Im Dezember 2025 kam die Kommission zu dem Schluss, dass China die USA in bestimmten Bereichen der biopharmazeutischen Innovation bereits überholt oder zu überholen beginnt . In Washington wird Chinas staatlich koordinierter Ausbau der Branche deshalb als Teil eines umfassenderen technologischen Wettbewerbs gesehen. Auch das Pentagon und andere US-Sicherheitsbehörden bewerten chinesische Biotech-Kapazitäten inzwischen als strategisch relevant .
Ein zweiter Treiber ist die Versorgungssicherheit. Schätzungen zufolge stammt der pharmazeutische Wirkstoff von etwa 60 Prozent der in den USA eingesetzten Generika aus China . Bei mehr als 700 verschiedenen pharmazeutischen Wirkstoffen ist China zudem alleiniger Lieferant mindestens eines wichtigen Ausgangsstoffs, eines sogenannten Key Starting Material (KSM) .
Diese Konzentration birgt ein erhebliches Risiko: Sollten politische Spannungen, Handelsbeschränkungen oder Produktionsausfälle den Warenfluss stören, könnten wichtige Medikamente schwerer verfügbar werden. Die COVID-19-Pandemie hat solche Verwundbarkeiten besonders deutlich gemacht.
Die USA versuchen daher, ihre Abhängigkeit zu verringern. Der Biosecure Act sieht unter anderem Einschränkungen bei der Beschaffung durch die US-Regierung von chinesischen Unternehmen wie BGI Genomics, WuXi AppTec und WuXi Biologics vor .
Die Sorge in den USA richtet sich nicht mehr nur auf Produktionskapazitäten. Chinesische Unternehmen werden zunehmend zu Quellen innovativer Wirkstoffe, die internationale Pharmafirmen lizenzieren.
Der Wert von Lizenzgeschäften zwischen China und westlichen Unternehmen erreichte 2024 laut einer Analyse 41,5 Milliarden US-Dollar – 66 Prozent mehr als im Vorjahr. Große Pharmaunternehmen bezogen dabei 28 Prozent ihrer innovativen Wirkstoffkandidaten aus China .
Auch der langfristige Trend ist deutlich: 2024 stammte etwa ein Drittel aller weltweit von großen Pharmaunternehmen lizenzierten Biotech-Wirkstoffe aus China. 2017 lag dieser Anteil noch bei weniger als zehn Prozent . In der Onkologie erreichten Lizenzgeschäfte mit chinesischen Biotech-Unternehmen 2024 ein Volumen von 30 Milliarden US-Dollar – etwa das Dreifache des vergleichbaren US-Volumens .
Parallel dazu wächst Chinas Rolle in der klinischen Forschung. Der globale Anteil des Landes an klinischen Studien zu besonders innovativen Medikamenten stieg zwischen 2016 und 2025 um das Sechsfache auf rund 30 Prozent. Der US-Anteil sank im selben Zeitraum von 45 auf 33 Prozent . Insgesamt entfallen laut der genannten Analyse 7.141 Medikamente beziehungsweise 31,1 Prozent der weltweiten Medikamentenpipeline auf China .
US-Politiker sehen Chinas Fortschritte außerdem im Zusammenhang mit umfangreicher staatlicher Förderung. Die US International Trade Commission (USITC), eine unabhängige US-Bundesbehörde für Handelsfragen, leitete im Februar 2026 eine Untersuchung ein. Sie soll prüfen, wie staatliche Unterstützung und Preispraktiken chinesischer Biotech-Unternehmen die Marktanteile und Wettbewerbsfähigkeit der US-Industrie beeinflussen .
Für Washington geht es dabei um die Frage, ob chinesische Unternehmen durch staatliche Finanzierung, politische Priorisierung oder andere Formen der Unterstützung Vorteile erlangen, die US-Firmen nicht zur Verfügung stehen.
Die politische Reaktion reicht inzwischen über klassische Handelsmaßnahmen hinaus. Der Biosecure Act, der erstmals im Mai 2024 vorgestellt wurde, soll bestimmte Beschaffungsbeziehungen zu chinesischen Biotech-Unternehmen begrenzen .
Zudem wurde im Juni 2026 der Biotechnology Innovation and Security Act (BINSA) eingebracht. Der Gesetzentwurf würde Biotechnologie stärker in die Kontrolle von Auslandsinvestitionen einbeziehen und könnte unter anderem Lizenzgeschäfte sowie Gemeinschaftsunternehmen mit chinesischen Partnern einer Prüfung durch das US-Finanzministerium unterstellen .
Die US-Regierung reagiert damit auf mehrere Entwicklungen gleichzeitig: China ist zu einem ernstzunehmenden Zentrum für biopharmazeutische Innovation aufgestiegen, US-Unternehmen sind bei Wirkstoffen und Ausgangsmaterialien teilweise stark von chinesischen Lieferketten abhängig, und chinesische Firmen gewinnen bei Forschung, klinischen Studien und internationalen Lizenzdeals an Bedeutung.
Hinzu kommt die Sorge, dass staatliche Unterstützung in China den Wettbewerb verzerren könnte. Aus Sicht Washingtons geht es deshalb nicht nur um einzelne Unternehmen oder Medikamente, sondern um die langfristige Kontrolle über eine Schlüsseltechnologie – und um die Frage, wie widerstandsfähig die amerikanische Arzneimittelversorgung im Krisenfall ist.