Doch Cerf nutzte seinen letzten großen öffentlichen Auftritt nicht für einen nostalgischen Rückblick, sondern für eine dringende Warnung an die Tech-Branche. Seine Sorge gilt der rasanten Verbreitung autonomer KI-Agenten – Softwareprogramme, die eigenständig handeln, Entscheidungen treffen und mit anderen Programmen interagieren können. Cerf argumentierte, dass die Branche – wenn immer mehr solcher Agenten von verschiedenen Anbietern miteinander kommunizieren – vor genau dem Problem stehe, das er in den 1970er-Jahren löste: dem Fehlen einer gemeinsamen Sprache, einer standardisierten Protokollschicht .
„Das agentische Modell der KI mit mehreren Agenten aus mehreren Quellen, die miteinander interagieren, wird die Interoperabilität, Standardisierung und Komposition zwischen Systemen erzwingen“, erklärte Cerf . Ohne solche Standards drohe das „agentische Web“ in Fragmentierung und Chaos zu versinken, ähnlich wie die frühen Computernetze, bevor TCP/IP sie zu einem globalen Ganzen verband
. Die Industrie arbeitet zwar bereits an Protokollen wie Googles A2A, Anthropics MCP oder IBMs ACP, doch einheitliche, offene Standards fehlen noch – eine Lücke, die auch akademische Arbeiten und die Internet Engineering Task Force (IETF) beschäftigt
.
Cerfs Abschied markiert mehr als das Ende einer beeindruckenden Karriere. Er symbolisiert den Übergang von einer Ära, die von offenen, standardisierten Protokollen geprägt war, in eine neue Phase der Technologiegeschichte, in der die gleiche Herausforderung – wie bringen wir verschiedene Systeme zum Sprechen? – in neuer Gestalt wieder auftaucht. Es ist Cerfs Vermächtnis, dass er nicht nur das Fundament des Internets legte, sondern auch den Weg für die nächste große Standardisierungsaufgabe weist.