Die Automobilindustrie steht dabei im Zentrum des Sturms. Laut einer internen Analyse der Kommission, über die Bloomberg berichtete, könnten rund 600.000 Stellen in der Autoproduktion auf dem Spiel stehen . Selbst die oft als Wachstumsmotor gepriesene grüne Industrie bleibt nicht verschont: Etwa 85.000 Jobs in der Batteriefertigung und fast 59.000 in der Wärmepumpenproduktion könnten bei stagnierenden Investitionen verloren gehen
.
Dieser Beschäftigungsschock trifft auf eine ohnehin schwächelnde Konjunktur. In ihrer Frühjahrsprognose 2026 rechnet die Europäische Kommission mit einem abflachenden EU-Wirtschaftswachstum von nur 1,1 % im Jahr 2026, nach 1,5 % im Vorjahr. Das Beschäftigungswachstum in der EU dürfte auf mickrige 0,3 % zurückgehen . Die Energiepreisinflation wird im zweiten Quartal 2026 voraussichtlich mit über 11 % ihren Höhepunkt erreichen und bis zum Jahresende erhöht bleiben – ein Dauerdruck für Haushaltsbudgets und Unternehmensbilanzen
.
Die Krise trifft nicht alle Wirtschaftszweige gleich. Im Epizentrum stehen die energieintensiven Industrien. Die EZB schätzte, dass ein dauerhafter Anstieg der Strompreise um 10 Prozent die Beschäftigung in diesen Sektoren um bis zu 2 % senken könnte . Die Gefahren enden aber nicht am Werkstor. Wie die EZB weiter warnte, könnte auf jeden verlorenen Arbeitsplatz in der Hightech-Fertigung ein Vielfaches an Stellen im lokalen Dienstleistungssektor folgen – ein Multiplikatoreffekt, der ganze Regionen in Mitleidenschaft zieht
.
Diese Verwundbarkeit lagert sich über eine bereits fortschreitende Erosion der industriellen Basis Europas. Schon im Januar 2026 hatte die EU-Kommission in einer Mitteilung gewarnt, dass „Europas industrielle Basis erodiert, was zum Verlust von Arbeitsplätzen in der Fertigung und zu Fabrikschließungen führt“ – bedingt durch externen Wettbewerbsdruck und anhaltende interne Hürden im europäischen Binnenmarkt . Der aktuelle Energieschock beschleunigt diesen Trend. Eine Analyse von Goldman Sachs Research geht davon aus, dass die höheren Energiekosten die europäische Industrieproduktion bis Ende 2027 im Vergleich zum Vorkrisenniveau um 2 % dämpfen werden
.
Das Vereinigte Königreich, obwohl kein EU-Mitglied mehr, bekommt eine besonders scharfe Variante dieser Krise zu spüren. Laut dem OECD-Ausblick vom Juni 2026 steuert Großbritannien auf den stärksten Anstieg der Arbeitslosigkeit unter den G7-Staaten in diesem Jahr zu. Die Arbeitslosenquote soll auf 5,5 % klettern, nach 4,8 % im Jahr 2025 . Ein unabhängiger Bericht prognostiziert im Jahr 2026 einen Nettoverlust von 163.000 Arbeitsplätzen im Vereinigten Königreich. Der erwartete Rückgang der Beschäftigung um 0,4 % trifft strukturschwächere Regionen wie Südwales mit einem prognostizierten Verlust von 5.700 Jobs und die Region Humber mit 2.800 Jobs besonders hart
.
Das gesamtwirtschaftliche Umfeld ist düster. Das BIP-Wachstum in Großbritannien wird voraussichtlich auf nur 0,9 % im Jahr 2026 einbrechen, fast eine Halbierung gegenüber den 1,4 % von 2025. Grund dafür ist, dass der Energieschock die Realeinkommen zusammendrückt. Die Inflationsrate soll in diesem Jahr auf 3,7 % steigen, angetrieben durch höhere Kraftstoff- und Energiekosten . Einige unabhängige Prognostiker, darunter der EY Item Club, warnen sogar, dass das Vereinigte Königreich an den Rand einer technischen Rezession gedrängt werden könnte und die Arbeitslosigkeit bis Mitte 2027 auf 5,8 % steigen könnte, wenn die Energiepreise hoch bleiben
.
Morten Wierods Forderung nach Deregulierung ist kein abstrakter Appell. Ein gemeinsamer Arbeitgeberbeitrag zum Europäischen Semester 2026 identifizierte das regulatorische Umfeld als das größte Investitionshemmnis in der EU – noch vor den hohen Energiepreisen und dem Fachkräftemangel . Der Eurochambres Economic Survey 2026, der Unternehmen auf dem ganzen Kontinent befragt, bestätigte, dass hohe Lohnkosten, regulatorische Lasten und der Mangel an qualifizierten Arbeitskräften die drei größten betrieblichen Hürden darstellen
.
Wierod verwies dabei konkret auf die schleppende Umsetzung von Reformen, die der ehemalige italienische Ministerpräsident Mario Draghi bereits vor fast zwei Jahren vorgeschlagen hatte. Das mangelnde Tempo der europäischen Gesetzgebungsorgane sei ein kritisches Versagen . Seine eindringliche Warnung – dass er nicht erleben möchte, wie erst Massenarbeitslosigkeit den entscheidenden Handlungsdruck erzeugt – macht die kommenden Monate zu einem Test: Kann die EU ihr Regelwerk schnell genug entschlacken, um einen Energieschock zu verkraften, der nach Einschätzung der EZB in seinem historischen Ausmaß beispiellos ist?
Comments
0 comments