Die Contrarians stützen ihre Skepsis auf mehrere wirtschaftliche Pfeiler:
1. Das Wachstum trägt keine Zinserhöhungen
Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Eurozone dümpelt vor sich hin. Die EZB selbst prognostiziert für 2026 lediglich ein Wachstum von 0,9 % . Ohne eine robuste Binnenkonjunktur fehlt der nachfragegetriebene Inflationsdruck. Die aktuelle Teuerung ist daher weniger ein Fall für die Geldpolitik, sondern ein temporärer Kostenschock.
2. Inflation ist ein Energieproblem, kein Nachfrageproblem
Die Inflationsrate sprang im April auf 3,0 % und erreichte damit den höchsten Stand seit 2023 . Verantwortlich ist jedoch fast ausschließlich der Ölpreis, der im Zuge des Iran-Konflikts auf Vierjahreshochs geklettert ist und Industrieprodukte verteuert
. Energiepreise stiegen allein im April um 10,9 % zum Vorjahr.
„Den stress an den Energiemärkten als gegeben anzunehmen, wäre falsch. Die Straße von Hormus ist ein politischer Engpass, kein dauerhafter Angebotsbruch“, heißt es sinngemäß in einer Analyse von JPMorgan AM.
3. Die Geschichte als Warnung
Die EZB hat bereits zweimal in der jüngeren Vergangenheit die Zinsen mitten in einer labilen Konjunktur erhöht – 2008 vor der Finanzkrise und 2011 vor der Euro-Schuldenkrise. Beide Male erwiesen sich die Preisschübe als kurzlebig, und die Zentralbank musste ihre Fehler bald korrigieren. Diese historischen Fehltritte untermauern die Sorge vor einem erneuten „vorzeitigen Straffungsfehler“.
Der Krieg im Nahen Osten ist der dominierende geopolitische Faktor. Er hat Ölpreise in die Höhe schießen lassen und Lieferketten unterbrochen – ein stagflationärer Impuls: höhere Preise bei gleichzeitig sinkender Wirtschaftszuversicht. Die Contrarians setzen darauf, dass dieser Preisdruck nachlässt, sobald sich die politische Lage beruhigt. Sollte es zu einer Waffenruhe kommen, würde die Dringlichkeit für Zinserhöhungen schlagartig sinken.
Der 11. Juni wird zeigen, ob die EZB dem Druck des Marktes nachgibt oder die Argumente der konjunkturellen Vernunft stärker gewichtet. Für Anleger birgt die Wette von JPMorgan AM und Pictet jedenfalls ein erhebliches Überraschungspotenzial.
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