Für die Teams vor Ort entstand dadurch ein asymmetrischer Nachteil: Kolleginnen und Kollegen in anderen Finanzzentren wie Singapur oder New York konnten auf ein Werkzeug zugreifen, das in Hongkong nicht mehr verfügbar war.
Berichte von Reuters und der Financial Times verweisen auf Anthropic-Lizenzbedingungen, die „Greater China“ ausklammern sollen. Claude sei in Hongkong demnach nie offiziell unterstützt worden . Hongkong gerät damit in eine besondere Zwischenlage: Die Stadt ist ein internationales Finanzzentrum, liegt aber zugleich in einem politischen und wirtschaftlichen Umfeld, das von den Spannungen zwischen den USA und China geprägt ist.
Hinzu kam im Juni 2026 laut den vorliegenden Berichten eine US-Exportkontrollvorgabe, die Anthropic dazu verpflichtete, den Zugang ausländischer Staatsangehöriger zu seinen neuesten Modellen auszusetzen. Dies führte zeitweise zu einer globalen Deaktivierung . Die Folgen waren jedoch nicht überall gleich: Während manche Teams den Zugang behielten oder später wieder nutzen konnten, blieb er für Beschäftigte in Hongkong eingeschränkt.
Der Fall zeigt, dass der Zugang zu einem KI-Modell nicht allein von technischer Leistungsfähigkeit oder der Nachfrage eines Unternehmens abhängt. Entscheidend können auch Lizenzgebiete, nationale Sicherheitsvorgaben und die Herkunft des Anbieters sein.
Der Hongkonger Unternehmer und öffentliche Akteur Bernard Chan argumentiert in einem am 24. Juli 2026 veröffentlichten Meinungsbeitrag, dass politische Aussagen über KI häufig zu weit von ihrem Alltagseffekt entfernt bleiben . Offizielle sprechen demnach von der „nächsten industriellen Revolution“ oder von „existenziellen Risiken“. Solche Begriffe mögen wichtige Debatten anstoßen, erklären aber nicht, was passiert, wenn Beschäftigte in einer internationalen Bank von einem konkreten Werkzeug abgeschnitten werden.
Chans zentraler Punkt: KI ist keine neutrale Infrastruktur. Sie wird zunehmend als strategische Ressource behandelt. Wenn Teams in Hongkong nicht auf dieselben Systeme zugreifen können wie ihre Kolleginnen und Kollegen in anderen Finanzzentren, kann das die Wettbewerbsposition der Stadt schwächen .
Ebenso wichtig ist die Frage der Verlässlichkeit. Regionale Ausschlüsse und US-Exportkontrollen bedeuten, dass Hongkong nicht automatisch davon ausgehen kann, dauerhaft Zugang zu den fortschrittlichsten KI-Anwendungen zu haben. Chan fordert deshalb eine praktische Strategie, die den Zugang zu jenen Technologien absichert, auf die das internationale Finanzwesen angewiesen ist – statt sich auf große Zukunftsformeln zu beschränken .
Damit verschiebt sich die Perspektive auf die KI-Politik Hongkongs. Es geht nicht nur um Datenschutz, Sicherheitsstandards oder die Regulierung von Anwendungen. Es geht auch um Versorgungs- und Abhängigkeiten in der technologischen Lieferkette.
Hongkong steht dabei am Schnittpunkt von US-Exportkontrollen und Chinas Souveränitätsansprüchen. US-amerikanische KI-Anbieter können ihre Verfügbarkeit geografisch begrenzen – nicht zwingend, weil Hongkong selbst gegen Regeln verstoßen hätte, sondern weil Lizenz- und Exportkontrollkarten neu gezeichnet werden. Diese Entscheidungen bestimmen zunehmend, wer die modernsten Modelle verwenden darf und unter welchen Bedingungen .
Die Regierung Hongkongs investiert zwar in den Aufbau eigener Kapazitäten. Ein Ausschusspapier des Legislativrats hält fest, dass der Innovation and Technology Fund bis Ende April 2026 mehr als 390 KI-bezogene Projekte mit einem Gesamtvolumen von rund 1,1 Milliarden Hongkong-Dollar gefördert hatte . Unterstützt werden unter anderem Forschung, Technologietransfer und Anwendungen in Bereichen wie Robotik und automatisierter Ausrüstung.
Solche Investitionen können die lokale Entwicklung stärken. Sie ersetzen jedoch nicht automatisch jene spezifischen Modelle und Plattformen, die internationale Banken in ihren globalen Arbeitsabläufen einsetzen. Solange der Zugang zu diesen Werkzeugen von ausländischen Lizenz- und Exportentscheidungen abhängt, bleibt Hongkong verwundbar.