Doch trotz des öffentlich zur Schau gestellten Optimismus klaffen die Interpretationen des Deals weit auseinander. Ein hochrangiger US-Regierungsbeamter bezifferte die Wahrscheinlichkeit einer tatsächlichen Unterzeichnung auf 80 bis 85 Prozent und warnte, dass Hardliner in Teheran noch immer versuchten, den Durchbruch zu torpedieren .
Das Abkommen ist lediglich ein 60-tägiges Interimsabkommen, das die bestehende Waffenruhe verlängern, die für die globale Energieversorgung kritische Straße von Hormus sofort und mautfrei wieder öffnen und die Aufhebung der US-Marineblockade iranischer Häfen innerhalb von 30 Tagen einleiten soll . Es ist ein leistungsabhängiger Rahmen: Washington verknüpft Sanktionserleichterungen direkt mit nachprüfbaren iranischen Handlungen vor Ort.
Genau hier liegt der größte Zündstoff. Die Vorstellungen beider Seiten könnten kaum weiter auseinanderliegen:
Irans Position: Teherans Chefunterhändler, Vizeaußenminister Kazem Gharibabadi, hat unmissverständlich klargestellt: Mindestens 50 Prozent der eingefrorenen iranischen Auslandsguthaben – eine Untergrenze von 12 Milliarden US-Dollar – müssen unmittelbar mit der Unterzeichnung des MoU freigegeben werden . Die restlichen Mittel, Teil einer Gesamtsumme von 24 Milliarden Dollar, die Teheran beansprucht, müssen innerhalb von 60 Tagen folgen
. Aus Teherans Sicht ist dies keine Verhandlungsmasse, sondern eine nicht verhandelbare Vorbedingung
.
Die US-Position: Washington lehnt eine Vorab-Freigabe kategorisch ab. US-Beamte bestehen darauf, dass jeglicher Zugang zu den eingefrorenen Geldern schrittweise und basierend auf der nachgewiesenen Erfüllung iranischer Verpflichtungen erfolgt . Ein ranghoher Regierungsbeamter stellte klar: „Die Iraner erhalten kein Bargeld, und es werden keine sofortigen Sanktionserleichterungen angeboten“
. Die USA haben zwar einen humanitären Mechanismus ins Spiel gebracht, möglicherweise unter Verwaltung Katars, über den Iran Zugang zu einem Teil der Gelder für nicht sanktionierte Käufe erhalten könnte – dies bleibt aber weit hinter Teherans Forderungen zurück
.
Die Verwirrung wird dadurch verstärkt, dass beide Seiten öffentlich unterschiedliche Deals beschreiben. Während US-Vertreter von einem engen Interimsabkommen sprechen, das strikt auf eine Waffenruhe und die Öffnung der Straße von Hormus fokussiert ist , veröffentlichte die den iranischen Revolutionsgarden (IRGC) nahestehende Nachrichtenagentur Mehr News am 12. Juni einen durchgesickerten Vertragsentwurf. Dieser zeichnet ein maximalistisches Bild: Er fordert die Freigabe aller 24 Milliarden Dollar, einen von den USA zu finanzierenden Wiederaufbauplan über mindestens 300 Milliarden Dollar und bekräftigt sogar Irans Anspruch auf das „Management“ der Straße von Hormus
.
Das Durchsickern dieses Maximalentwurfs über IRGC-nahe Kanäle wird von Analysten als Druckmittel der Hardliner gewertet, um vor einer endgültigen Unterzeichnung extreme Positionen festzuzurren . Die Themen ballistisches Raketenprogramm und Unterstützung für Stellvertreter wie die Hisbollah wurden auf Irans Drängen hin aus dem Interimsabkommen ausgeklammert und sollen, wenn überhaupt, erst in Folgeverhandlungen besprochen werden
.
Selbst wenn man sich auf wundersame Weise bei den eingefrorenen Vermögenswerten einigen würde, steht dem Deal ein separates, fast unlösbares Problem im Weg. Iran hat einen Waffenstillstand im Libanon zu einer unabdingbaren Bedingung für den Abschluss eines Abkommens mit den USA erklärt .
Diese Bedingung ist derzeit unerfüllt und wirkt fast zynisch. Am 4. Juni lehnte Hisbollah-Führer Naim Qassem ein von den USA vermitteltes Waffenstillstandsabkommen zwischen Israel und dem Libanon offiziell ab. Er nannte den Deal einseitig und sagte, er würde die Kapitulation seiner Kämpfer vor den israelischen Streitkräften verlangen . Qassem forderte den vollständigen Abzug der israelischen Truppen aus allen libanesischen Gebieten als nicht verhandelbare Bedingung
. Die Ablehnung ließ den fragilen Waffenstillstand sofort kollabieren und führte zu erneuten Feindseligkeiten
.
Dieser Schachzug untergräbt Irans Fähigkeit, seine eigene Vorbedingung zu erfüllen, und macht das gesamte US-iranische Abkommen zu einer Geisel der Ereignisse im Libanon. Solange die Kämpfe dort andauern, kann Teheran sie als Vorwand zum Verzögern nutzen, trägt aber gleichzeitig das Risiko, direkt in einen größeren regionalen Konflikt hineingezogen zu werden .
Der gesamte Prozess wurde durch ein aktives Zwei-Nationen-Vermittlungsteam zusammengehalten, das nun unter enormem geopolitischen Erfolgsdruck steht. Pakistan hat sich als primärer Makler hervorgetan, wobei Premierminister Shehbaz Sharif eine persönliche und öffentliche Rolle bei der Sicherung des endgültigen Textes spielte . Auch Pakistans Armeechef war direkt involviert und kontaktierte US-Vizepräsident Vance in kritischen Phasen mehrmals täglich
. Katar spielte eine entscheidende unterstützende Rolle, insbesondere bei den Gesprächen über einen möglichen humanitären Mechanismus für die eingefrorenen Gelder und als Gastgeber direkter Verhandlungen
.
Der iranische Außenminister Abbas Araghchi sagte, das Abkommen sei „näher denn je“, warnte aber gleichzeitig vor voreiligen Schlüssen . Die intensive Pendeldiplomatie hat Islamabad und Doha eine immense Verantwortung aufgebürdet. Ein Erfolg könnte den Friedensnobelpreis bedeuten – ein Scheitern wäre katastrophal.
Comments
0 comments