Diese Gase sind die architektonischen Vorläufer des bodennahen Ozons. Eine NASA-Studie, die den Zeitraum von der vorindustriellen Zeit bis zum Jahr 2010 betrachtet, errechnete einen zusätzlichen Strahlungsantrieb (den messbaren Erwärmungseffekt) durch troposphärisches Ozon. Die Modellierung schreibt diesen Anstieg zu 44 Prozent den Methanemissionen zu, gefolgt von Stickoxiden (31 %), Kohlenmonoxid (15 %) und NMVOCs (9 %) . Diese Zahlen verdeutlichen, dass der Kampf gegen die Erderwärmung ohne sie kaum zu gewinnen ist.
Der entscheidende Mechanismus spielt sich in den unteren Schichten der Atmosphäre ab. In den ersten 10 bis 15 Kilometern über dem Boden, der Troposphäre, wird aus den ausgestoßenen Schadstoffen in einer fotochemischen Reaktionskette unter Sonneneinstrahlung Ozon gebacken .
Dieses bodennahe Ozon ist ein zweischneidiges Schwert: Es ist nicht nur der Hauptbestandteil von gesundheitsschädlichem Sommersmog, sondern auch ein äußerst potentes, kurzlebiges Treibhausgas. Sein Beitrag zur Erwärmung ist so bedeutend, dass der Weltklimarat (IPCC) ihn in seinen Berichten gesondert ausweist. Im aktuellen Sachstandsbericht wird der gesamte Strahlungsantrieb durch troposphärisches Ozon auf etwa 0,40 Watt pro Quadratmeter geschätzt – ein Wert, der in der gleichen Größenordnung liegt wie der Anteil mancher halogenierter Kältemittel .
Trotz dieser gewaltigen Wirkung führen die Gase im Regelwerk der internationalen Klimapolitik ein Schattendasein. Das Kyoto-Protokoll von 1997 konzentrierte sich auf einen Korb direkter Treibhausgase: CO₂ (Kohlendioxid), CH₄ (Methan), N₂O (Lachgas), F-Gase und Schwefelhexafluorid. Indirekte Treibhausgase wie CO, NOₓ und NMVOCs fanden dort keinen Platz .
Der Grund liegt auch in der Geschichte der Klimawissenschaft. Während die direkte, jahrhundertelange Wärmewirkung von CO₂ früh verstanden wurde, waren die verschlungenen indirekten Pfade über die Atmosphärenchemie lange Zeit mit großen Unsicherheiten behaftet. Ein wissenschaftlicher Bericht der NOAA aus den 1990er-Jahren hielt fest, dass die Abschätzung dieser Effekte durch komplexe chemische Prozesse und räumlich-zeitliche Variationen stark eingeschränkt sei .
Diese Unsicherheit führte dazu, dass die Gase nicht als offizielle Treibhausgase aufgenommen wurden. Selbst in nationalen Treibhausgasinventaren des Vereinigten Königreichs werden sie unter der Rubrik "Indirekte Treibhausgase" nur nachrichtlich geführt, weil sie die Ozonbildung fördern – eine zentrale Steuerungsgröße sind sie aber nicht .
Der große Vorteil einer konsequenten Reduzierung dieser Schadstoffe liegt in ihrer Kurzlebigkeit. Im Gegensatz zu CO₂, das über Jahrhunderte in der Atmosphäre verbleibt, wird bodennahes Ozon innerhalb von Wochen abgebaut. Das bedeutet: Werden die Vorläufergase (CO, NOₓ, NMVOCs) reduziert, sinkt die Ozonbelastung und die dadurch verursachte Erwärmung nahezu sofort .
Diese Reduzierung kann einen unmittelbaren Beitrag zur Einhaltung der Pariser Klimaziele leisten, die darauf abzielen, die Erwärmung auf deutlich unter 2 °C, idealerweise auf 1,5 °C, zu begrenzen . Da das Restbudget an noch zulässigen CO₂-Emissionen extrem knapp bemessen ist, weist eine Studie in Nature darauf hin, dass die Paris-Ziele ohne die konsequente Minderung aller Nicht-CO₂-Emissionen – inklusive der indirekten – nicht erreichbar sind
.
Hinzu kommt ein entscheidender gesellschaftlicher Mitnahmeeffekt: Dieselben Maßnahmen, die das Klima schützen, reinigen die Luft, die wir atmen. Filter- und Katalysatortechnologien im Verkehr, strengere Abgasnormen und der Umstieg auf emissionsärmere industrielle Prozesse würden die Konzentration gesundheitsgefährdender Schadstoffe und des Reizgases Ozon senken. Das ist Klimapolitik, die die Menschen direkt vor Ort spüren und von der ihre Gesundheit profitiert.
Die neue Studie hat eine Lücke in der Klimarahmenkonvention schonungslos offengelegt. Wir haben uns jahrzehntelang fast ausschließlich auf CO₂ und Methan konzentriert, während eine ganze Klasse von Schadstoffen im toten Winkel der Politik rund 0,3 °C zur Erwärmung beigetragen hat. Sie jetzt in den Blick zu nehmen, bietet eine der größten und schnellsten Chancen, die Erwärmungskurve zu beeinflussen – und das bei gleichzeitiger Verbesserung der menschlichen Gesundheit. Es wird Zeit, diese unsichtbaren Klimatreiber aus ihrem Schattendasein zu holen.
Hinweis der Redaktion: Die Angabe zum Gesamtbeitrag indirekter Treibhausgase zur aktuellen Erwärmung (ca. 15 % oder 0,3 °C) stützt sich auf die oben genannte Science-Studie und die begleitende wissenschaftliche Kommunikation . Die im Artikel genannten chemischen Wirkmechanismen und Quellen sind durch die übrigen aufgeführten Quellen breit abgestützt.
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