Dieser Vorwurf betrifft die Nutzer am unmittelbarsten. Die BCA beschuldigt Microsoft des Einsatzes sogenannter „Dark Patterns“ – psychologischer Designtricks, die Nutzer gezielt zu Edge drängen und den Wechsel künstlich erschweren . Beispiele hierfür sind penetrante, wiederholte Aufforderungen, Edge als Standard zu setzen, tief versteckte Optionen für andere Browser und Warnmeldungen, die Alternativen als unsicher darstellen. Für die Allianz ist das kein aggressives Marketing, sondern eine kalkulierte Zermürbungstaktik
.
Der Kampf wird auch im Verborgenen geführt, bevor der PC überhaupt beim Verbraucher ankommt. Die BCA und Opera nehmen besonders das „Jumpstart-Programm“ von Microsoft ins Visier. Sie werfen dem Konzern vor, mit finanziellen Anreizen und kommerziellem Druck dafür zu sorgen, dass Edge der exklusiv oder stark bevorzugt vorinstallierte Browser auf neuen PCs ist . Indem man Rivalen diesen entscheidenden Erstkontakt verwehre, werde eine elementare Säule der Browser-Entdeckung abgewürgt.
Die BCA ist längst mehr als eine PR-Kampagne. Stand Anfang Juni 2026 hat sie formelle Kartellverfahren auf drei Kontinenten katalysiert.
Am 14. Mai 2026 eröffnete die britische Wettbewerbsbehörde (Competition and Markets Authority, CMA) eine Untersuchung zum Strategic Market Status (SMS) des gesamten Geschäftssoftware-Ökosystems von Microsoft . Die bis zu neun Monate dauernde Prüfung zielt nicht nur auf Browser ab, sondern bezieht Windows, Office, Teams, Copilot und die Cloud-Lizenzierung mit ein
.
Obwohl das Browser-Thema nur ein Aspekt ist, deckt sich der erklärte Prüfauftrag der CMA, wettbewerbswidrige Bündelung zu untersuchen, direkt mit dem Kernanliegen der BCA. Sollte Microsoft der SMS-Status zuerkannt werden, könnte die Behörde tiefgreifende Öffnungen des Ökosystems erzwingen – ein erster Härtetest für Großbritanniens neue Digitalmarkt-Kompetenzen .
In der EU hat die BCA ihre konzentrierteste Lobbyarbeit geleistet. Am 25. März 2026 verabschiedete der Ausschuss für Binnenmarkt und Verbraucherschutz (IMCO) des Europäischen Parlaments eine Resolution, die Microsoft zu einer „effektiven Nutzerwahl und einem fairen und bestreitbaren Umfeld für Drittanbieter“ auffordert . Die BCA feierte dies als „bedeutenden Schritt“ und nutzt die Resolution als Druckmittel.
Das Schreiben vom 3. Juni 2026 appelliert direkt an die EU-Kommission, nach dem Digital Markets Act (DMA) zu handeln . Die zentrale und seit Gründung der Allianz wiederholte Forderung: Die Kommission muss Microsoft Edge als „Gatekeeper“ einstufen – ein Status, den sie in ihrem ersten Bescheid vom September 2023 verweigerte, obwohl Microsoft die quantitativen Schwellenwerte übertraf
.
Die Kommission begründete ihre damalige Ablehnung damit, dass Edge keine ausreichend gefestigte Marktposition habe . Opera focht diese Entscheidung im Juli 2024 vor dem Gericht der Europäischen Union an; das Verfahren ist noch anhängig
. Eine formelle Untersuchung ist in der EU Stand Juni 2026 nicht eröffnet, doch die steigende politische Schlagseite und der neue BCA-Vorstoß machen den Gatekeeper-Status für Edge zur hochaktuellen regulatorischen Frage.
Die konkreteste Aktion spielt sich in Brasilien ab, wo die Wettbewerbsbehörde CADE eine gezielte Untersuchung des Jumpstart-Programms führt. Auslöser war eine formelle Beschwerde von Opera im Juli 2025, und die BCA hat das Verfahren ausdrücklich befeuert .
Am 12. Februar 2026 richtete CADE formelle Auskunftsersuchen an zehn große Windows-PC-Hersteller und verlangte Einblick in Verträge mit Microsoft und die Bedingungen für die Vorinstallation konkurrierender Browser . Geklärt werden soll, ob das Jumpstart-Programm wie eine Exklusivvereinbarung wirkt und so den Wettbewerb schon bei der ersten Inbetriebnahme aushebelt. Die Untersuchung läuft und ist die direkteste juristische Herausforderung für Microsofts OEM-Praktiken.
Das Bild von Anfang Juni 2026 zeigt synchronisierten Druck, aber eine uneinheitliche regulatorische Landschaft. Brasiliens CADE könnte Microsoft zu drastischen Vertragsänderungen mit PC-Herstellern zwingen. Die CMA in Großbritannien könnte weitreichende Abhilfemaßnahmen für das gesamte Software-Ökosystem verhängen. In der EU hingegen muss die BCA noch die Gatekeeper-Hürde nehmen, ohne die dem DMA seine schärfsten Werkzeuge fehlen.
Die Strategie der Allianz ist glasklar: Ein globales regulatorisches Kesseltreiben, bei dem eine echte, neutrale Browser-Wahl für Microsoft irgendwann billiger ist als die endlose Verteidigungsschlacht. Der Konzern hat im EU-Raum einige DMA-bedingte Zugeständnisse gemacht – Edge ist nun deinstallierbar, die penetranten Nötigungsbildschirme wurden zurückgefahren –, doch die BCA tut dies als „verspätet, widerwillig und unvollständig“ ab . Die grundsätzliche Machtasymmetrie – ein Betriebssystem-Hersteller, der Hunderte Millionen Nutzer zu seinem eigenen Browser lenkt – bleibt bestehen. Nun liegt es an den Kartellwächtern der Welt, sie endlich zu brechen.
Comments
0 comments