Die EZB-Forscher um den Ökonomen Olivier Coibion folgern daraus: Wiederholte geopolitische Schocks verstärken die Angst vor einer Stagflation – also einer giftigen Mischung aus steigenden Preisen und sinkender Wirtschaftsleistung. Besonders empfindlich zeigen sich die kurzfristigen Erwartungen . Das bedeutet: Selbst wenn die Inflation objektiv noch nahe am EZB-Ziel von zwei Prozent liegt, antizipieren die Menschen bereits einen neuen Preisschock und schränken ihren Konsum ein
.
Die offiziellen Projektionen der EZB-Volkswirte untermauern das düstere Bild. Demnach klettert die Gesamtinflation (Harmonisierter Verbraucherpreisindex, HVPI) im zweiten Quartal 2026 auf 3,1 %, getrieben von einem Schub bei den Energiepreisen . Im dritten Quartal soll sie dann auf 2,8 % zurückgehen. Für das Gesamtjahr 2026 rechnet die EZB mit durchschnittlich 2,6 % Inflation – eine deutliche Korrektur nach oben gegenüber früheren Schätzungen
.
Direkt nach Kriegsbeginn meldeten fast 50 % der CES-Befragten, dass sie mit weiter steigenden Preisen rechnen – ein Niveau, das selbst während des Ukraine-Schocks nicht erreicht wurde .
Interessant ist der Blick auf die Firmen. Tägliche Antworten auf eine EZB-Unternehmensumfrage zeigen einen klaren Anstieg der Ein-Jahres-Inflationserwartungen: von 2,5 % vor dem Krieg auf 3,0 % danach . Bei den Erwartungen für drei und fünf Jahre tat sich hingegen kaum etwas
. Das deutet darauf hin, dass viele Betriebe den Preisschub bisher als temporär einstufen. Sollte der Krieg jedoch Monate andauern und die Lieferketten für Treibstoff, Wasserstoff und Helium massiv stören, fürchtet die Industrie einen erneuten Inflationsschub, der an die heftige Teuerungswelle nach der Pandemie erinnert
. Besonders betroffen wären dann Luftfahrt, Logistik, Chemie, Kunststoff- und Verpackungsindustrien
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Die EZB macht in ihrem halbjährlichen Finanzstabilitätsbericht vom Mai 2026 kein Geheimnis aus den Gefahren. Der Iran-Krieg und die anhaltenden Handelskonflikte könnten das Wachstum im Euroraum spürbar dämpfen, die Kreditkosten in die Höhe treiben und es einigen Mitgliedstaaten erschweren, ihre Staatshaushalte im Griff zu behalten .
Die direkten Folgen des Konflikts sind bereits sichtbar: Die globale Energie- und Rohstoffversorgung ist gestört, die Wachstumsaussichten sind eingetrübt, und die Energiepreise sind gestiegen . All dies nährt die Inflation. Zwar haben die Finanzmärkte den Schock bisher vergleichsweise gelassen weggesteckt – Aktien sind hoch bewertet, die Risikoaufschläge für Unternehmens- und Staatsanleihen sind niedrig. Doch genau darin sehen die Währungshüter eine Gefahr: Anleger könnten die Risiken zu sorglos sehen
.
Für die Gesamtwirtschaft bedeutet der Krieg vor allem eines: eine deutliche Zunahme der Unsicherheit. Die EZB spricht von Aufwärtsrisiken für die Inflation und Abwärtsrisiken für das Wirtschaftswachstum . Die mittelfristigen Folgen hängen entscheidend davon ab, wie heftig und wie lang der Konflikt andauert und wie stark er auf die Verbraucherpreise und die Konjunktur durchschlägt
.
Umfragebasierte Konsensprognosen gehen von einem spürbaren, aber zeitlich begrenzten Inflationseffekt aus, der vor allem durch die höheren Energiepreise verursacht wird . Die Botschaft der EZB-Forscher ist jedoch klar: Die wirtschaftlichen Narben des Ukraine-Krieges sind noch nicht verheilt. Ein neuer Schock trifft die Eurozone deshalb an einer besonders verwundbaren Stelle – bei den Ängsten und Erwartungen ihrer Bürger.
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