Der Impuls kam zunächst aus den USA. Microsoft und Amazon präsentierten Ergebnisse, die Anlegern neue Zuversicht gaben, dass die hohen Investitionen in KI-Infrastruktur tatsächlich in wachsende Umsätze und Gewinne münden .
Die Microsoft-Aktie sprang nach robustem Wachstum bei Azure und einem optimistischen Ausblick um rund 15 % nach oben. Amazon legte nach starken Quartalszahlen etwa 14 % zu . Microsoft meldete für das vierte Geschäftsquartal 2026 einen Umsatzanstieg um 18 % auf 90 Mrd. US-Dollar. Das bereinigte Ergebnis je Aktie erhöhte sich um 23 % auf 4,74 US-Dollar . Der Kurssprung vergrößerte Microsofts Börsenwert um rund 450 Mrd. US-Dollar und nahm damit vorübergehend die Sorge, die Ausgaben für KI-Rechenzentren könnten schneller wachsen als die daraus entstehenden Cashflows .
Die positive Stimmung breitete sich zunächst nach Asien aus. In Südkorea stieg der KOSPI um knapp 18 % – der größte Tagesgewinn in seiner Geschichte. Besonders gefragt waren die Speicherchip-Hersteller SK Hynix mit einem Plus von rund 30 % und Samsung Electronics mit einem Zuwachs von 27 % . Europas Börsen folgten dieser globalen Bewegung zur Markteröffnung .
Technologieaktien im STOXX 600 legten am Freitag um 2,2 % zu. Besonders stark präsentierten sich Halbleiterunternehmen, die als wichtige Profiteure des weltweiten Ausbaus von KI-Rechenzentren gelten .
Der europäische Halbleitersektor hatte bereits im zweiten Quartal 2026 um 69 % zugelegt. Anfang Juli hob Jefferies zudem die Kursziele für ASML und STMicroelectronics an .
Neben dem internationalen KI-Schub überzeugten mehrere europäische Unternehmen mit ihren Ergebnissen oder einem besseren Ausblick.
Schneider Electric stieg um rund 11 %, nachdem der französische Industriekonzern seine Prognose für 2026 angehoben hatte. Die Nachfrage nach Ausrüstung für Rechenzentren, die vom KI-Ausbau profitiert, treibt das Geschäft an . Schneider erwartet nun ein organisches Umsatzwachstum von bis zu 13 %, nach zuvor bis zu 10 %. Das Wachstum des bereinigten EBITA soll 14 bis 19 % erreichen, gegenüber einer bisherigen Spanne von 10 bis 15 % . Im ersten Halbjahr erzielte das Unternehmen einen Rekordumsatz von 21,2 Mrd. Euro und ein organisches Wachstum von 14 % .
Crédit Agricole meldete einen Quartalsumsatz von 7,4 Mrd. Euro. Der Konzernüberschuss stieg um 1,4 % auf 2,05 Mrd. Euro. Zusätzlich kündigte die französische Bank ein KI-Investitionsprogramm über 500 Mio. Euro an; die Aktie gewann rund 2,9 % .
Engie legte um etwa 5 % zu, nachdem der Energieversorger im ersten Halbjahr die Erwartungen übertroffen hatte. Das Unternehmen erhöhte seine EBIT-Prognose für das Gesamtjahr auf 9,2 bis 10,2 Mrd. Euro. Rückenwind kam unter anderem aus dem Gasgeschäft und höheren Einnahmen aus Stromnetzentgelten. Das bereinigte EBIT ohne Nuklearaktivitäten lag im ersten Halbjahr bei 5,3 Mrd. Euro und damit über dem Analystenkonsens von 5,1 Mrd. Euro .
Der starke Gesamtmarkt verdeckte deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Unternehmen.
Melrose Industries war mit einem Minus von 9,3 % der schwächste Wert im STOXX 600. Der Eigentümer von GKN Aerospace meldete einen Einbruch des Vorsteuergewinns im ersten Halbjahr auf 89 Mio. Pfund, nach 379 Mio. Pfund im Vorjahreszeitraum . Außerdem rechnet das Unternehmen nach einem Vorfall in seinem Werk im kalifornischen Garden Grove mit zusätzlichen Kosten von 25 bis 30 Mio. Pfund in der zweiten Jahreshälfte .
Siemens Healthineers verlor 3,3 %, nachdem der Medizintechnikkonzern seine Umsatzprognose wegen der anhaltenden Schwäche im Diagnostikgeschäft gesenkt hatte .
Trotz des Rekordhochs blieb die Stimmung nicht völlig sorgenfrei. Noch am selben Tag wurden die vorläufigen Inflationsdaten für die Eurozone erwartet. Sie könnten Hinweise darauf geben, wie viel Spielraum die Europäische Zentralbank (EZB) für künftige Zinssenkungen hat .
Für die EZB ist das Umfeld kompliziert: Eine hartnäckige Inflation könnte Zinssenkungen verzögern, während ein nachlassendes Wachstum für eine lockerere Geldpolitik sprechen würde . Hinzu kamen in derselben Woche mehrere Notenbankentscheidungen und die anhaltenden Kämpfe im Nahen Osten, die die Märkte weiterhin anfällig für Rückschläge machten .
Auch die KI-Rally selbst war zuvor keineswegs geradlinig verlaufen. Alphabet und Meta hatten im Wochenverlauf teils deutliche Kursverluste verzeichnet. Erst die Zahlen von Microsoft und Amazon stabilisierten die Erwartungen an die Erträge aus den hohen KI-Investitionen .
Der Rekordstand des STOXX 600 war das Ergebnis eines klassischen „Risk-on“-Tages: Anleger griffen weltweit wieder stärker bei Technologie- und Wachstumswerten zu. Die starken Microsoft- und Amazon-Zahlen lösten die Bewegung in den USA aus, die über asiatische Chipwerte nach Europa überschwappte. Hier verstärkten positive Nachrichten von Schneider Electric, Crédit Agricole und Engie den Effekt.
Der Handelstag zeigte zugleich, wie stark die KI-Investitionswelle inzwischen die europäischen Aktienmärkte beeinflusst. Ob der Rekord Bestand hat, dürfte jedoch nicht nur von weiteren Unternehmenszahlen, sondern auch von Inflationsdaten, Zinserwartungen und geopolitischen Risiken abhängen.