich nicht ausschließlich auf einen einzelnen Großkunden oder Partner zu stützen.
Microsofts Cloud-Plattform Azure bleibt der wichtigste Wachstumsmotor. Der Umsatz stieg im Quartal um 43 Prozent. Für das laufende Quartal stellte das Management ein Wachstum von etwa 45 Prozent auf Basis konstanter Wechselkurse in Aussicht. Das liegt über der Markterwartung von rund 40,9 Prozent .
Im gesamten Geschäftsjahr 2026 überschritt Azure erstmals einen Jahresumsatz von 100 Milliarden Dollar . Der Umsatz der Sparte Microsoft Cloud, zu der neben Azure weitere Cloud-Dienste gehören, stieg im Quartal um 27 Prozent auf 59,3 Milliarden Dollar .
Auch die KI-Produkte für Unternehmen gewinnen an Reichweite:
Für die Börse ist das entscheidend: Microsoft zeigt nicht nur steigende Investitionen in KI-Infrastruktur, sondern auch konkrete Nachfrage nach den darauf aufbauenden Cloud- und Softwareangeboten.
Microsoft gab im vierten Quartal 41 Milliarden Dollar für Investitionen aus, darunter für Rechenzentren. Das waren 69,4 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum .
Dennoch senkte das Unternehmen seine Prognose für die ausgewiesenen Investitionsausgaben im Kalenderjahr 2026 von rund 190 auf etwa 175 Milliarden Dollar. Der Grund ist eine Änderung bei der Bilanzierung langfristiger Rechenzentrums-Leasingverträge: Microsoft will die Nutzungsdauer von Rechenzentren und Bürogebäuden künftig mit 25 statt 15 Jahren ansetzen. Dadurch werden mehr künftige Leasingverträge als operative Leasingverhältnisse eingestuft und nicht in den ausgewiesenen Investitionsausgaben erfasst .
Das bedeutet allerdings nicht, dass Microsoft 15 Milliarden Dollar weniger in KI-Infrastruktur investieren will. Das Management betonte, die zugrunde liegenden Pläne blieben unverändert. Die niedrigere Zahl ist somit vor allem ein buchhalterischer Effekt und keine echte Kürzung der Ausgaben . Für das erste Quartal des Geschäftsjahres 2027 rechnet Microsoft mit ausgewiesenen Investitionen von etwa 50 Milliarden Dollar – weniger als die von Analysten erwarteten 56 Milliarden, aber im Einklang mit der neuen Leasingbehandlung .
Die Zahlen sorgten auch deshalb für Aufmerksamkeit, weil sie in eine besonders uneinheitliche Berichtswoche der großen US-Technologiekonzerne fielen.
Microsoft und Amazon wurden von Anlegern belohnt. Beide Unternehmen konnten hohe KI-Investitionen mit beschleunigtem Cloud-Wachstum und sichtbar starker Nachfrage verknüpfen. Microsoft legte im nachbörslichen Handel rund 8 Prozent zu, Amazon etwa 10 Prozent .
Bei Meta und Alphabet fiel die Reaktion deutlich negativer aus. Meta verlor 9,64 Prozent, Alphabet rund 15 Prozent. Anleger zweifelten daran, ob die hohen Ausgaben für Infrastruktur bereits ausreichend durch zusätzliche Einnahmen gerechtfertigt werden. Alphabet meldete erstmals einen negativen freien Cashflow, während Meta einen Rückgang der Mittelgenerierung um 91 Prozent gegenüber dem Vorjahr auswies .
Die Botschaft des Marktes ist damit vergleichsweise klar: Hohe KI-Ausgaben allein reichen nicht mehr. Investoren wollen sehen, dass daraus entweder schneller Umsatz entsteht oder bereits belastbare, vertraglich gesicherte Nachfrage hervorgeht. Microsoft konnte mit Azure-Wachstum, Copilot-Nutzung und dem 678-Milliarden-Dollar-Auftragsbestand genau diese Verbindung herstellen .