Eine im South China Morning Post geschilderte Szene aus Hwaseong, dem Zentrum der südkoreanischen Halbleiterindustrie, bringt den Konflikt auf den Punkt. Eine Ingenieurin sitzt nach Mitternacht vor ihrem Bildschirm und erkennt ein Fehlerbild, das – rechtzeitig behoben – eine Woche Produktionszeit und Wafer retten könnte. Sie ist einem Durchbruch nahe. Trotzdem muss sie gehen: Das Gesetz schreibt es vor .
Die zugrunde liegende Frage lautet: Was misst Arbeitszeit noch, wenn ein einzelner Geistesblitz mehr bewirken kann als viele Stunden routinemäßiger Arbeit? KI-Systeme verkürzen Entwicklungszyklen, helfen bei der Erkennung von Fehlern und verschieben den Wert von Ingenieursarbeit in einzelne, hochkonzentrierte Momente. Eine starre Zeiterfassung bildet diesen Wert nur unvollständig ab .
Die Regierung und die regierende Demokratische Partei prüfen, ob die Arbeitszeitregeln in sogenannten „Mega-Sonderzonen“ gelockert werden sollen. Dazu zählt auch der geplante Halbleiter-Cluster in der Region Honam. Im Gespräch ist unter anderem eine „White-Collar-Ausnahme“ für hochqualifizierte Forschungs- und Entwicklungsmitarbeiter sowie für bestimmte Führungskräfte .
Nach einem diskutierten Modell könnten Beschäftigte aus den obersten drei Prozent der Einkommensverteilung mit ihrer Zustimmung nicht nur von der 52-Stunden-Grenze, sondern auch von bestimmten Regeln zu Überstunden-, Nacht- und Feiertagszuschlägen ausgenommen werden. Als Schwelle werden in den vorliegenden Berichten rund 140 Millionen Won Jahreseinkommen genannt .
Auch weitere Lockerungen stehen zur Debatte – etwa bei befristeten oder überlassenen Arbeitskräften. Damit würden die Sonderzonen nicht nur mehr Flexibilität bei der Arbeitszeit, sondern möglicherweise ein umfassend anderes Arbeitsregime erhalten .
Der Streit beschränkt sich nicht auf den Südwesten. Der Abgeordnete Koh Dong-jin von der oppositionellen People Power Party, ein früherer Samsung-Manager, brachte am 31. Juli einen Gesetzentwurf ein. Er sieht vor, Halbleiter-Forschungs- und Entwicklungsmitarbeiter im ganzen Land von der 52-Stunden-Grenze auszunehmen .
Damit verschiebt sich die Debatte: Geht es um eine befristete Sonderregelung für ein strategisches Großprojekt – oder um eine dauerhafte Reform für die gesamte Chipbranche? Eine regionale Ausnahme könnte Unternehmen außerhalb der Sonderzone benachteiligen. Eine landesweite Ausnahme würde dagegen den Schutzbereich des Arbeitszeitgesetzes deutlich stärker verändern .
Die Halbleiterunternehmen verweisen auf den internationalen Wettbewerb. In den USA, China, Taiwan und Japan gebe es aus ihrer Sicht keine vergleichbare starre Begrenzung für die Forschungsarbeit an strategischen Technologien. Wenn in Hsinchu oder Austin nachts ein Problem gelöst werde, könne ein Team in Hwaseong wegen der gesetzlichen Arbeitszeitgrenze gezwungen sein, bis zum nächsten Tag zu warten .
Für die Industrie geht es deshalb nicht einfach um „mehr Arbeitsstunden“. Sie argumentiert, dass Projekte in der Chipentwicklung oft über Monate laufen und dass eine flexible Verteilung der Arbeitszeit wichtiger sei als eine tägliche Nine-to-five-Logik. Frühere Sonderregelungen von bis zu sechs Monaten reichen den Unternehmen nach eigener Darstellung nicht aus; manche fordern Ausnahmen von bis zu drei Jahren .
Gewerkschaften und Bürgerrechtsgruppen sehen darin hingegen eine Gefahr für die Beschäftigten. Sie werfen der Politik vor, die Wettbewerbsfähigkeit strategischer Branchen über Gesundheit, Freizeit und gesetzliche Ansprüche der Arbeitnehmer zu stellen. Die geplanten Mega-Sonderzonen könnten so zu einem „Arbeitslabor“ werden, in dem Schutzregeln schrittweise ausgehöhlt werden .
Der Kernkonflikt lässt sich daher nicht mit der Frage beantworten, ob Ingenieure gelegentlich länger arbeiten müssen. Entscheidend ist, wer über diese zusätzliche Zeit bestimmt, wie sie vergütet wird und ob die Zustimmung der Beschäftigten tatsächlich freiwillig bleibt.
Südkorea setzt mit Summen historischen Ausmaßes auf die Vorherrschaft bei KI-Chips. Gleichzeitig muss das Land klären, ob sich der Wert moderner Ingenieursarbeit noch sinnvoll nach der Uhr bemessen lässt – ohne daraus eine Rückkehr zur ständigen Erreichbarkeit und zur Arbeit bis tief in die Nacht zu machen.