Šefčovič gab den Ton vor: Es gehe um eine Neujustierung, nicht um eine Konfrontation. „Unsere Handelsbeziehung mit China ist an einem Punkt angelangt, der eine Neujustierung erfordert. Nicht Konfrontation, sondern ein neues Gleichgewicht“, erklärte er öffentlich . Den Gesprächen vorausgegangen war ein vorbereitendes Treffen am 9. und 10. Juni 2026 zwischen Chinas Vizehandelsminister Ling Ji und Ditte Juul Jørgensen, der Generaldirektorin für Handel und wirtschaftliche Sicherheit der EU-Kommission. Dabei wurden die Weichen für einen neuen gemeinsamen Konsultationsmechanismus gestellt .
Das Defizit beherrschte die Schlagzeilen, doch die offiziellen Zahlen sind differenziert zu betrachten:
Die strukturelle Dimension: Das Defizit hat sich zwischen 2015 und 2025 wertmäßig mehr als verdoppelt und mengenmäßig sogar mehr als verfünffacht – ein zentrales politisches Risiko für die EU-Führung .
Ein zentrales Ergebnis der Vorbereitungen: Am 9. und 10. Juni 2026 führten Ling Ji und Jørgensen nach offiziellen Angaben „tiefgehende und umfassende“ Gespräche über die Einrichtung eines chinesisch-europäischen Konsultationsmechanismus für Handel und Investitionen . Dieses Dialogforum soll dazu dienen, Spannungen abzubauen, bevor sie zu formellen Streitigkeiten eskalieren. Beide Seiten vereinbarten, bei der ersten Sitzung des Gremiums auf „praktische Ergebnisse“ hinzuarbeiten .
Die Brüsseler Gespräche fanden in einem politisch aufgeheizten Klima statt:
Trotz des intensiven diplomatischen Fahrplans waren die Erwartungen an ein konkretes Abkommen gering. Der EUobserver bezeichnete das Treffen vom 29. Juni zwar als „Schicksalstag“, doch die meisten Analysten sahen darin vor allem eine Übung im Krisenmanagement – es ging darum, die Gesprächskanäle offen zu halten, nicht um handfeste Zugeständnisse . Die tiefgreifenden strukturellen Differenzen über Industriesubventionen, Marktzugang und die Ursachen des Ungleichgewichts blieben ungelöst.
China ging mit einer defensiven und expliziten Warnhaltung in die Gespräche:
E-Auto-Zölle. Der Streit um Elektrofahrzeuge bleibt der zentrale Zankapfel. Die EU-Kommission kam im Juni 2024 zu dem Schluss, dass chinesische E-Autos von unfairen Subventionen profitieren, und verhängte vorläufige Ausgleichszölle zwischen 17,4 und 38,1 Prozent . Im Oktober 2024 traten endgültige Zölle von bis zu 45 Prozent in Kraft . Im Januar 2026 veröffentlichte die EU Leitlinien, die es chinesischen Herstellern erlauben, die Zölle durch die Verpflichtung zu Mindestpreisen zu ersetzen – eine mögliche Exit-Strategie . Daten des Mercator-Instituts zeigen, dass chinesische E-Auto-Exporte der Haupttreiber des Rekordüberschusses im ersten Quartal 2026 waren .
Lieferketten-Diversifizierung. Die EU-Kommission erwägt nun ein Gesetz, das Unternehmen in sensiblen Sektoren dazu verpflichten soll, ihre Abhängigkeit von einzelnen Lieferanten – insbesondere aus China – zu reduzieren und auf mindestens drei Quellen zu diversifizieren . Dies ist Teil der EU-Strategie für wirtschaftliche Sicherheit, die einem „Fördern, Schützen und Kooperieren“-Ansatz folgt und Marktverteidigung mit dem Aufbau eigener Kapazitäten verbindet .
Stahl und mehr. Die Konfrontation hat sich von E-Autos auf Stahl (mit der 47-Prozent-Kontingentskürzung), Maschinenbau und elektrische Ausrüstung ausgeweitet – die beiden wichtigsten Produktkategorien im EU-China-Handel . Analysten des Atlantic Council stellen fest, dass aus der ursprünglichen Debatte über chinesische E-Autos inzwischen eine viel breitere Auseinandersetzung mit den strukturellen Folgen der chinesischen Überkapazitäten geworden ist, die nun auch Windkraftanlagen, Solarmodule und Halbleiter der ausgereiften Technologiegeneration umfasst .
Die Brüsseler Gespräche markieren einen Wendepunkt in den Beziehungen. Beide Seiten investieren in Dialogmechanismen, um eine Eskalation zu managen. Doch die strukturellen Triebkräfte – Chinas industrielle Überkapazitäten, das wachsende EU-Defizit und der innenpolitische Druck in Europa für eine härtere Handelslinie – lassen nicht nach. Das Risiko eines Handelskriegs bleibt hoch. Das Treffen vom 29. Juni signalisiert jedoch den beiderseitigen Willen, vorerst im Gespräch zu bleiben, anstatt unilateral zu eskalieren.