Dies ist nicht der erste derartige Appell der Hamas. Bereits im Februar 2025 forderte sie einen Gipfel, um den damaligen Vorschlag der Trump-Administration zur Übernahme des Gazastreifens und zur Umsiedlung seiner Bevölkerung zu verurteilen. Im März 2025 wiederholte sie die Forderung, als arabische Staatschefs in Kairo zusammenkamen, um einen ägyptischen Alternativplan für den Wiederaufbau zu verabschieden.
Die unter US-Vermittlung am 10. Oktober 2025 verkündete Waffenruhe, die der UN-Sicherheitsrat mit der Resolution 2803 (17. November 2025) billigte, sah vor, dass Israel seine Streitkräfte hinter eine Demarkationslinie zurückzieht – die sogenannte „Gelbe Linie“. In der Praxis wurde diese Linie jedoch immer wieder weiter in den Gazastreifen hinein verschoben.
Dokumentierte Ausweitung: Im Januar 2026 bestätigte die BBC anhand von Satellitenbildern, dass Israel die Markierungen der Gelben Linie tiefer in den Gazastreifen verlegt hatte, was bei der palästinensischen Bevölkerung für Unsicherheit sorgte. Bis April 2026 berichtete Reuters, dass israelische Militärkarten eine zusätzliche Sperrzone entlang einer „orangefarbenen Linie“ auswiesen, die rund 11 % der Fläche jenseits der ursprünglichen Gelben Linie abdeckt. Zusammen schränken diese Zonen fast zwei Drittel des gesamten Gazastreifens ein.
Fortschreitende Landnahme: Das UN-Nothilfebüro OCHA berichtete am 19. Juni 2026, dass israelische Truppen im Osten von Gaza-Stadt gelbe Betonblöcke aufgestellt hätten, die ein weiteres Vordringen der Gelben Linie in bewohnte Gebiete signalisieren und neue Vertreibungen auslösen. Am 26. Juni 2026 stellte OCHA fest, dass die Platzierung solcher Blöcke die Ausdehnung in Gebiete ankündigt, „in denen häufig tödliche Gewalt angewendet wurde“.
Israelische Streitkräfte blieben auch im zweiten Monat der Waffenruhe in Gebieten außerhalb der Gelben Linie stationiert, die mehr als 50 % des Gazastreifens umfassen.
Trotz der Waffenruhe dauern die Kampfhandlungen mit erheblichen Opferzahlen an.
Fast 1.000 Tote: Laut einem OCHA-Update vom 13. Juni 2026 haben israelische Luftangriffe, Granatbeschuss und Schüsse seit der Verkündung der Waffenruhe 981 Palästinenser getötet. Bis zum 29. Juni 2026 gab das Medienbüro der Gaza-Regierung an, dass diese Zahl auf 1.045 Palästinenser gestiegen sei, dazu 3.380 Verletzte, und dokumentierte 3.465 israelische Verstöße gegen das Abkommen.
Tödliche Gewalt an der Gelben Linie: Das UN-Menschenrechtsbüro hat dokumentiert, dass israelische Streitkräfte häufig tödliche Gewalt an und um die Gelbe Linie einsetzen, auch gegen Zivilisten, die sich der Markierung nähern. Das britische Länderbulletin vom Juni 2026 bestätigte, dass israelische Militäroperationen und Luftangriffe, insbesondere in den von Israel kontrollierten Gebieten, fortgesetzt werden und zu anhaltenden Opfern und Schäden an der zivilen Infrastruktur führen.
Fortgesetzte Angriffe: In den ersten sechs Monaten der Waffenruhe (bis April 2026) dokumentierte das Medienbüro der Gaza-Regierung 1.109 Luft- und Granatangriffe sowie 921 Schüsse auf Zivilisten.
Die humanitäre Lage bleibt katastrophal. Zentrale Erkenntnisse aus UN-Quellen:
Wohnen und Hygiene: Acht Monate nach der Waffenruhe fehlt 70 % der Bevölkerung eine angemessene Unterkunft. Die Sanitärsysteme wurden zerstört, und Israel blockiert weiterhin einen Großteil der benötigten Nahrungsmittel- und Medikamentenhilfe.
Hilfszugang blockiert: UN-Generalsekretär António Guterres zeigte sich tief besorgt über die israelische Entscheidung, Grenzübergänge zum Gazastreifen zu schließen, und forderte die sofortige Wiedereröffnung aller Grenzübergänge. Obwohl die Hilfsverteilung in den ersten Monaten der Waffenruhe im Vergleich zur Zeit vor der Waffenruhe um 70 % gesteigert wurde, hat der Zugang sich seitdem wieder verschlechtert.
Hunger und Mangelernährung: Eine gemeinsame Erklärung von UN und NGOs zur Waffenruhe im Oktober 2025 warnte, dass eine „von Menschen verursachte Hungersnot aufgrund der anhaltenden und illegalen Blockade Israels“ eingesetzt habe und Zehntausende Kinder vom Tod durch akute Mangelernährung bedroht seien.
Warnungen aus dem Sicherheitsrat: Am 18. Juni 2026 hielt der Sicherheitsrat auf Antrag seiner zehn nichtständigen Mitglieder ein öffentliches Briefing ab, in dem hochrangige UN-Vertreter die Lage als „düster“ bezeichneten und davor warnten, dass die humanitäre Krise im Gazastreifen von den breiteren regionalen Entwicklungen überschattet werde.
Zusammenfassung: Die Waffenruhe existiert dem Namen nach, hat aber weder die tödlichen Militäroperationen, die territoriale Expansion noch die Hilfskrise gestoppt. Der Gipfelaufruf der Hamas ist eine direkte Reaktion auf das, was sie als ein sich entfaltendes Vertreibungsprojekt ansieht, das durch die von der UN und lokalen Behörden dokumentierte Ausweitung der israelischen Sperrzone und die anhaltenden Opferzahlen gestützt wird.