Entscheidend ist jedoch: Diese Kaufzusagen kompensieren nicht die heutigen Emissionen von Anthropic. Es ist eine Wette auf die Zukunft – finanziert aus der Gegenwart, die weiterhin fossil geprägt ist.
Während Anthropic auf der Nachfrageseite in die Zukunft investiert, zeichnet die Gegenwart des Unternehmens ein anderes, weniger schmeichelhaftes Bild. Anthropic hat keine einzige öffentlich bekannte Ökostrom-Vereinbarung, einen sogenannten Power Purchase Agreement (PPA), abgeschlossen. Das ist eine eklatante Lücke im Vergleich zu anderen großen KI-Rechenzentrumsbetreibern. Konzerne wie Google, Microsoft oder Amazon unterzeichnen jedes Jahr PPA-Verträge im Gigawatt-Maßstab und lassen ihre Treibhausgasemissionen (Scope 1–3) extern prüfen . Anthropic tut keines von beidem
. Als nicht börsennotiertes Unternehmen ist die Firma zudem nicht zu den gleichen Offenlegungspflichten verpflichtet wie seine Konkurrenten.
Das deutlichste Symbol für diese Diskrepanz ist das Rechenzentrum „Colossus“ in Memphis, Tennessee. Im Mai 2026 übernahm Anthropic die 300-Megawatt-Anlage von xAI in einem Leasingvertrag, der mit Kosten von etwa 1,25 Milliarden Dollar pro Monat – also rund 15 Milliarden Dollar jährlich – zu Buche schlägt . Die Anlage läuft fast ausschließlich mit Strom aus gasbetriebenen GuD-Kraftwerken (Gas-und-Dampf-Kombikraftwerken). Berichten zufolge wurden während der Inbetriebnahme sogar 35 nicht genehmigte Methan-Gasturbinen betrieben
.
Im Februar 2026 gelobte Anthropic öffentlichkeitswirksam, die Kosten für notwendige Netzausbauten vollständig zu übernehmen und die Verbraucher vor steigenden Strompreisen zu schützen . Das Versprechen klingt gut, doch konkrete vertragliche Details, Zeitpläne oder Durchsetzungsmechanismen lieferte das Unternehmen bis heute nicht
. Es bleibt vorerst eine Absichtserklärung.
Die Glaubwürdigkeitskrise der Branche ist bekannt. Eine Analyse des britischen Guardian ergab, dass die tatsächlichen Emissionen von firmeneigenen Rechenzentren großer Tech-Konzerne rund 662 Prozent über den offiziell kommunizierten Werten liegen können . Viele Unternehmen nutzen eine marktbasierte Bilanzierung, die gekaufte Herkunftsnachweise für Ökostrom einrechnet – unabhängig davon, wie der tatsächlich verbrauchte Strom vor Ort produziert wurde. Ohne selbst nach dieser Methode überhaupt Zahlen zu veröffentlichen, existiert für Anthropic schlicht keinerlei öffentliche Vergleichsgrundlage
.
Drei Entwicklungen im Jahr 2026 deuten jedoch darauf hin, dass Anthropic das Problem erkannt hat und interne Weichen stellt, um es anzugehen:
Anthropic’ Klimapolitik ist in zwei Teile zerfallen. Auf der Nachfrageseite hilft das Unternehmen mit Frontier, einen Markt für dauerhafte CO2-Entnahmetechnologien zu schaffen. Auf der Angebotsseite betreibt es jedoch eine der kohlenstoffintensivsten Rechenkapazitäten der KI-Branche – ohne öffentliche Ökostromverträge, ohne Emissionsbericht.
Die jüngsten Personalentscheidungen, das Netzkosten-Versprechen und das politische Strategiepapier zeigen, dass das Unternehmen die interne Infrastruktur aufbaut, um diese Kluft zu überbrücken. Doch bis der erste PPA-Vertrag unterschrieben oder ein erster Nachhaltigkeitsbericht publiziert ist, bleibt das mit Gas befeuerte Colossus-Rechenzentrum das ehrlichste Zeugnis dafür, wo Anthropic in Sachen Energie wirklich steht.
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