Das Urteil beendete die sofortige Zurückweisung – sogenannte „heiße Rückführungen“ – von Menschen, die auf See abgefangen wurden. Es bedeutete jedoch nicht, dass jede Person nach einer Ankunft automatisch in Spanien bleiben durfte .
Besonders weit verbreitet war die Behauptung, Marokkos König Mohammed VI. habe zum Thronfest Gefangene begnadigt und sie anschließend gezielt nach Ceuta geschickt .
Tatsächlich wurde am 29. Juli 2026 eine königliche Begnadigung für insgesamt 1.788 Menschen bekannt gegeben. Davon waren 1.679 Gefängnisinsassen . Diese Zahl liegt weit unter den geschätzten 50.000 bis 60.000 Menschen, die nach Ceuta gelangten. Unabhängige Belege dafür, dass Begnadigte gezielt nach Ceuta dirigiert wurden, gibt es nicht .
Die zeitliche Nähe zum marokkanischen Thronfest machte das Gerücht zwar anschlussfähig – sie ist aber kein Beleg für den behaupteten Zusammenhang.
In sozialen Netzwerken hieß es außerdem, die neu angekommenen Migranten könnten von Spaniens außerordentlichem Programm zur Regularisierung undokumentierter Migranten profitieren.
Auch das war rechtlich nicht möglich: Antragsteller mussten einen ununterbrochenen Aufenthalt in Spanien vor Januar 2026 nachweisen. Außerdem war die Antragsfrist bereits am 30. Juni 2026 abgelaufen . Wer erst am 30. oder 31. Juli nach Ceuta gelangte, konnte die Voraussetzungen daher nicht erfüllen.
Der ukrainische Außenminister Andrii Sybiha erklärte öffentlich, Analysten hätten in einem als prorussisch eingestuften Mediennetzwerk mehr als 1.500 Veröffentlichungen mit Bildern aus Ceuta identifiziert. Ziel sei es gewesen, Europa zu destabilisieren und Ängste zu schüren .
Nach Sybihas Darstellung wurde die Kampagne vor allem von RT – ehemals Russia Today – und Pravda getragen. Die spanischsprachige Pravda-Ausgabe habe allein fast 300 Beiträge veröffentlicht . Außerdem habe jede Sprachfassung von RT dieselben destabilisierenden Deutungen verbreitet .
Die Angaben stammen aus ukrainischen Regierungsdarstellungen und Berichten über deren Analyse; sie beschreiben den Vorwurf einer koordinierten Kampagne. Die EU hatte bereits Anfang Juli 2026 die Ausstrahlung fremdsprachiger RT-Programme im Rahmen bestehender Sanktionen verboten. Am 15. Juli 2026 veröffentlichte zudem der Gerichtshof der Europäischen Union eine Mitteilung zu RT-Beschränkungen .
Abseits der viralen Erzählungen war der zentrale Faktor nach den vorliegenden Berichten ein Urteil des spanischen Obersten Gerichtshofs von Anfang Juli 2026. Es beendete die Praxis, auf See abgefangene Migranten unmittelbar zurückzuweisen. Schleusernetzwerke stellten die Entscheidung offenbar so dar, als garantiere eine Überfahrt den Zugang zu Spanien.
Ministerpräsident Pedro Sánchez sagte, „Menschenhandelsmafia“ habe das Urteil im eigenen Interesse ausgelegt. Diese Darstellung habe sich „in den vergangenen Stunden wie ein Lauffeuer“ verbreitet . Auch Reuters berichtete, dass Migranten in sozialen Netzwerken Videos über erfolgreiche Überfahrten gesehen hatten und irreführende Informationen die Erwartung eines dauerhaften Aufenthalts in Spanien beförderten .
Eine vollständige Erklärung dafür, warum die Bewegung so plötzlich und in diesem Ausmaß einsetzte, lag zunächst nicht vor. Sicher ist jedoch: Ein reales Gerichtsurteil wurde online verkürzt und falsch interpretiert – und diese Fehlinterpretation wurde anschließend von politischen Akteuren und Mediennetzwerken für unterschiedliche Narrative genutzt.
Bis zum Ende der Krise waren nach Angaben des spanischen Innenministeriums mindestens 48.300 Menschen nach Marokko zurückgekehrt .