EZB-Präsidentin Christine Lagarde vermeidet es zwar, sich öffentlich auf eine Zinserhöhung im Juni festzulegen, die jüngsten Stellungnahmen der Notenbank sind jedoch spürbar restriktiver – im Fachjargon „falkenhafter“ – geworden.
Bei ihrer April-Sitzung beließ der EZB-Rat die Leitzinsen noch unverändert, warnte aber zugleich, dass die Inflationsrisiken durch den kriegsbedingten Anstieg der Energiepreise zugenommen hätten.
Lagarde beschrieb die geopolitische Lage mehrfach als einen erheblichen wirtschaftlichen Schock, dessen Auswirkungen länger anhalten könnten, als die Märkte derzeit erwarten. Dies gelte besonders, wenn die Schäden an der Energieinfrastruktur und die Störungen der Lieferwege bestehen blieben.
Die offizielle Linie der EZB bleibt dennoch datenabhängig: Die endgültige Entscheidung im Juni wird auf Basis der dann aktuellsten Inflations- und Wachstumsdaten fallen.
Parallel zur offiziellen Kommunikation haben sich mehrere Mitglieder des EZB-Rats öffentlich für einen baldigen Zinsschritt ausgesprochen:
Zudem betonte Martin Kocher, Gouverneur der Österreichischen Nationalbank, dass eine Zinsanpassung unumgänglich werde, falls sich die Lage nicht signifikant verbessere.
Die ökonomische Bedeutung des Konflikts liegt vor allem in den Energielieferwegen. Durch die Straße von Hormus läuft ein großer Teil der weltweiten Öltransporte. Schon die Unsicherheit darüber, ob Schiffe die Meerenge sicher passieren können, lässt die globalen Energiepreise schnell steigen.
EZB-Volkswirte stellen fest, dass der jüngste Preisschub bei Öl und Gas zu einem guten Teil auf diese Unsicherheit zurückzuführen ist.
Höhere Energiepreise treiben nicht nur die Gesamtinflation in die Höhe. Sie dämpfen auch die Wirtschaftsstimmung und erhöhen die Kosten entlang der gesamten Lieferkette. Diese giftige Mischung verkompliziert die Geldpolitik: Sie erhöht den Inflationsdruck und bremst gleichzeitig das Wachstum.
Eine glaubwürdige Deeskalation im Nahen Osten könnte den Kurs der EZB tatsächlich noch einmal verändern. Das wäre die große Unbekannte vor der Juni-Sitzung.
Die Energiemärkte reagieren extrem sensibel auf geopolitische Signale. So sorgten bereits Meldungen über mögliche diplomatische Gespräche zwischen den USA und dem Iran für einen vorübergehenden Rückgang der Ölpreise.
Einige EZB-Ratsmitglieder haben diesen Zusammenhang explizit hergestellt. Pierre Wunsch verknüpfte die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung direkt mit der Frage, ob der Konflikt im Juni noch andauert.
Selbst im Falle einer raschen Entspannung blieben die Währungshüter vermutlich vorsichtig. Lieferverzögerungen und Preisanpassungen brauchen oft Monate, um sich durch die Wirtschaft zu arbeiten. Der Inflationsdruck könnte also länger anhalten, als der erste Blick auf die Energiepreise vermuten lässt.
Die Finanzmärkte haben ihre Erwartungen seit Ausbruch des Konflikts radikal korrigiert.
Zu Beginn des Jahres 2026 rechneten Anleger noch mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit für Zinssenkungen zum Jahresende. Nach dem Energiepreisschock kippte die Stimmung jedoch ins Gegenteil. Die Märkte erwarten nun Zinserhöhungen im Umfang von etwa 40 Basispunkten (0,4 Prozentpunkte) bis Ende 2026.
In der Breite gehen Ökonomen und Händler heute von mindestens einer Zinserhöhung in diesem Jahr aus – wobei die Juni-Sitzung als der mit Abstand wahrscheinlichste Zeitpunkt dafür gilt.
Eine formelle Vorfestlegung für eine Zinserhöhung am 11. Juni gibt es zwar nicht. Die Botschaft der EZB-Spitze und vieler Ratsmitglieder ist aber klar: Der durch den US-iranischen Konflikt verursachte Öl- und Gaspreisschock hat die Inflation wieder deutlich über die Zwei-Prozent-Marke getrieben und die Sorge vor einem breiteren Preisauftrieb wachsen lassen.
Sollten sich die Energiemärkte nicht rasch stabilisieren – oder ein geopolitischer Durchbruch die Angebotsrisiken verringern –, wird die EZB-Sitzung am 11. Juni zunehmend als der Moment gesehen, in dem die Geldpolitik im Euroraum wieder gestrafft wird.