Die beiden Motoren, die diese Strategie angetrieben haben – ein schwächelnder US-Dollar und fest eingeplante Zinssenkungen der Fed – sind schlicht ausgefallen. Stattdessen bestimmen jetzt Dollar-Stärke und ein hawkisher neuer Fed-Chef Kevin Warsh das Bild, wobei der Krieg zwischen den USA und dem Iran und die damit verbundene faktische Schließung der Straße von Hormus wie ein brandbeschleunigender Schock wirken .
Das Prinzip des klassischen EM-Carry-Trades ist einfach und verlockend: Man leiht sich Geld in einer niedrig verzinsten Währung (wie dem US-Dollar) und legt es in höher verzinsten Schwellenländer-Währungen an . Das Geschäft funktioniert am besten, wenn die Finanzierungswährung an Wert verliert und die globalen Märkte ruhig sind. Genau diese Idealbedingungen herrschten 2025: Ein Bloomberg-Index für EM-Carry-Strategien legte um rund 17 Prozent zu, und Vermögensverwalter von Vanguard bis Goldman Sachs waren sich sicher, dass dieser Trend dank der großen Zinsdifferenzen und eines weichen Dollars auch 2026 anhalten würde .
Diese Rechnung ist nun komplett aufgegangen. Aus dem erwarteten sanften Gleitpfad von Zinssenkungen und einer milden Dollar-Abwertung ist ein Kampf gegen eine hawkishe Notenbank, einen wiedererstarkten Dollar und einen Inflationsschock geworden, der sich direkt gegen die Währungen und Anleihen der Schwellenländer richtet .
Die dramatischste Veränderung im Jahr 2026 ist die völlige Neubewertung des Zinspfades der Fed durch die Märkte. Waren Ende Februar an den Futures-Märkten noch zwei Zinssenkungen für das Jahr fest eingepreist, so hat sich das Blatt radikal gewendet. Bis Mai schätzten die Märkte die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung bis April 2027 auf rund 67 Prozent – eine direkte Folge der hartnäckigen Inflation und des durch den Iran-Krieg ausgelösten Energiepreisschocks . Eine Mehrheit am Futures-Markt erwartet nun mindestens eine Erhöhung um 25 Basispunkte noch vor Ende 2026, wie Daten von CME FedWatch zeigen .
Der neue Fed-Vorsitzende Kevin Warsh, der sein Amt im Mai antrat, hat diesen falkenhaften Kurswechsel bislang eher noch verstärkt, als ihn abzumildern. Schon seine erste Woche im Amt deutete auf einen regelbasierten und restriktiveren Ansatz hin als von vielen Marktteilnehmern erwartet . Öffentlich erklärte Warsh, die Inflation bewege sich „nicht in die richtige Richtung" und er würde es befürworten, die Formulierung, die eine Lockerungstendenz signalisiert („Easing Bias"), aus den Statements der Fed zu streichen . Die Bühne dafür war bereits bereitet: Der Offenmarktausschuss (FOMC) unter seinem Vorgänger hatte auf seiner April-Sitzung bereits einen neutraleren bis falkenhafteren Ton angeschlagen, nachdem die Leitzinsen bei 3,5 bis 3,75 Prozent belassen worden waren . Mehrere Fed-Vertreter signalisierten bereits zuvor ihre Offenheit für Zinserhöhungen, falls die erhöhte Inflation anhalten sollte .
Für den EM-Carry-Trade ist eine falkenhafte Fed eine direkte Bedrohung. Höhere US-Zinsen machen auf Dollar lautende Anlagen attraktiver und verteuern gleichzeitig die Dollar-Kredite – ein Doppelschlag für Schwellenländerwährungen, die auf der Suche nach Rendite stets auf Kapitalzuflüsse angewiesen sind.
Die Grundannahme für die optimistischen Prognosen zu Jahresbeginn war ein schwächerer Dollar. Viele Analysten gingen für 2026 von einer milden Dollar-Abwertung aus, was ein ideales Umfeld für Schwellenländerwährungen geschaffen hätte . Bis Ende Januar 2026 lagen Carry-Strategien bereits 1,3 Prozent im Plus, da Anleger in Währungen aus Brasilien, Südafrika und Ägypten strömten .
Diese Annahme hat sich dramatisch ins Gegenteil verkehrt. Der Dollar ist aufgrund der Erwartung gestiegen, dass die Fed in ihrem Kampf gegen die Inflation geduldig bleiben und die Zinsen womöglich sogar erhöhen muss . Der Vermögensverwalter State Street Global Advisors brachte die neue Dynamik im April auf den Punkt: Die eskalierenden Kriegsrisiken und Versorgungsstörungen im Energiesektor verstärken die Dollar-Stärke; die Wahrscheinlichkeit einer anhaltenden Dollar-Stärke über ein bis zwei Quartale hinweg sei gestiegen . Ein starker Dollar macht die Erträge des Carry-Trades auf einen Schlag zunichte, denn schon eine geringfügige Abwertung der hochverzinsten EM-Währung kann den Zinsvorteil innerhalb weniger Wochen auffressen.
Das letzte und vielleicht schlagkräftigste Element in dieser Gemengelage ist der Krieg zwischen den USA und dem Iran. Der am 28. Februar 2026 begonnene Konflikt hat zur größten Versorgungsstörung in der modernen Marktgeschichte geführt, da faktisch die Straße von Hormus blockiert ist, durch die normalerweise etwa 20 Prozent des globalen Ölhandels fließen . Insgesamt wurden rund 20 Millionen Barrel pro Tag vom Markt genommen . Die Internationale Energieagentur (IEA) nannte es die „größte Versorgungsstörung in der Geschichte der Ölmärkte", und ihr Chef Fatih Birol verglich die kombinierten Auswirkungen mit der Ölkrise von 1973 und dem Energieschock von 2022 zusammengenommen .
Dieser Energieschock wirkt über mehrere Kanäle direkt auf die Klemme beim EM-Carry-Trade zurück:
Die Lage bleibt unübersichtlich. Eine Waffenruhe im April ließ kurzzeitig die Hoffnung aufkeimen, dass ein Teil der Störungen rückgängig gemacht werden könnte. Doch erneute Gefechte und der unsichere Status der amerikanisch-iranischen Verhandlungen bedeuten, dass die Straße von Hormus ein akutes Risiko bleibt . Sollte die Blockade andauern, hat die chinesische Investmentbank CICC gewarnt, dass der Preis der Nordseesorte Brent auf über 120 Dollar pro Barrel steigen und zu einem massiven Abbau der globalen Lagerbestände führen könnte – was die Schwellenländer noch stärker unter Druck setzen würde .
Die folgende Tabelle zeigt, wie fundamental sich die Bedingungen für den EM-Carry-Trade seit Jahresbeginn verschlechtert haben:
| Faktor | Frühjahr 2026 (vor dem Schock) | Mitte 2026 (aktuelles Umfeld) |
|---|---|---|
| Erwartungen an die Fed | Zwei Zinssenkungen noch Ende Februar voll eingepreist | 67 % Wahrscheinlichkeit für eine Erhöhung bis April 2027 |
| US-Dollar-Trend | Leichte Abwertung für 2026 erwartet | Deutliche Stärke aufgrund hawkisher Fed-Erwartungen |
| Ölangebot und -preise | Kaum Impulse für höhere Volatilität erwartet | Historisch größte Versorgungsstörung mit stark steigenden Preisen |
| EM-Carry-Erträge | Carry-Strategien galten als Schlüsselthema für 2026 | Starker Druck durch veränderte Dollar- und Zinserwartungen |
| Risiko für EM-Anleihen | Renditesuche durch ein Umfeld geringer Volatilität gestützt | Höhere US-Zinsen und Energiekosten erhöhen den Finanzierungsstress massiv |
Die Geschwindigkeit des Wandels ist atemberaubend. Noch Ende 2025 weiteten große Vermögensverwalter aktiv ihre Carry-Positionen aus, im Vertrauen auf eine lockere Fed und niedrige Volatilität . Nur ein halbes Jahr später sind diese Annahmen durch ein Regime aus Zinserhöhungsrisiken, Dollar-Stärke und der schwersten Energiekrise seit Jahrzehnten ersetzt worden.
Die Zukunft des EM-Carry-Trades ist damit jedoch nicht in Stein gemeißelt. Mehrere Faktoren könnten den Druck wieder mindern:
Das Fazit ist klar: Der EM-Carry-Trade ist von einem stützenden Umfeld aus Dollarschwäche und niedriger Volatilität in eine weitaus feindlichere Lage geraten. Die Kombination aus einer hawkishen Fed unter Kevin Warsh, einem stärker werdenden Dollar und einem massiven Ölpreisschock, der an der Straße von Hormus seinen Ausgang nahm, ist strukturell toxisch für diese Strategie. Eine Lösung der Energiekrise könnte etwas Erleichterung bringen. Vorerst aber zieht sich die Schlinge weiter zu.