Um die Dimension dieses Booms zu verstehen, reicht ein Blick auf die aktuellen Emissionszahlen. Noch nie wurde in einem Technologiesektor so schnell so viel Fremdkapital aufgenommen.
Mitten in diese Gemengelage platzte Nvidias 25-Milliarden-Dollar-Anleihe am 15. Juni 2026. Es war die erste Unternehmensanleihe des Chipriesen seit 2021 – und sie wurde zum Symbol der Marktverfassung .
Nvidia will die Mittel für „allgemeine Unternehmenszwecke" nutzen, darunter die Refinanzierung bestehender Schulden und Investitionen in die eigene KI-Infrastruktur. Angesichts von 49 Milliarden Dollar an freiem Cashflow im letzten Quartal ging es hier weniger um akute Not als um das strategische Etablieren einer liquiden Benchmark am Investment-Grade-Markt .
Die Investmentbank Morgan Stanley rechnet vor, dass die globale KI-bezogene Schuldenemission 2026 auf fast 570 Milliarden Dollar ansteigen wird – mehr als eine Verdopplung .
Zum Vergleich: Während der Dotcom-Ära erreichte die Emission von Technologie- und Internetanleihen im Jahr 2001 einen Höchststand von 85 Milliarden Dollar – über das gesamte Jahr gerechnet . Der heutige KI-Zyklus droht diese Zahl um den Faktor 7 zu übertreffen
. Eine Sprecherin von Man Group brachte es auf den Punkt: „Jeder Zyklus sieht im Detail anders aus, folgt aber demselben Muster.
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Wo konkret sehen Experten die größten Risiken? Man Group und andere Beobachter identifizieren drei zentrale Schwachstellen.
Die mit Abstand größte Sorge gilt den riskanteren Segmenten des Kreditmarktes. Viele KI-Schuldner im Bereich High-Yield und Leveraged Loans sind operativ free-cashflow-negativ . Das bedeutet: Diese Unternehmen nehmen nicht für zukünftiges Wachstum Schulden auf, sondern um den laufenden Betrieb und den Schuldendienst selbst zu finanzieren. Ein klassisches Warnsignal.
Die Verschuldungsgrade der Hyperscale-Cloud-Anbieter (also Verhältnis von Schulden zu Gewinn) sind innerhalb von nur zwei Quartalen von 0,9x auf 1,8x hochgeschnellt . Die tatsächliche Belastung durch Abschreibungen steht noch bevor
.
Hinzu kommen Ausfälle im Private-Credit-Markt: Eine Serie von zahlungsunfähigen KI- und Software-Deals erhöht den Stress im System, das oft über schwer durchschaubare Zweckgesellschaften (Special Purpose Vehicles) finanziert .
Seit Oktober 2025 haben KI-verbundene Schuldtitel die US-Banken als größtes Segment innerhalb der Investment-Grade-Indizes überholt . Das hat gravierende Folgen: Passive Rentenfonds, die einfach den Index nachbilden, sind jetzt automatisch stark in KI-Kreditrisiken investiert. Viele Privatanleger dürften sich dieser Klumpenrisiken in ihren Weltsparplänen oder Pensionskassen nicht bewusst sein.
Man Group hat seine Warnung nicht abstrakt gehalten, sondern sie in eine Typologie historischer Kreditzyklen eingebettet. Die Parallelen sind frappierend :
| Historischer Zyklus | Zeitraum | Auslöser / Verlauf |
|---|---|---|
| Internet & Telekom | 1999–2001 | Massive Überinvestitionen in Glasfaser und Infrastruktur; Welle von Zahlungsausfällen nach dem Dotcom-Crash. |
| Europäische Banken | 2012 | Staatsschuldenkrise, Bankenrettungen, Einfrieren der Kreditmärkte. |
| Energiesektor | 2015–2016 | Ölpreisverfall nach schuldenfinanziertem Schieferölboom in den USA; zahlreiche Pleiten im High-Yield-Bereich. |
Der gemeinsame Nenner: Ein verheißungsvoller neuer Sektor zieht enormes Fremdkapital an, die Finanzdisziplin erodiert, und wenn die Nachfrage- oder Preisannahmen zu optimistisch waren, folgt die schmerzhafte Korrektur. „Erwartungen überholen die Fähigkeit der Branche, sie zu erfüllen", so das düstere Fazit von Man Group .
Eine wichtige Klarstellung: Weder Man Group noch Morgan Stanley sagen den Untergang der KI voraus. Die Technologie ist gekommen, um zu bleiben – ähnlich wie das Internet nach 2001. Die Warnung zielt auf den Finanzierungsüberbau, der sich wie ein Kartenhaus über die reale Wertschöpfung türmen könnte.
Die entscheidende Frage für Anleger in Deutschland und Europa lautet daher nicht: „Ist KI eine Blase?", sondern „Preist mein Portfolio bereits ein Szenario ein, das so vielleicht nie eintritt?". Das Risiko liegt weniger im Scheitern der Technologie, als in einer Enttäuschung der überzogenen Renditeerwartungen, die zuletzt in diese Papiere geflossen sind.
Fest steht: Noch nie wurde eine technologische Revolution so schnell und so schuldenintensiv finanziert. Das muss nicht in einer Katastrophe enden – aber es verlangt nach einer nüchternen Überprüfung der eigenen Depot-Risiken.
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