Der wichtigste Faktor ist die Unsicherheit rund um den Konflikt zwischen den USA und Iran sowie mögliche Störungen in der Straße von Hormus. Diese Meerenge zwischen Oman und Iran gehört zu den zentralen Engpässen des globalen Ölhandels: Ein großer Teil der weltweiten Rohölexporte aus dem Persischen Golf passiert diese Route.
Die US‑Energiebehörde EIA sieht genau hier einen entscheidenden Treiber der aktuellen Preisentwicklung. Nach ihren Daten lag der Brent-Preis im März bereits bei durchschnittlich 103 Dollar pro Barrel und könnte im zweiten Quartal 2026 zeitweise bis auf etwa 115 Dollar steigen, solange Angebotsunterbrechungen und Produktionsausfälle anhalten. Selbst wenn sich die Lage später beruhigt, bleibt laut EIA während der Unsicherheitsphase ein geopolitischer Risikoaufschlag im Preis bestehen.
Parallel dazu sind die globalen Ölbestände relativ niedrig. Laut Analysen von Enverus hat die Kombination aus gestörten Transportwegen und reduzierten Exporten aus der Golfregion die Lagerbestände in den OECD‑Staaten spürbar gedrückt.
Das hat einen wichtigen Effekt: Wenn Lagerbestände niedrig sind, gibt es weniger Puffer gegen Angebotsschocks. Jede zusätzliche Störung – etwa ein Produktionsausfall oder ein blockierter Transportweg – wirkt sich dann stärker auf den Preis aus.
Um den Markt zu stabilisieren, haben die USA eine Freigabe von bis zu 172 Millionen Barrel aus der Strategic Petroleum Reserve (SPR) angekündigt. Solche Maßnahmen sollen kurzfristige Versorgungsengpässe abfedern und extreme Preissprünge verhindern.
Allerdings betrachten viele Händler diese Freigaben nur als Übergangslösung. Strategische Reserven können Zeit kaufen, ersetzen aber keine dauerhaft funktionierenden Exportströme aus wichtigen Förderregionen.
Zudem sinken durch die Freigaben die Notfallbestände selbst, was langfristig die politischen Handlungsspielräume einschränken kann, falls die Krise länger anhält.
Frühere Ölpreiszyklen zeigten oft ein klares Muster: Steigende Preise führten schnell zu mehr Produktion aus der US‑Schieferölindustrie. Dieses Mal fällt die Reaktion deutlich moderater aus.
Enverus erwartet deshalb ein länger anhaltendes Preisniveau: Die Analysten prognostizieren durchschnittlich etwa 95 Dollar pro Barrel für den Rest des Jahres 2026 und rund 100 Dollar für 2027. Ein Grund ist, dass zusätzliche Produktion außerhalb der Konfliktregion nicht schnell genug wächst, um verlorene Mengen vollständig zu ersetzen.
Nicht alle Prognosen gehen jedoch von dauerhaft dreistelligen Preisen aus. Die EIA rechnet zwar kurzfristig mit erhöhten Preisen durch Lieferunterbrechungen, erwartet aber eine Entspannung, sobald Exportströme wieder normal laufen und die Produktion steigt.
In diesem Szenario könnte Brent laut EIA gegen Ende 2026 wieder unter 90 Dollar fallen und im Jahr 2027 durchschnittlich etwa 76 Dollar erreichen.
Die Erwartung eines Brent-Preises um 100 Dollar ist im Kern eine Mischung aus zwei Faktoren: einem strukturell knappen Markt und anhaltenden geopolitischen Risiken. Solange Unsicherheit über Lieferungen aus dem Persischen Golf besteht, Lagerbestände niedrig bleiben und neue Produktion nur langsam wächst, bleibt ein spürbarer Risikoaufschlag im Ölpreis wahrscheinlich.