Technologieministerin Liz Kendall hatte zuvor zwei Optionen vorgestellt: ein Komplettverbot aller sozialen Netzwerke für Jugendliche oder die spezifischere Variante mit Beschränkungen für bestimmte Funktionen. Nun hat man sich offenbar für einen Mittelweg entschieden. Der Begriff „Australia-Plus“ drückt dabei die Verschärfung gegenüber dem australischen Modell aus: Wo Australien mit zivilrechtlichen Bußgeldern (bis zu 49,5 Millionen Australische Dollar) arbeitet, sieht der britische Plan eine strafrechtliche Haftung für Führungskräfte vor .
Der Weg von der Idee bis zur Umsetzung verlief in mehreren Etappen zügig:
Das Verbot wird nicht alle sozialen Netzwerke gleichermaßen treffen. Entscheidend ist, ob die Kernfunktionen eines Dienstes von der Regierung als besonders riskant für Minderjährige eingestuft werden. Im Fokus stehen Plattformen, bei denen algorithmisch gesteuerte Inhalte im Mittelpunkt stehen .
Voraussichtlich betroffene Apps:
Diese und ähnliche Apps setzen stark auf algorithmische Empfehlungen und das Entdecken öffentlicher Inhalte, zudem bieten sie private Nachrichten mit potenziell Fremden an. Britische Polizeiführer forderten die Regierung konkret auf, alle Dienste zu sperren, die Kontakt mit Unbekannten ermöglichen, schädliches Material empfehlen oder das Teilen von Nacktbildern zulassen .
Was ist mit den anderen Diensten?
Plattformen mit niedrigerem Risiko – etwa reine Messenger-Dienste ohne algorithmischen Feed oder reine Lernplattformen – werden voraussichtlich nicht gesperrt. Die Medienaufsichtsbehörde Ofcom wird die endgültige Liste der gesperrten Plattformen festlegen .
Zusätzlich gilt: Ein pauschales Verbot von romantischen oder sexuellen KI-Chatbots für alle Personen unter 18 Jahren wird Teil des Maßnahmenpakets sein .
Die Wirksamkeit des Verbots hängt entscheidend davon ab, wie das Alter der Nutzer überprüft wird, ohne massive Datenschutzprobleme zu verursachen. Das Vereinigte Königreich hat mit dem bestehenden Online Safety Act bereits einen rechtlichen Rahmen. Die zuständige Behörde Ofcom spricht dabei von sogenannten hochwirksamen Alterssicherungsverfahren (HEAA), die nun auf das geplante Social-Media-Verbot ausgeweitet werden sollen .
Diese Technologie gilt als Vorzeigemethode: Nutzer machen ein Live-Selfie, und eine KI schätzt anhand der Gesichtsmerkmale das Alter. Die Befürworter betonen, dass Ofcom betont, dass die Plattformen das Alter bestätigen müssen, „ohne personenbezogene Daten zu sammeln oder zu speichern, sofern dies nicht absolut notwendig ist“. Das vollständige Bild wird nicht gespeichert, die Identität der Person wird also nicht aufgezeichnet . Allerdings hat selbst die Ofcom-Chefin, Dame Melanie Dawes, Zweifel an der Zuverlässigkeit dieser Technik für junge Teenager geäußert. Sie erklärte, die Gesichtserkennung habe mehr Schwierigkeiten, das Alter im Bereich 13 bis 16 Jahre präzise zu schätzen
.
Nutzer würden einen amtlichen Lichtbildausweis wie Reisepass oder Führerschein hochladen. Diese Methode ist höchst zuverlässig, jedoch gibt es massive Datenschutz-Bedenken. Kritiker argumentieren, dass dies praktisch alle Nutzer – auch Erwachsene – dazu zwingt, hochsensible Dokumente preiszugeben, um einen Social-Media-Account nutzen zu können .
Die Verwendung von Zahlungskarten-Daten als Altersnachweis ist im Vereinigten Königreich bereits für Pornoseiten im Internet zugelassen. Damit wird geprüft, ob der Nutzer alt genug ist, um eine Kreditkarte zu besitzen. Das Verfahren ist jedoch wenig praktikabel, wenn Jugendliche Zugriff auf die Karte der Eltern haben .
Die Regierung prüfte auch, ob Anbieter wie Apple und Google oder andere Gerätehersteller das Alter bereits auf Ebene des Betriebssystems oder des App-Stores verifizieren können. So könnte verhindert werden, dass soziale Netzwerke überhaupt installiert werden, wenn der Hauptnutzer des Geräts unter 16 ist. Diese Methode wäre zwar nahtlos, wirft aber ebenso große Datenschutzfragen auf .
Die Pläne der Regierung entfachen eine heftige Debatte zwischen Bürgerrechtsorganisationen, Kinderschutzvereinen und internationalen Regierungen.
Digitale Bürgerrechtler und Datenschützer argumentieren scharf dagegen: Die Open Rights Group (ORG) warnt, dass ein solches Alters-Gating ein breitflächiges Überwachungssystem für das gesamte Internet erzwingen würde, mit gravierenden Risiken „für Privatsphäre, Datenschutz und Meinungsfreiheit“. Die US-Organisation Electronic Frontier Foundation (EFF) bezeichnet solche Systeme als „wachsende globale Bedrohung“ und zweifelt die Existenz eines wirklich effektiven und Privatsphäre-respektierenden Systems grundsätzlich an .
Kinderschutzorganisationen sind gespalten. Die Molly Rose Foundation warnte, ein überstürzt eingeführtes Verbot könnte „scheitern“ und Familien in falscher Sicherheit wiegen, weil die Technik unausgereift sei . Der NSPCC, Childnet und die 5Rights Foundation lehnen pauschale Verbote ab und argumentieren, sie könnten „Kinder in unregulierte Ecken des Internets treiben“ und sie von wichtigen Unterstützungsnetzwerken abschneiden
.
Die Durchsetzbarkeit bleibt das große Fragezeichen. Kritiker weisen darauf hin, dass entschlossene Teenager einfach VPNs nutzen, sich Geräte von älteren Freunden ausleihen oder auf Plattformen abwandern können, die nicht vom Verbot erfasst sind. Hinzu kommt die Fehleranfälligkeit: Die Gesichtsalter-Schätzung ist an der Altersgrenze von 16 Jahren nicht perfekt genau, sodass es zu Fehlentscheidungen kommt – ältere Jugendliche könnten ausgesperrt, jüngere fälschlicherweise durchgewunken werden .
Internationaler Druck kommt zudem aus den USA: Das Weiße Haus drängte die britische Regierung in einer formellen Stellungnahme, das Verbot zu überdenken. Der Eingriff bedeute eine „ungleiche Belastung für amerikanische Technologieunternehmen“ und es sei unwahrscheinlich, dass die technischen Maßnahmen zur Durchsetzung von Altersgrenzen bei Jugendlichen effektiv seien .
Australiens Verbot trat bereits am 10. Dezember 2025 in Kraft und war das weltweit erste umfassende Social-Media-Gesetz dieser Art. Allein in den ersten zwei Tagen wurden dort über 4,7 Millionen Konten von unter 16-Jährigen auf Plattformen wie Instagram, TikTok und Snapchat deaktiviert .
Hier die wichtigsten Unterschiede im Überblick:
| Merkmal | Vereinigtes Königreich (geplant) | Australien (seit Dez. 2025 aktiv) |
|---|---|---|
| Altersgrenze | Unter 16 | Unter 16 |
| Umfang des Verbots | Gezielt: nur „Hochrisiko“-Plattformen (z. B. TikTok, Instagram) | Pauschal: alle großen Netzwerke (10 Plattformen inkl. YouTube, X, Reddit) |
| Aufsichtsbehörde | Ofcom (kann strafrechtlich sanktionieren) | eSafety Commissioner (nur zivilrechtliche Sanktionen) |
| Strafen | Strafrechtliche Haftung für Tech-Vorstände | Bußgelder bis zu etwa 30 Millionen Euro (49,5 Mio. AUD) |
| Ausnahmen | Wahrscheinlich für risikoarme Messenger- und Bildungsdienste | Keine Ausnahmen für bestimmte Plattformtypen |
| Altersprüfung | Gesichtsschätzung, Ausweisdokument, Kreditkarte, ggf. Geräte-Sperren | Plattformen müssen „angemessene Schritte“ gehen (konkrete Methode nicht vorgeschrieben) |
Die zentralen Unterschiede: Der australische Ansatz ist ein breites Pauschalverbot. Der britische Plan ist chirurgischer und zielt auf die als schädlich geltenden algorithmischen Kernfunktionen. Die mögliche strafrechtliche Haftung für Manager in Großbritannien – die theoretisch auch Gefängnisstrafen nach sich ziehen könnte – stellt eine drastische Eskalation im Umgang mit Technologiekonzernen dar .
Nach der erwarteten Ankündigung von Premier Starmer muss Ofcom die Liste der „Hochrisiko“-Plattformen genau definieren und detaillierte Befolgungs-Codes herausgeben. Die Regierung hat versprochen, die Regulierungen bis Ende 2026 in Kraft zu setzen, wobei die vollständige Durchsetzung für alle betroffenen Plattformen voraussichtlich schrittweise bis 2027 erfolgen wird .
Das Vereinigte Königreich beobachtet derweil genau die praktischen Erfahrungen aus Australien – wo Millionen von Konten innerhalb von Tagen entfernt wurden – und die hitzige Debatte, ob ein Verbot Jugendliche tatsächlich schützt oder die Risiken nur an andere, dunklere Orte des Internets verlagert .