RHINE steht für R-process Heating Implementation in hydrodynamic simulations with NEural networks. Es ist ein maschinelles Lernverfahren, das darauf trainiert ist, die nukleare Heizrate und die chemische Zusammensetzung aus dem r-Prozess direkt während einer hydrodynamischen Simulation vorherzusagen. Normalerweise müsste man zu jedem Zeitschritt in jeder Zelle der Simulation ein volles Kernreaktionsnetzwerk durchrechnen – Tausende von Isotopen und ihre Umwandlungen verfolgen. RHINE ersetzt dieses aufwendige Verfahren durch ein kompaktes, schnelles neuronales Netz und senkt den Rechenaufwand damit drastisch .
RHINE verwendet eine sogenannte Multilayer-Perceptron-Architektur, die mit Tausenden von Referenzrechnungen aus einem vollständigen Kernnetzwerk trainiert wurde. Diese Trainingsdaten decken die thermodynamische und chemische Entwicklung neutronenreicher Materie unter typischen Merger-Bedingungen ab.
Im Einsatz benötigt das trainierte Netzwerk nur vier lokal berechnete Größen als Eingabe: die Dichte, die Temperatur, den Elektronenanteil und die mittlere Massenzahl. Daraus prognostiziert es acht entscheidende Quellterme, die den weiteren Verlauf des r-Prozesses steuern – darunter die nukleare Heizrate, die Änderungen des Elektronenanteils sowie die durchschnittliche Atom- und Massenzahl der Materie .
Diese Vorhersagen werden an jedem Ort und zu jedem Zeitpunkt in die hydrodynamische Simulation eingespeist. Die Forscher müssen das vollständige Kernnetzwerk also nicht länger in Echtzeit mitlaufen lassen. Dieser konzeptionell einfache, aber wirkungsvolle Ansatz beseitigt den Engpass, der lang laufende oder hochauflösende r-Prozess-Simulationen bislang unpraktikabel machte .
Wenn ein maschinelles Lernmodell fundamentale Physikberechnungen ersetzt, ist eine strenge Validierung unerlässlich. Das RHINE-Team unterzog das neuronale Netz zwei anspruchsvollen Testklassen, um seine Zuverlässigkeit unter realistischen Bedingungen sicherzustellen :
Die Forscher betonten, dass die Methode eine „enorme Menge an Rechenzeit“ einsparen könne, ohne die für die astrophysikalische Interpretation nötige Genauigkeit zu opfern .
Die vom r-Prozess freigesetzte Energie verändert Geschwindigkeit, Temperatur und chemische Zusammensetzung der ausgeworfenen Materie direkt – alles Faktoren, die die Lichtkurve einer Kilonova prägen, die wir mit Teleskopen beobachten. Die historische Kilonova AT2017gfo, die mit dem Gravitationswellen-Ereignis GW170817 einherging, lieferte den ersten detaillierten Blick auf ein solches Leuchten. Es blieb jedoch schwierig, dieses Signal mit der zugrundeliegenden Kernphysik zu verknüpfen. RHINE erlaubt es nun, die r-Prozess-Heizung selbstkonsistent in 3D-Simulationen einzubauen und damit theoretische Vorhersagen zu generieren, die sich direkt mit beobachteten Kilonovae vergleichen lassen .
RHINE wird außerdem als rechnerische Brücke zwischen der Theorie und den kommenden kernphysikalischen Experimenten an FAIR (Facility for Antiproton and Ion Research) in Darmstadt dienen. FAIR wird die Eigenschaften exotischer, neutronenreicher Atomkerne untersuchen, die experimentell bisher unzugänglich sind, aber den r-Prozess entscheidend beeinflussen. Indem RHINE Simulationen so weit beschleunigt, dass sie mit dem Tempo der Datenanalyse Schritt halten können, eröffnet es den Weg, Labormessungen direkt mit astrophysikalischen Beobachtungen zu verknüpfen – und Modelle der Elemententstehung erstmals an realen Kerndaten zu testen .
Ganz im Sinne der offenen Wissenschaft hat das Forschungsteam den RHINE-Quellcode auf Zenodo, dem offenen wissenschaftlichen Repositorium, öffentlich zugänglich gemacht. Interessierte Forschergruppen können die Methode hier einsehen und in eigenen Arbeiten nutzen:
Diese öffentliche Freigabe bedeutet, dass andere Simulationsgruppen RHINE in ihre eigenen Merger-Codes implementieren können, was die Wirkung des Frameworks in der gesamten Astrophysik-Gemeinschaft vervielfachen dürfte.