Eine Analyse des Europäischen Parlaments vom Juni 2026 bezeichnet diese anhaltende Abhängigkeit als „kritische Verwundbarkeit der Finanzarchitektur der Union". Das Problem reicht vom Einzelhandel bis zur Abwicklung von Großtransaktionen.
„Unsere übermäßige Abhängigkeit von ausländischen Zahlungsanbietern macht uns in Zeiten erhöhter geopolitischer Spannungen von der Gnade Fremder abhängig", hieß es bereits 2025 aus dem EZB-Direktorium.
Das zentrale Projekt, um diese Abhängigkeit zu lösen, ist der digitale Euro. Die Europäische Zentralbank hat den Fahrplan bereits konkretisiert:
Die Entwicklungskosten bis zur möglichen Erstemission 2029 werden auf rund 1,3 Milliarden Euro geschätzt.
Moulins Vorstoß kommt nicht im luftleeren Raum. Die globale Rolle des Euro hat zuletzt tatsächlich moderat zugelegt.
Laut einem EZB-Bericht vom 2. Juni 2026 stieg der Anteil des Euro in den Schlüsselindikatoren der internationalen Währungsnutzung auf rund 20 Prozent. Besonders auffällig: Die Emission internationaler Schuldverschreibungen in Euro erreichte 2025 den höchsten Stand seit Bestehen der Währung.
Zudem überholte der Euro den US-Dollar 2025 erstmals als führende Währung auf dem Markt für grüne und nachhaltige Anleihen.
Allerdings mahnen Experten zur Bescheidenheit: Der US-Dollar dominiert das globale Finanzsystem mit rund 58 Prozent der Währungsreserven weiterhin erdrutschartig. Der Zugewinn des Euro ist real, aber nicht revolutionär.
Ironischerweise fällt Moulins Antritt in eine Phase steigender Inflation. Im Mai 2026 kletterte die Teuerung im Euroraum auf 3,2 Prozent – den höchsten Stand seit September 2023.
Die Märkte gehen daher mit überwältigender Mehrheit von einer Zinserhöhung um 25 Basispunkte auf der EZB-Ratssitzung am 11. und 12. Juni 2026 aus. Vorhersagemärkte taxieren die Wahrscheinlichkeit auf 97 Prozent.
Bei seinem ersten Auftritt im EZB-Rat muss Moulin also nicht nur über Souveränität debattieren, sondern auch eine schwierige geldpolitische Entscheidung mittragen.
Der Gouverneur selbst betont, dass die Zentralbank liefern könne – aber die Politik müsse den gesetzlichen Rahmen schaffen. Der digitale Euro hängt entscheidend davon ab, dass Europäisches Parlament, Rat und Kommission die nötigen Rechtsakte rechtzeitig verabschieden.
Das EU-Parlament hat die strategische Dimension längst erkannt und fordert, die Abhängigkeiten von US-Infrastrukturen zu reduzieren, die von Kartennetzwerken bis zu Clearinghäusern reichen. Initiativen wie die European Payments Initiative (EPI), hinter der 16 Großbanken stehen, arbeiten an europäischen Alternativen, die rund 130 Millionen Nutzer vernetzen sollen.
Ob es Europa gelingt, das von Moulin beschriebene Zeitfenster zu nutzen, bleibt offen. Die technischen Vorbereitungen für einen unabhängigeren Zahlungsverkehr laufen. Der politische Wille scheint vorhanden. Jetzt kommt es auf die konkrete Umsetzung an.
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