Gleichzeitig legte die EZB aktualisierte Prognosen ihrer Fachleute vor, die eine kräftige Aufwärtsrevision der Inflationsaussichten zeigen: Für 2026 wird nun eine Gesamtinflation von 3,0 % (zuvor 2,6 %) und für 2027 von 2,3 % (zuvor 2,0 %) erwartet. Auch die Kerninflation (ohne Energie und Nahrungsmittel) wurde deutlich angehoben – auf 2,5 % für 2026 und 2027, verglichen mit vorherigen Schätzungen von 2,3 % bzw. 2,2 %
.
Genau hier setzt Lanes „Pipeline“-Argument an. Der unmittelbare Schock der Schließung der Straße von Hormus führte zu einem massiven Einbruch des globalen Ölangebots, aber die volle Inflationswirkung entfaltet sich mit erheblicher Verzögerung. Höhere Energiekosten schlagen auf die Nahrungsmittelproduktion, die Transportkosten, Industriegüter und schließlich auch auf Dienstleistungen durch. Wie Lane bereits im Mai in Tokio erklärte: „Selbst wenn der anfängliche Energieschock nachlässt, werden die Zweitrundeneffekte noch einige Zeit anhalten“ .
Die vierteljährliche Umfrage der EZB unter professionellen Prognostikern untermauert diese Sicht. Die Erwartungen für die Gesamtinflation wurden für 2026 „deutlich nach oben revidiert“, und auch die längerfristigen Erwartungen blieben verankert – ein Zeichen, dass der Energiepreisanstieg die kurzfristige Inflation nachhaltig erhöht, ohne die Inflationserwartungen dauerhaft zu entkoppeln. Auch die Erwartungen für die Kerninflation wurden für den kurzfristigen Horizont angehoben, die Übertragung auf die breite Wirtschaft ist also im Gange .
Lane und EZB-Präsidentin Christine Lagarde betonten gleichermaßen, dass der EZB-Rat künftig von Sitzung zu Sitzung anhand der eingehenden Daten entscheiden und keinem vorgezeichneten Pfad folgen werde
. Allerdings geht aus dem Juni-Kommuniqué hervor, dass die Kerninflation im gesamten Prognosezeitraum 2026–2028 über 2 % bleiben dürfte – ein Ergebnis, das mit nur einer einzigen Zinsanhebung unvereinbar ist
.
Unter Ökonomen herrscht breiter Konsens über weiteren geldpolitischen Handlungsbedarf. Einer Reuters-Umfrage unter 80 Fachleuten zufolge hatten über 90 % die Juni-Anhebung vorhergesagt, und ein Folgeschritt im September gilt weithin als Basisszenario . Analysten bei Barclays und J.P. Morgan rechnen mit bis zu drei Zinsschritten von je 25 Basispunkten im laufenden Jahr
. Auch die Fachleute bei Desjardins erwarten wegen der deutlich höheren Kerninflationsprognosen mindestens eine weitere Anhebung in 2026
.
Während die EZB vorangeht, bewegen sich andere große Notenbanken im selben energiegetriebenen Inflationsumfeld. Der geldpolitische Ausschuss der Bank of England (BoE) tagte am 18. Juni und ließ den Leitzins mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit bei 3,75 %, wo er seit Dezember 2025 liegt
. Im April hatte das Gremium mit 8 zu 1 Stimmen für ein Halten votiert, wobei ein Mitglied bereits für eine Anhebung auf 4 % plädierte
.
Obwohl die britische Inflationsrate im April auf 2,8 % zurückging, erwartet die BoE im weiteren Jahresverlauf einen Anstieg auf über 3,5 %, angetrieben vor allem durch die Energiepreise
. Die Märkte preisen inzwischen Zinserhöhungen von etwa 50 Basispunkten innerhalb der nächsten zwölf Monate ein – statt der Zinssenkungen, die noch vor Beginn des Nahostkonflikts erwartet wurden
.
Für die Schweizerische Nationalbank (SNB) liegen aus dem vorliegenden Quellenmaterial keine spezifischen Informationen zum Juni-Entscheid 2026 vor. Aus der allgemeinen Entwicklung lässt sich ableiten, dass importierte Energiepreise auch auf die SNB Druck ausüben dürften – eine abschließende Beurteilung erfordert jedoch aktuellere Daten.
Die zentrale Erkenntnis aus Lanes Reuters-Auftritt lautet: Die Lücke zwischen einer geopolitischen Entspannung und der wirtschaftlichen Normalisierung ist groß. Expertinnen und Experten warnen, dass es Wochen oder Monate dauern könnte, bis die Schifffahrt durch die Straße von Hormus vollständig wieder anläuft. Schon vor dem Krieg verschifftes Öl wird noch länger brauchen, um die Zielmärkte zu erreichen
.
Das bedeutet: Die Inflationsdaten der kommenden Monate werden weiterhin den bereits erfolgten Energiepreisschock widerspiegeln, selbst wenn die Rohölpreise am Markt weiter nachgeben.
Für Haushalte und Unternehmen in ganz Europa heißt das: eine längere Durststrecke mit erhöhten Preisen. Für die EZB bedeutet es: Der Kampf gegen die Inflation ist längst nicht vorbei – und weitere Zinsschritte stehen weiterhin im Raum.
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