Am 27. Juli, nur wenige Tage vor dem Massenansturm, zählte die Gruppe laut dem lokalen Sender Ceuta TV mehr als 20.000 Mitglieder . Nutzer teilten Screenshots aus Google Maps, auf denen die Entfernung rund um den Tarajal-Wellenbrecher vermessen war. Dieser Betonbau markiert dort die maritime Grenze zwischen Marokko und Ceuta. Andere Beiträge zeigten Neoprenanzüge, gaben Hinweise zum Einstieg ins Wasser oder stimmten gemeinsame Abfahrten aus der marokkanischen Grenzstadt Fnideq ab .
Die Vorbereitung lief nicht über eine einzige Gruppe. Kurzlebige Profile auf TikTok und Instagram veröffentlichten Videos, die erfolgreiche Grenzübertritte verherrlichten und den Weg ins spanische Gebiet als leicht zu bewältigende Strecke darstellten . WhatsApp-Gruppen wurden anschließend zur Echtzeitkoordination genutzt, als der geplante Termin näher rückte .
Der entscheidende Beschleuniger war jedoch nicht die geteilte Logistik, sondern eine hartnäckige Falschmeldung: Spaniens Grenze sei „offen“. Wer Ceutas Küste erreiche, werde von den spanischen Behörden angeblich weder aufgehalten noch festgehalten .
Das Gerücht verbreitete sich in den Wochen vor dem 30. Juli über Facebook-Beiträge, TikTok-Videos und WhatsApp-Nachrichtenketten . Einige der kursierenden Videos zeigten Menschen, die scheinbar unbehelligt an Land gingen. Nach den vorliegenden Berichten stammten manche Aufnahmen allerdings aus früheren Ereignissen oder waren nur ausschnittsweise beziehungsweise irreführend bearbeitet.
Die Behauptung war falsch. Als sie widerlegt wurde, waren bereits Zehntausende Menschen im Wasser.
Mehrere marokkanische Medien lieferten zudem eine politische Deutung und berichteten über den Verdacht einer koordinierten Kampagne. Diese habe demnach den Eindruck von Instabilität in Marokko vermitteln und die Fähigkeit des Landes zur Grenzkontrolle infrage stellen sollen – zeitgleich mit den Feierlichkeiten zum 27. Jahrestag der Thronbesteigung von König Mohammed VI. Diese Interpretation wurde als Vorwurf marokkanischer Medien wiedergegeben und ist nicht als unabhängig bestätigte Ursache der Ereignisse belegt.
Zwischen dem 30. und 31. Juli gelangten nach Schätzungen 50.000 bis 60.000 Migranten nach Ceuta. Die meisten schwammen um den Tarajal-Wellenbrecher herum oder wateten an ihm vorbei . Ceutas Regierungschef Juan Jesús Vivas bezeichnete die Lage angesichts einer Bevölkerung von rund 83.000 Einwohnern als „absolut untragbar“ .
Mindestens 57 Menschen starben bei dem Versuch, überwiegend durch Ertrinken. Damit zählt der Vorfall zu den tödlichsten Grenzereignissen in der Geschichte der Exklave . Zum Vergleich: In der großen Krise vom Mai 2021 hatten innerhalb von zwei Tagen etwa 10.000 Menschen die Grenze überquert .
Spanische und marokkanische Behörden reagierten umgehend. Bis zum 31. Juli waren im Rahmen einer gemeinsamen Rückführungsaktion mindestens 48.300 Menschen nach Marokko zurückgebracht worden . Spanien entsandte die Streitkräfte, um die Guardia Civil an der Grenze zu unterstützen .
Ministerpräsident Pedro Sánchez reiste gemeinsam mit Innenminister Fernando Grande-Marlaska nach Ceuta . Sánchez machte Schleuserbanden für die Entwicklung verantwortlich und erklärte, er wolle mit den marokkanischen Behörden so schnell wie möglich wieder „Normalität herstellen“ . Die raschen Rückführungen konnten die politischen Folgen der Krise jedoch nicht eindämmen.
Rechtspopulistischer und rechtsextremer Gegenwind: Parteien am rechten Rand in Spanien und anderen europäischen Ländern nutzten den Massenansturm umgehend als Beleg für ein Scheitern der Migrationspolitik von Sánchez. Italiens Innenminister kündigte strengere Kontrollen für Nicht-EU-Bürger an, die aus Spanien einreisen, während andere Politiker sogar einen Ausschluss Spaniens aus dem Schengen-Raum forderten .
Neue Spannungen zwischen Madrid und Rabat: Der Vorfall verschärfte die diplomatischen Spannungen zwischen Spanien und Marokko. Die französische Zeitung Le Monde bezeichnete ihn als neuen Tiefpunkt der bilateralen Beziehungen. Marokko wurde vorgeworfen, entweder die Kontrolle verloren oder den Ansturm stillschweigend als Druckmittel zugelassen zu haben . Marokkanische Stellen wiesen diese Darstellung zurück, machten „kriminelle Organisationen“ verantwortlich und bezeichneten die Zusammenarbeit mit Spanien als „vorbildlich“ .
Humanitäre Notlage: Vivas sprach von einer „absoluten humanitären und sozialen Notlage“. Die Aufnahmekapazitäten der Stadt seien vollständig überlastet, Hunderte Menschen schliefen auf der Straße . Er forderte Madrid auf, den nationalen Notstand auszurufen. Das spanische Innenministerium lehnte diese Forderung zunächst ab .
Europäische Dimension: Frankreichs Innenminister Laurent Nunez kündigte verstärkte Grenzkontrollen zu Spanien an und aktivierte die Rapid Intervention Border Force . Dänemarks Ministerpräsidentin Mette Frederiksen forderte die EU auf, „alle Optionen“ zu prüfen . Damit wurde Ceuta zu einem neuen Brennpunkt der europäischen Debatte über Außengrenzen, Migration und die Stabilität des Schengen-Systems.